09.11.2007

Hannovers Fanzine zieht Resümee

Die Geschichte der NOTBREMSE

Fanzine machen ist kein Zucker schlecken. Die Jungs von der "Notbremse" aus Hannover können da wohl ein Lied von singen. Wie sie es trotzdem geschafft haben, sich gegen alle erdenklichen Hindernisse durchzusetzen, erzählen sie hier.

Text:
Frank Preßler und Jan C. Rode#www.notbremse96.de
Am 12.02.1997 war es soweit: Die Debütausgabe der NOTBREMSE erblickte das Licht der Fußballwelt zum Derby gegen die Ostzonale Trümmertruppe, in seltenen Fällen auch BTSV genannt. „Wie konnte es so weit kommen“, haben sich damals gewisse Randgruppen gefragt, und sicherlich wollt auch Ihr gerne lesen, weshalb es nun schon so lange die NOTBREMSE im 96er-Umfeld gibt.

Der Beginn eines Abenteuers

Es war der Herbst des Jahres 1996, der Verein war gerade in die Niederungen der Amateurklasse hinabgestiegen, und ich wollte den beginnenden Neuaufbau zum Anlass nehmen, ebenfalls etwas Neues in der kuriosen Fanszene zu etablieren: ein Fanzine! Gewiss gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche, Heftchen an den Mann resp. die Frau zu bringen, jedoch handelte es sich hier bekanntermaßen immer nur um die damals typischen Proll-/Hool-/Dumpfbackenzines, die aber auch wirklich jeglichen Anspruch vermissen ließen. Wie sich jedoch zeigte, gab es in sehr vielen Vereinen Fans, die eine „neue“ Art der Fanzines produzierten. Sie waren kritisch, literarisch, intellektuell, satirisch und immer um Klassen besser als die offizielle Stadionzeitung. Daran wollte ich das 96er-Blatt messen...

Aufgrund fehlender Kontakte war zunächst das `Fanprojekt Hannover` mein Ansprechpartner, das mir wiederum schnell die Namen zweier interessierter Fans mitteilte: Florian, einer der vier Gründer, und Thomas, der jedoch erst später sein Glück im NOTBREMSE-Team suchte und fand. Hinzu stießen dagegen noch Matze vom Fanclub `Rote Sünde`, der die ersten Ausgaben mitgestaltete, und Andreas von den „`Haubentauchern Hasede`“, der leider nur an Nr. 1 mitarbeitete.

Mit viel Enthusiasmus ging es ans Werk, und die Bastelstunden in den Wohnungen von Matze und mir waren ein Highlight in der Geschichte der NOTBREMSE. Geradezu ironisch mutet es übrigens an, dass ausgerechnet ein gewisser und mittlerweile zu Recht völlig unbekannter Herr Oliver W. Interesse zeigte und mir erzählte, ebenfalls entsprechende Ideen zu haben. O.W. gab später ca. 3 Jahre lang sein Naziblatt „Walstatt“ heraus, das er auch ungestört im Stadion verkaufen konnte.

Die Reaktionen zur Debütausgabe

Die Vision, die erste Nummer zum Derby am 12.02.1997 zu veröffentlichen, drohte zunächst am engen Zeitlimit zu scheitern, aber letztlich war der Druck doch rechtzeitig fertig geworden. Die Folgen waren allerdings nicht abzusehen, weder im positiven, noch im negativen Sinne.

Positiv war: Wir erhielten viele zustimmende und dankbare Kommentare, wir begannen, viele Leute kennenzulernen, von denen wir nie dachten, dass sie im Stadion seien. Wir lernten u.a. den Mann kennen, der seitdem unsere Hefte bis zur Nr. 20 druckte und dem wir daher zu unendlichem Dank verpflichtet sind. Wir wussten, dass unsere gerade begonnene Arbeit offensichtlich wichtig war und sehnsüchtig erwartet wurde, und das alleine war bisher immer Antrieb genug, trotz aller Rückschläge weiterzumachen.

Negatives gab es genug: Da war zum einen die Minderheitsfraktion, die sich selbst als deutsch einstufte, aber meistens nur rudimentäre Kenntnisse über die heimische Sprache besaß, sowie darüber hinaus am liebsten gegen Minderheiten hetzte, obwohl sie selber eine war. Diesen stolzen Deutschen ist auch das Erscheinen der NOTBREMSE natürlich nicht verborgen geblieben, und wer den Inhalt nicht lesen konnte, der ließ ihn sich vom Oberguru und einstigen VIP-Dauergast Jürgen N., der die Nationale Sache von oben steuerte, vorlesen. Die NOTBREMSE erdreistete sich nämlich tatsächlich, zum ersten Mal überhaupt, offen den latenten Rassismus bei Hannover 96 anzusprechen und Konsequenzen seitens des Vereins sowie der Polizei zu fordern. Mensch, waren wir dreist!

Da die Rechten zu diesem Zeitpunkt absolute Narrenfreiheit besaßen, war es natürlich auch unproblematisch, massive Drohungen gegen uns auszusprechen, sei es übers Telefon oder häufiger persönlich; vor allem bei Auswärtsfahrten. Tenor dieser Drohungen war das Versprechen, dass es „knallt“ (wie auch immer), wenn wir es wagen würden, eine zweite Ausgabe herauszugeben. Und was machten wir? Natürlich Nummero Zwo, die im April erschien, und die die Vollidioten wahrscheinlich ganz aus Ihrem Konzept brachte, dass da lautete: „Wir bedrohen die ‚Zecken’, die trauen sich nix, und wir haben wieder Ruhe!“ Es passierte jedenfalls nichts von dem uns Versprochenen, allerdings hatten wir noch lange nicht Ruhe, da Drohungen und sogar kleine körperliche Auseinandersetzungen auch in der Folge akut waren.

Das Versprechen, dass es keine Nummer Zwei geben würde, machte übrigens noch eine andere Person: der Zahnarzt und damalige Vereinschef Dr. Wöbse! In seiner typisch arroganten Art und Weise zog er über alles her, was ihm nicht passte, insbesondere über kritische Geister, wie u.a. auch das Fanprojekt erleben durfte. Wöbse jedenfalls fand die NOTBREMSE wohl auch nicht so toll, so dass er für sich beschloss, das Projekt zu verbieten, ohne jedoch jemals an uns heranzutreten. Seitdem stand und steht Wöbses Aussage sozusagen als Leitsatz über unserem Impressum.

Die ersten Jahre und die Pflicht zur Einmischung

Von Beginn an verkauften wir die NOTBREMSE in einer vierstelligen Auflage, wobei die Verkaufshöhepunkte natürlich die Aufstiegsspiele gegen Cottbus und TeBe waren, bei denen wir jeweils etwa 2.000 Stück verkaufen konnten. Im Durchschnitt betrug unsere Auflage zwischen 1.200 und 1.500 Stück. Wir machten uns im Laufe der Monate einen Namen, indem wir zu allem unseren Senf dazu gaben und versuchten, möglichst oft medienpräsent zu sein. Das gelang uns insbesondere beim Rausschmiss von Franz Gerber, sowie während der Diskussion um den ach so tollen Superdome, ein Ungetüm, wogegen das heutige Niedersachsenstadion wie ein Retrobau daherkommt.

Unsere Artikel und Einwürfe gegen die rechte Szene blieben natürlich erhalten, zumal wir mittlerweile auch Kontakt zur Polizei aufgenommen hatten. Jedoch zeigte sie genauso wie der Verein nur sehr widerwillig, dass man gewillt war, etwas gegen das Problem zu unternehmen.

Nach einem offenen Brief an beide sowie zugleich an den DFB und diverse Medien, in dem wir deutlich machten, wie untätig alle Beteiligten offenbar seien und dass wir keine Lust mehr hätten mitanzusehen, wie Hannover 96 ständig als Paradebeispiel für die Zunahme rechter Tendenzen im Stadion genannt wurde, riss der Kontakt jedoch ab, da sich die Polizei ebenso wie der Verein ordentlich auf den Schlips getreten fühlten. Recht so! Letztlich musste erst der Fall Nivel im Sommer 1998 eintreten, der mit der Sache selbst überhaupt nichts zu tun hatte, bis man sich rührte und anfing, z.B. die Reichsmeister `38-Schals zu verbieten und die Nazis stärker zu überwachen. Die Polizei besann sich sogar auf die Gesetze, indem man endlich den Hitlergruß mit Strafanzeigen und Stadionverboten ahndete.

Das Heft selbst wurde professioneller, die Redaktion wuchs auf 6-7 Leute an. Unser eigener Anspruch stieg, wobei manche es aber auch bedauerten, dass die Lockerheit der ersten Ausgabe verloren gegangen sei. Seit jeher schrieben wir nicht nur über Hannover 96, sondern wir betrachteten regelmäßig das gesamte Spektrum des runden Leders. Wir hatten zwei erfolglose Anläufe, uns im Internet zu präsentieren, und wir produzierten die ersten eigenen Merchandising-Artikel. Insbesondere die beiden letztgenannten Punkte sollten zukünftig stärkere Berücksichtigung finden, als Beispiel sei das großartige „sechsundneunzig“-Shirt genannt.

Die erste Midlifecrisis

Nach den ersten vier Jahren war eine gewisse Lustlosigkeit zu spüren. Diese bezog sich auf uns aber auch auf unsere Leserschaft. In der Aufstiegssaison 2001/2002 reichte es dann nur noch für gerade einmal drei Hefte, und die Gründe dafür waren vielfältig. Zu der mangelnden Motivation kam insbesondere in diesem Jahr noch das DSF, das unsere Verkaufspläne z.T. arg torpedierte. Das war wohl der Preis für eine der großartigsten Saisons, die 96 jemals zeigte. Mit der 20. Ausgabe stiegen wir hochmodern auf Digitalprint um, die Qualitätssteigerung bedeutete auch einen neuen Motivationsschub. Mit Ausgabe 26 präsentierten wir zum zweiten Mal ein Farbcover, es gab also diverse Versuche, das Heft optisch interessanter zu gestalten, ohne dabei jedoch den Inhalt als wesentlichstes Element des Heftes zu vernachlässigen. Die Umstellung auf den Euro und die damit verbundene Preisanpassung unsererseits war sicherlich eine der spannendsten Änderungen in unserer Geschichte, da wir nicht wussten, wie die Leserschaft mit der geringfügigen Inflation von 100% umgehen würde. Aber der Slogan „Neue Währung, alter Preis“ überzeugte sehr zur Erleichterung der Redaktion die Leserschaft, denn ohne diese Finanzspritze wäre die NOTBREMSE wohl früher oder später pleite gegangen, da da die laufenden Kosten bei jeder Ausgabe die Einnahmen überstiegen.

Die NOTBREMSE in der 1. Liga

Das Frühjahr 2002 stand ganz im Zeichen des Aufstiegstaumels, denn erstmals nach 13 Jahren schafften die Roten die Rückkehr ins Oberhaus des deutschen Fußballs. Mit der neuen Liga kam nicht nur ein neues Leben, sondern (leider) auch ein neuer Name für das alterwürdige Niedersachsenstadion. Schnell wurde deutlich, dass sich das Publikum in der 1. Liga aufgrund der Preispolitik wandelte und die Redaktion neben dem Merchandise und der Preiserhöhung neue Wege finden musste, um die Finanzierung des Heftes auch künftig zu sichern. Dankenswerterweise war es Hannover 96 selbst, die mit ihrer unausgegorenen Idee vom 96-Bundesliga-Klub „Die Roten Direkt“ die Steilvorlage für den „NOTBREMSE-Klub“ lieferten. Für nur 18,96 €Euro Jahresbeitrag gab es nicht nur Clubkarte und ein Abo, sondern auch ein Bierfrühstück mit einem Redakteur nach Wahl obendrauf. Und siehe da, die Marketingstrategen der Redaktion behielten Recht, und der Klub verbuchte einen stetigen Zulauf. Ein weiteres Highlight des Jahres war zudem die Mitarbeit am Buch „Festtage an der Leine. Die Geschichte von Hannover 96“. Die NOTBREMSE übernahm dabei die Darstellung der jüngeren Geschichte seit 1992, porträtierte verdiente 96-Recken und beschrieb das wichtige Drumherum abseits des Platzes in Kapiteln über Trainer, Fans und Stadion.

Mittlerweile hatte sich das Redaktionsteam eingespielt und konnte den angestrebten Schnitt von vier Ausgaben pro Jahr auch mal einhalten. In der Zwischenzeit entschied sich leider Frank, Gründungsvater und Cheflayouter, die NOTBREMSE zu verlassen. Plötzlich stand die weitere Existenz des Heftes auf dem Spiel, denn keiner der weiteren Redakteure hatte sich in den Jahren bemüßigt gefühlt, ähnliche Fähigkeiten wie Frank zu entwickeln. Immerhin versprach dieser, noch solange weiter das Layout zu machen, bis ein Nachfolger gefunden werde. Ausgabe #31 am 1. Februar 2004 kam einer Revolution gleich. Nicht nur das Format hatte sich verändert, sondern Neu-Layouter Dennis hatte auch kräftig in die Designtrickkiste gegriffen und ein stylishes Vier-Farb-Heft gezaubert. Wie immer hatte sich die NOTBREMSE auch diesmal neu erfunden und bei den donnerstäglichen Redaktionssitzungen war das neu erwachte Feuer der Redakteure allgegenwärtig. Inhaltlich positionierte sich die die Redaktion deutlich gegen die Anfang 2003 mit Umbau des Stadions zur WM-Arena einsetzende Kindsche Preispolitik, die besonders im Quervergleich zu anderen Bundesligisten infame Züge anzunehmen schien. Aber auch abseits des Platzes begann die NOTBREMSE vermehrt, Fuß zu fassen. Zusammen mit dem Künstler Andora wurden dessen anlässlich des 100. Geburstages von Hannover 96 entstandenen Kunstdrucke zugunsten des Fanprojekts und der Finanzierung eines Krankenwagens für den Gaza-Streifen verkauft.

Eine weitere einschneidende Neuerung für die Heft-Macher gab es zu Beginn der Saison 05/06. Layouter Dennis war nicht nur ein begnadeter Designer, sondern sorgte auch für völlig neue Vertriebskanäle. Künftig konnte jede/r für 18,96 € NOTBREMSE-Supporter werden und erhielt dafür im Gegenzug 22 aktuelle Ausgaben plus eine Nennung auf der begehrten letzten Heft-Seite. Besonders kleinere Läden und Kneipen nutzten diese Möglichkeit von Beginn an und sorgten damit nicht nur für ein ständig steigendes und gesichertes Einkommen, sondern entlasteten die Redakteure auch von den Mühen des Verkaufs. Und nach Jahren der Zurückhaltung schlug die Redaktion Ende 2005 auf dem Transfermarkt dann erstmals richtig zu. Gleich drei Neuzugänge konnten langfristig und zu günstigen Konditionen gebunden werden, darunter mit Freude auch die erste weibliche Redakteurin. Damit war gleichzeitig der Weg für Elsbe geebnet, die Anfang 2006 die Layout-Nachfolge von Dennis antrat, der sich zwischenzeitlich beruflich umorientiert hatte. Seit 2006 gibt es auch den langersehnten NOTBREMSE-Comic, für den Marsin verantwortlich zeichnet.

Nachdem in den Anfangsjahren der meinungsbildende Einfluß auf die Fanszene ungleich größer war, hatte die NOTBREMSE mittlerweile durch die Ende der 90er Jahre aufgekommene Ultra-Bewegung ihren Status verloren. Anfängliche Berührungsängste und Vorurteile erschwerten die Zusammenarbeit, doch schon 2004 hatten Teile der Redaktion zusammen mit interessierten Ultras und Privatpersonen den Arbeitskreis „96-Fans gegen Rassismus“ gegründet, der erstaunliche Ergebnisse erzielte: Im Oktober 2005 wurde auf Betreiben des AK die bundesweit erste antirassistische Bande in einem Stadion installiert, im August 2006 dann die farbenprächtige Choreographie „`Gemeinsam gegen Rechts`“ gezeigt. Im WM-Jahr versuchte die Redaktion durch den Abdruck eines Leserbriefes von Wachtmeister Micha S. zur Fanproblematik und den Stellungsnahmen von Redaktion und Ultras wieder etwas Schwung in die faninternen Diskussionen zu bringen, doch als zu unvereinbar erwiesen sich die Interessen der mittlerweile schwarzberockten Obrigkeit und der Fans.

Anfang 2007 ist vieles so, wie es immer war

Die Freude
, wenn die aktuelle Ausgabe endlich aus der Druckerei kommt und verkauft werden kann. Die Langeweile, wenn einen potenzielle Käufer minutenlang ignorieren. Der Frust, sich beim Verkauf von alkoholisierten Idioten beschimpfen lassen zu müssen. Die Überraschung, wenn gute Geister plötzlich mehr als den eigentlichen Verkaufspreis von 96 Cent zahlen. Die kritische Distanz, insbesondere zu den hannoverschen Massenmedien aus dem Madsack-Verlag, dem oftmals uniformen Geschrei auf den Internet-Plattformen der Fans und dem optimierungsbedürftigen Gebaren des Fan-Dachverbandes „Rote Kurve“. Die Spannung, wenn redaktionsinterne Veränderungen anstehen und eigentlich niemand so recht weiß, ob und wie es weitergehen soll. Die Heiterkeit, die nicht nur durch den Bierkonsum auf den Redaktionssitzungen entsteht und in oftmals skurillen Artikeln mündet. Der Überlebenswille und stete Selbsterfindungsgeist, den ein Fanzine wie die NOTBREMSE und seine Redakteure brauchen. Die Unterstützung, die Werbekunden, Supporter, Leser, Käufer und Freunde geben.
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