Hannover-Boss bietet eigenen Fans 100.000 Euro

Zuckerbrot oder Peitsche

Jüngst überraschte Martin Kind, Präsident von Hannover 96, mit einem Angebot an die eigenen Ultras: Er biete 100.000 Euro, wenn die Fans das Zündeln im Stadion unterlassen würden.

Als ich ein Kind fragte ich meine Mutter, was sie sich denn eigentlich zum Geburtstag wünsche. Weil meine Mutter von Haus aus sehr genügsam ist, sagte sie: »Einen Brotkorb.« Weil ich wiederum als Kleinkind noch mittellos war, borgte ich mir spontan fünf Mark von ihr und marschierte zum Haushaltswarenladen um die Ecke. Das Sortiment war überschaubar, genau genommen gab es zwei Brotkörbe zur Auswahl. Da war ein schönes großes Kunstwerk aus Bast. Mit eingenähtem Baumwolltuch. Der Traum jeder Frühstück machenden Mutter. Er kostete 4,99 Mark. Daneben stand ein türkiser Plastikkorb. Hergestellt in China. Weichmacher inklusive. Kostenpunkt: 79 Pfennig. Da ich noch nicht viel von Nächstenliebe, kleinen Gesten und der Freude des Schenkens verstand, investierte ich 79 Pfennig in türkises Plastik und den Rest in Eis und Cola. Vereinfacht gesagt: Ich bin ein Experte für Scheißgeschenke.
 
Wie ich nun zu Hannover-96-Präsident Martin Kind komme, bleibt mein Geheimnis. Zumindest zwischen meiner Mutter und ihm gibt es keinerlei Gemeinsamkeiten. Doch Kind sagte jüngst gegenüber der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«: »Lieber würde ich diesen Leuten 100.000 Euro für kreative Choreografien geben oder sie bei Reisen zu 96-Spielen unterstützen. Dieses Angebot steht.« Hintergrund dieses üppigen Spende an »diese Leute« – gemeint waren übrigens die Ultras seines Klubs – waren die immensen Strafen, die Hannover 96 in den vergangenen zwei Jahren an den DFB und an die UEFA zahlen musste. Für das Fehlverhalten des eigenen Anhangs musste der Klub bisher wohl weitaus mehr als 100.000 Euro an Strafgeldern berappen. Jüngst wurden dem Verein etwa Bußgelder in Höhe von 30.000 Euro für Vergehen in der Rückrunde der vergangenen Bundesliga-Saison aufgebrummt. Dabei ging es natürlich vor allem um das Abbrennen von Pyrotechnik.

Geld gegen Selbstverständnis

Die Aussicht auf freie Auswärtsfahrten, großzügige finanzielle Unterstützung von Choreos und anderen Annehmlichkeiten, so Kinds Gedanken, könnte die Fans eventuell zum Nachdenken bringen. Doch sein Angebot ist ein Spiel mit dem Feuer, denn nichts hassen aktive Fans mehr, als die Bevormundung durch Obrigkeiten. Nichts lehnen sie mehr ab, als den Schulterschluss mit Vereinsbossen. Das kann man an jedem Wochenende beobachten. Gutheißen muss man es deswegen natürlich nicht. Aber Ultras agieren weitgehend autark. Dieses Selbstverständnis ist ihnen scheinbar mit der Muttermilch verabreicht worden. Natürlich ignorierten die 96-Anhänger Kinds Idee vom großen Geld. In Hannover wird es also auch in Zukunft keinen vom Verein finanzierten Ultrablock geben.

Doch Kind schob seinem Angebot auch gleich eine Warnung hinterher. »Wenn jemand erwartet, dass wir freiwillig hohe Strafen für das Abbrennen von Pyrotechnik zahlen, dann liegt er falsch«, sagte er und ergänzte: »Dass wir deshalb im Stadion viel Geld in Videotechnik installiert haben, halte ich vom Grundsatz für eine Fehlinvestition - trotzdem müssen wir es tun, um Straftäter ausfindig zu machen.« Es ist das alte Spiel von Zuckerbrot und Peitsche. Statt mit Geldscheinen, wird an der Leine also wohl bald gehäuft mit Stadionverboten gewedelt werden. Aber hat Kind wirklich geglaubt, dass die 96-Ultras tatsächlich auf sein unmoralisches Angebot eingehen würden? Wenn ja, zeigt sich, dass das gegenseitige Vertständnis zwischen Vereinsbossen und organisierten Fans auch in Hannover offenbar größer ist, als man mittlerweile annehmen mochte. Das ist kein gutes Zeichen. Es ist ein Rückschritt.

Ach ja, meine Mutter hat mir das Brotkorb-Geschenk-Desaster niemals so richtig verziehen. Vielmehr zweifelte sie jahrelang an ihrer Erziehung. Das hat sie mir erst neulich gesagt, als ich mich feixend an diese Sternstunde der Familienhistorie erinnerte. Dann habe ich mich nachträglich für meine fehlende Empathie entschuldigt und die Sache war aus der Welt. Miteinander reden ist eben immer besser als aneinander vorbei. Vielleicht dringt das ja auch irgendwann mal bis nach Hannover durch. 

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