16.03.2014

Häftling und Profifußballer: die Geschichte von Ralf von Diericke

Der Baron hat Freigang

Seite 2/3: »Ralf, die haben die Geschäftsstelle überfallen!«
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Am 1. Januar 1985 überprüfte der Baron sein Konto und stellte ein Soll von 9000 Mark fest. Keine Einzahlung vom Wuppertaler SV. Nicht am 2. Januar und auch nicht am 5. Januar. Sieben-, achtmal, schätzt Diericke heute, sei er im Januar 1985 bei seinem Arbeitgeber vorstellig geworden, um die ausstehenden 15 000 Mark einzufordern. Ohne Erfolg. »Ich hatte mich voll und ganz auf den WSV verlassen und saß nun richtig in der Patsche.« Das Fass zum Überlaufen gebracht habe dann ein Anruf vorm ersten Februarwochenende, dem Spieltag an dem der Stürmer sein Comeback geben sollte. »Die Sekretärin von Präsident Dieter Buchmüller rief an und sagte, dass das Geld da sei.« Erleichtert sei er zur Geschäftsstelle gefahren und habe dort einen 50-Mark-Schein in die Hand gedrückt bekommen. Man habe gehört, dass es ihm finanziell momentan nicht so gut gehe, mit dem Geld solle er sich ein paar warme Mahlzeiten gönnen. Fassungslos verließ der Stürmer die Geschäftsstelle. »Ich fragte mich: Warum machen die das mit dir? Langsam brannten mir die Sicherungen durch.«

Das Urteil: Fünf Jahre Haft wegen schweren Raubs

Ein paar Tage später saß der Baron mit seinem Freund W. in seiner Wohnung und gab sich die Kante. Wie sollte es jetzt weitergehen? Offenbar hatte sich der Verein vorgenommen, die vereinbarten 15 000 Mark nicht zu zahlen. Aus einer biergeschwängerten Idee formte sich ein realer Plan: ein schneller Überfall für schnelles Geld. Dem Fußballer war inzwischen alles egal. Später, im Gefängnis, würde der Sünder einem Fernsehsender gestehen, »dass ich seit zwei Jahren jeden Tag darüber nachdenke, was ich damals getan habe«. Aber im Februar 1985 tickte Ralf von Diericke noch anders. Naivität, falscher Stolz (»Meine Eltern hätte ich niemals angebettelt!«) und auch Unwissenheit führten den Fußballer in die Sackgasse. Aggressionen? »Die hatte ich natürlich auch«, sagt der heute 51-Jährige während er – leicht gebräunt, elegante Kleidung, noch immer eine sportliche Figur – vor einem Schuhkarton voller alter Zeitungsausschnitte sitzt und überlegt, was ihn damals geritten hat. Eine klare Antwort kann er auch nach all den Jahren nicht geben. »Ich dachte: Du hast dir noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Wenn sie dich erwischen, kommst du bestimmt mit einer Bewährungsstrafe davon. Ich war einfach unglaublich dumm.« Mindestens fünf Jahre Freiheitsstrafe sieht das Strafgesetzbuch bei schwerem Raub mit Waffeneinsatz vor. Wie naiv Diericke die Straftaten anging, zeigt sich auch an der slapstickhaften Vorgehensweise: In der Spielhalle war der Fußballer gestolpert und hatte dabei seine Waffe verloren. Eine Regionalzeitung erinnerten die Überfälle an »Drehbuchpassagen aus einer Hallervorden-Klamotte«.

Der 19. Februar 1985. Zurück in der Wohnung zählte Ralf von Diericke das Geld. 11 000 Mark. Am frühen Abend war eine Trainingseinheit angesetzt. Als Diericke seinen Wagen auf dem Parkplatz abstellte, nahm ihn gleich Mitspieler Detlef Szymanek in Empfang: »Ralf, die haben die Geschäftsstelle überfallen!« Der Sünder versuchte ganz cool zu bleiben: »Haben die sich etwa wieder was einfallen lassen, um die Gehälter nicht auszuzahlen?«
Drei Wochen lang passierte nichts. Dann tauchten zwei Kripobeamte auf und verhörten die Spieler des Wuppertaler SV. Die erfahrenen Polizisten spürten, dass der 24-Jährige etwas mit den Überfällen auf die Spielhalle und die Geschäftsstelle zu tun hatte, und hefteten sich an seine Fersen. »Wie aus dem Nichts tauchten immer wieder diese beiden Beamten bei mir auf, um mir Fragen zu stellen.« Diericke, längst ein Nervenbündel, wurde selbst bei Ausflügen mit seiner Freundin von den Beamten auf der Autobahn verfolgt. Das Katz- und Maus-Spiel dauerte bis Ende April 1985. Während der Stürmer mit der Bundeswehr-Nationalmannschaft gegen eine Auswahl seiner Heimat Osnabrück spielte, vernahm die Wuppertaler Polizei einen der Mittäter vom ersten Überfall. Nach dem Spiel, die Fußballer saßen gerade beim Bankett, öffnete sich die Tür zum Festsaal. Die Ermittler. Sein Mittäter hatte gestanden. Ralf von Diericke wurde vor den Augen seiner Mitspieler festgenommen. Dass es die Polizei wahrlich nicht mit Profis zu tun hatte, bestätigte später die zuständige Staatsanwältin: »Die Taten wurden dilettantisch verübt.«

 
 
 
 
 
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