16.03.2014

Häftling und Profifußballer: die Geschichte von Ralf von Diericke

Der Baron hat Freigang

Ralf von Diericke war der erste Profi, der aus dem Gefängnis zu den Spielen anreiste. Die Geschichte eines Fußballers, der zum Kriminellen wurde.

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Die Männer trugen blaue Skimützen mit Sehschlitzen, als sie am 13. Februar 1985 in eine Spielhalle in Wuppertal-Barnem stürmten. Einer von ihnen war Ralf von Diericke, 23 Jahre, Stürmer beim Wuppertaler SV. Ein Jahr zuvor hatte er noch in der Bundesliga für Fortuna Düsseldorf gespielt. Jetzt war er an einem Raubüberfall beteiligt. Mit einer Gaspistole in der Hand übersprang er eine Pforte, bedrohte die Kassiererin und rief: »Geld her!« Anschließend flüchtete das Trio, stieg in einen BMW 528i und raste davon. Im Auto zählten sie die Beute – 2000 Mark – und warfen die leere Geldkassette in die Wupper.

Sechs Tage später, am 19. Februar 1985, parkte gegen 11 Uhr ein VW Scirocco auf einem Parkplatz nahe der Geschäftsstelle des Wuppertaler SV ein. Am Steuer: Ralf von Diericke. Sein Komplize – aus dem Trio war inzwischen ein Duo geworden – stieg aus und betrat die Geschäftsstelle. Er fragte die Mitarbeiterin nach Tickets für das kommende Spiel in der Oberliga. Als die Frau daraufhin in ihr Büro ging, folgte er ihr und bedrohte sie mit einer Gaspistole. Sie begann zu schreien, er schlug sie bewusstlos. Das Duo konnte unbemerkt flüchten.

»Es gab Tage, da lag ich mit Zigarre im Whirpool und goss mir Champagner nach«

Knapp vier Jahre zuvor: Nach ersten Bewährungsproben in der zweiten Liga für den VfL Osnabrück wechselte der 19-jährige Ralf von Diericke in die Oberliga zum Wuppertaler SV. Der junge Schlaks war schnell, technisch versiert und extrem torgefährlich. In seinen ersten beiden Spielzeiten für den WSV wurde er Torschützenkönig. Die Wuppertaler verhätschelten ihren Star. Für die Fahrten zur Berufsschule stellte man ihm einen Porsche 924 zur Verfügung. In den Diskotheken der Stadt residierte der Jüngling als ungekrönter König. »Es gab Tage«, sagt er, »da lag ich mit Zigarre im Whirlpool und goss mir Champagner nach.« Weil der Stürmer das adlige »von« im Namen trägt und nichts gegen die Inszenierung einzuwenden hatte, ließ er sich von einer Zeitung mit Frack und Zylinder vor einem Sportwagen ablichten. Fortan war Ralf von Diericke der »Fußballbaron«. »Bleib bescheiden, Junge«, habe ihm sein Vater immer wieder eingebläut. Doch der Glamour stieg ihm zu Kopf. »Wenn ich mit meinem Porsche ins Autokino wollte, fuhr ich einfach an der Schlange vorbei. Ich war doch der Baron!«
1983 wurde er von Fortuna Düsseldorf verpflichtet. Auf den gemeinsamen Fahrten zum Training schärfte ihm sein elf Jahre älterer Mitspieler Amand Theis ein: »Baron, das hier ist deine Chance. Nutze sie!« Doch über den Status des Edelreservisten kam er nicht hinaus. Bei seinen 14 Einsätzen für die Fortuna spielte er lediglich zweimal von Beginn an. Nach nur einem Jahr und mit Blick auf eine ungewisse Zukunft als Reservist in Düsseldorf, ging Diericke zurück zum Wuppertaler SV in die Oberliga.

»Und damit«, so sieht er das heute, »nahm die Scheiße ihren Lauf.«

Wer Mitte der Achtziger als Profi zu einem Amateurverein wechselte, wurde für drei Monate gesperrt. Was die Vereinsverantwortlichen übersehen hatten: Wenn sich ein Spieler im beiderseitigen Einvernehmen reamateurisieren ließ, wurde er sogar für sechs Monate aus dem Verkehr gezogen. Der Rückkehrer fiel plötzlich für die gesamte Hinrunde aus. In der als »Netto-Liga« bezeichneten Oberliga, in der Fußballer vor allem über Prämien bezahlt wurden, war eine so lange Sperre auch eine finanzielle Gratwanderung. In Düsseldorf hatte Diericke im Schnitt etwa 5000 Mark netto monatlich verdient. Doch Fehlinvestitionen wie Bauherrenmodelle und ein Parfümgeschäft hatten einen Großteil seines Vermögens verbrannt. Mit dem WSV einigte sich der Stürmer auf einen ungewöhnlichen Deal: Eine Zahlung von 10 000 Mark zu Beginn seines Engagements, 15 000 am 1. Januar 1985 und 10 000 zum Ende der Saison.

Aber nur trainieren macht einen Fußballer nicht glücklich. »Ich verbrachte viel Zeit in Kneipen, Diskotheken und Spielhallen. Jede Woche, die ich nicht spielen durfte, machte mich frustrierter. Und schon bald gab ich mich mit den falschen Leuten ab.« Wie dem wegen Körperverletzung vorbestraften Bundeswehrsoldaten W., der seinen Sold regelmäßig in den Spielhöllen der Stadt verschleuderte.

 
 
 
 
 
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