Hamburgs Superlativ

Der aufrichtigste Klub

Tradition verpflichet, auch und vor allem zur Wahrhaftigkeit. Das hat der Hamburger SV verinnerlicht und stellt sich wie kein anderer Bundesligaverein seiner Geschichte – mit einer Ausstellung über die Nazizeit. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Kürzlich war wieder einer dieser Momente, in denen Museumsleiter Dirk Mansen (Foto) gewiss wurde: Das, was du hier tust, ist richtig und wichtig. »Da rief mich ein junger Mann an und fragte, ob ich Informationen über den Verbleib seines Großvaters hätte. Der sei im Zweiten Weltkrieg Torwart beim HSV gewesen.« Dirk Mansen weiß einige solcher Gänsehaut-Geschichten zu erzählen, seit der Hamburger SV sein in Umfang und Qualität deutschlandweit ohnehin schon einmaliges Vereinsmuseum noch einmal erweitert hat, um die Sonderausstellung »Die Raute unter dem Hakenkreuz – Der HSV im Nationalsozialismus« . Am 5. Juni war die Eröffnung. Im ersten Monat kamen über 4000 Besucher in das Museum, das in dem Kurvenbereich Nordost des Volksparkstadions beheimatet ist, gleich neben dem Gastro- und VIP-Bereich. Wegschauen unmöglich.

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Sich in Zeiten von Kommerzialisierung und Oberflächlichkeit des Fußballs umfassend und schonungslos diesem beschämenden Kapitel der eigenen Geschichte zu stellen
– ein Vorhaben, das womöglich nicht jeder Verein mit dieser Vehemenz unterstützt hätte, mit der es der HSV-Vorstand tat. Und das Geld zur Finanzierung der Sonderausstellung, ein immerhin fünfstelliger Euro-Betrag, kam von den »HSV Supporters« – also von den Anhängern. »Die Idee, die Vereinsgeschichte während der NS-Zeit gesondert aufzuarbeiten, trug ich schon lange mit mir herum. Gerade die Ereignisse im Nationalsozialismus dürfen niemals in Archiven und Ablagen verschwinden. Als dann das HSV-Museum im Sommer 2003 öffnete, war ich mir sicher, dass irgendwann aus der Idee Wirklichkeit werden würde«, erinnert sich Dirk Mansen. Nun ist sie also Wirklichkeit. 120 Exponate sind zu sehen, viele Fotos, Zeitungsberichte, Briefe. Dazu vertonte Interviews mit Zeitzeugen – wie die Feldpostbriefe von HSV-Mitgliedern im Kriegseinsatz sind sie besonders beeindruckend. Die Ausstellungsfläche im Vorraum des bombastischen HSV-Devotionalien-Tempels beträgt 100 Quadratmeter, alles ist lichtdurchflutet und in hellen, freundlichen Farben gehalten. Was für ein Kontrast zum düsteren Inhalt der Ausstellung. Die erzielt ihre eindringliche Wirkung dadurch, dass sie Namen ein Gesicht gibt, dass sie anhand von Lebensläufen die Geschichte erzählt von Tätern und Opfern, von Mitläufern und Aufrechten, von Vertreibung und Verfolgung, Schuld und Schuldlosigkeit, Macht und Ohnmacht.

»Die braune Vergangenheit fiel kollektiver Verdrängung anheim«

Da gab es zum Beispiel Emil Martens. In seine Amtszeit als Vereinsvorsitzender fällt 1933 das Aufnahmeverbot für Juden. »Sind Sie rein arischer Abstammung?«, lautete damals eine Frage im Aufnahmeantrag. 1936 wird Emil Martens selbst ein Opfer der Nazis: homosexueller Handlungen beschuldigt, kommt er ins Gefängnis und wird später zwangssterilisiert. 1949 kehrte Martens zum HSV und in den Kreis der »Alten Herren« zurück. Oder Asbjørn »Assi« Halvorsen und Otto Fritz »Tull« Harder. Der Norweger Halvorsen war zwischen 1921 und ’33 als Mittelläufer in allen Endspielen um die Deutsche Meisterschaft dabei. Tull Harder, Mittelstürmer und Hamburger Fußball-Idol, war bis 1931 einer seiner Mannschaftskameraden. Bald trennte sich der gemeinsame Weg. Der eine, Halvorsen, wurde 1942 ins KZ Natzweiler verschleppt. Er magerte auf 40 Kilo ab und war, als er 1945 aus dem KZ Neuengamme evakuiert wurde, gesundheitlich ruiniert. Der andere, Harder, trat früh der NSDAP bei und wurde schließlich Leiter des KZ-Außenlagers in Hannover-Ahlem. Halvorsen arbeitete später für den Norwegischen Fußballverband. 1949 wurde Harder als Kriegsverbrecher zu 10 Jahren Haft verurteilt, bereits 1951 kam er frei, er wurde bei seinem ersten Besuch am Rothenbaum von Zuschauern und dem Stadionsprecher mit begeistertem Beifall empfangen. Der Historiker Arthur Heinrich befand: »Die braune Vergangenheit fiel kollektiver Verdrängung anheim.«

»Etwas Bleibendes schaffen«, das wollte Dirk Mansen mit der Ausstellung im HSV-Museum leisten, »und mehr sein als ein Gimmick im Bundesliga-Geschehen.« Es scheint, als habe er Erfolg: Schulkinder beginnen, sich für den »anderen« HSV zu interessieren, den HSV hinter den glitzernden Meisterschaften und Europapokal-Erfolgen. Nicht nur gestandene Fans, auch ganz normale Hamburger Bürgerinnen und Bürger wagen den oft schmerzhaften Blick in die Geschichte. Angehörige alter Spieler melden sich und bieten Erinnerungsstücke als Exponate für die Sonderausstellung an. Oder wollen etwas über den Verbleib des Familienmitglieds wissen.

Wie der junge Mann, dessen Großvater Torwart war beim HSV. Ihm konnte Dirk Mansen Fotos vom Großvater schicken und auch Feldpostbriefe. Sie stammten aus Stalingrad.

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