Ein unverdienter Meister?
Beinahe wäre es zum heutigen Europa-League-Qualifikationsspiel zwischen Hannover 96 und Slask Breslau gar nicht gekommen. Am vergangenen Samstag, auf dem Rückweg vom Ligaspiel bei Widzew Lodz, wäre der Mannschaftsbus des polnischen Meisters fast mit einem Lastwagen kollidiert. Nur das schnelle Reaktionsvermögens des Busfahrers, der als einziger Verletzungen davontrug, verhinderte eine Katastrophe.
Die Geschichte mit dem Bus spielte in der polnischen Sportberichterstattung jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil zum Saisonauftakt. 1:2 verlor Slask gegen den Traditionsverein aus Lodz, der in den achtziger und neunziger Jahren eine große Nummer nicht nur im polnischen sondern auch europäischen Fußball war, heute jedoch nur vom Glanz ehemaliger Tage lebt. Das Stadion ist veraltet, die Vereinskassen leer und sportlich gehört der Klub seit Jahren zu den Abstiegskandidaten, auch wenn Widzew diesem Schicksal bisher immer irgendwie entkommen konnte.
Und auch wenn Niederlagen gegen sportlich schwächere Gegner im Fußball immer wieder vorkommen, so ist die Auftaktniederlage gegen Widzew für Slask eine Katastrophe. Von den letzten sieben Pflichtspielen hat Breslau nur drei gewonnen. Ein mickriges 1:0 im Pokal gegen Gornik Polkowice, ein unverdientes 2:0 gegen den montenegrinischen Meister Budocnost Podgorica in der 2. Runde der Champions-League-Qualifikation und ein glücklicher Sieg im Polnischen Supercup gegen Legia Warschau – im Elfmeterschießen. In der regulären Spielzeit bedeutet dies eine ernüchternde Torbilanz von 5:10.
Ein unverdienter Meister?
Viele Kritiker fühlen sich durch die Ergebnisse der vergangenen Wochen bestätigt. Schon im Mai sagten viele polnische Experten, dass Slask der schwächste Polnische Meister seit Jahrzehnten ist. »Breslau ist nicht deshalb Meister geworden, weil die Mannschaft so stark ist, sondern weil die Konkurrenz in der vergangen Saison so schwach war«, sagt Andrzej Iwan, ehemaliger polnischer Nationalspieler und heutiger TV-Experte.
Ein Blick in die vergangene Saison bestätigt diese These. Wisla Krakau, mit acht Meisterschaften die Übermannschaft der letzten 20 Jahre, war im letzten Jahr, nach dem Aus in der Champions-League-Quali gegen APOEL Nikosia, mehr mit sich beschäftigt als mit der Liga. Legia Warschau, bis zum drittletzten Spieltag Tabellenführer, schwächte sich in der Winterpause mit den Verkäufen von Ariel Borysiuk (1. FC Kaiserslautern) sowie Maciej Rybus und Marcin Komorowski (Terek Grosny) selbst und verspielte so die schon sicher geglaubte Meisterschaft.
Die brisanten Tonbänder
Erschwert wird die Situation bei Breslau aber auch durch die Besitzverhältnisse. 51 Prozent des Vereins gehören dem Milliardär Zygmunt Solorz und 49 Prozent der Stadt. Doch Polens reichster Mann hat momentan kein Interesse an seinem Spielzeug, da er sich mit der Übernahme des Mobilfunkunternehmens Polkomtel finanziell überhoben hat. Statt wie mit der Stadt vereinbart, in den Verein zu investieren, zahlt er pro Monat den Kredit ab, mit dem er die Übernahme des Mobilfunkunternehmens realisiert hat. Monatlich immerhin 40 Millionen Euro.
So trägt momentan allein die Stadt den Verein, was für Slask nicht ohne Konsequenzen blieb. Gleich zwölf Spieler, darunter Leistungsträger wie der Verteidiger Piotr Celeban, der heute sein Geld beim FC Vaslui in Rumänien verdient, mussten den Verein verlassen. Neue und vor allem qualitativ gute oder gleichwertige Spieler wurden dagegen kaum geholt. Mit dem Ergebnis, dass Trainer Orest Lenczyk bisher keine Stammformation gefunden hat.
Ominöse Aufnahmen eines Gesprächs
Doch das momentan größte Problem für Slask sind nicht die nur schwach gefüllten Kassen, mit denen jeder polnische Verein momentan kämpfen muss, sondern die Stimmung im Team. Als einen »Chuj« (wortwörtlich »Schwanz«, im deutschen Sinne: »Arschloch«) soll der argentinische Stürmer Christian Diaz seinen Trainer Orest Lenczyk bezeichnet haben. Und da es auch schon in den letzten Monaten immer wieder zu offenen Konflikten zwischen Team und Trainer kam, sind viele polnische Experten davon überzeugt, dass die Mannschaft gegen ihren Trainer spielt. Einen Trainer übrigens, der von seinen Spielern auch keine gute Meinung hat. Im Frühjahr tauchten Tonbänder auf, auf denen sich Lenczyk mit dem Breslauer Bürgermeister Rafal Dutkiewicz über die fußballerischen Qualitäten seiner Spieler unterhält. Qualitäten, die laut den Tonbändern bei den Spielern nicht vorhanden sind. »Wenn sie gegen schwächere Mannschaften spielen, dann heben sie sich hervor. Doch wenn sie sich mit den besten der Ekstraklasa messen... Leider, leider«, sagte Lenczyk. Das Gespräch wurde vom Fußballportal »Weszlo.com« publik gemacht.
Mit dieser Meinung steht Lenczyk, der wegen seines stolzen Alters von 69 Jahren von der einheimischen Presse vor einigen Wochen noch als der polnische Alex Ferguson gefeiert wurde, nicht alleine da. Slask Breslau ist in den Augen vieler Fußballfans zum Beispiel für die Negativentwicklung im polnischen Fußball insgesamt geworden. Elf überbezahlte Pseudofußballer, die keine sportlichen Ambitionen haben. Eine Meinung, die durch die 3. Qualifikationsrunde für die diesjährigen europäischen Wettbewerbe bestätigt wurde. 6:12 lautet die nagetive Torbilanz für die Klubs aus dem EM-Gastgeberland. Dies gegen Helsingborgs IF, Viktoria Pilsen, AIK Solna und Sturm Graz. Vor polnischen Vereinen muss momentan kein europäischer Klub Angst haben. Auch nicht vor dem Landesmeister Slask Breslau.