Haben sich die Medien nach Robert Enkes Tod verändert?

»Der Ton ist schärfer geworden«

Als sich Robert Enke im November 2009 das Leben nahm, forderte die Öffentlichkeit auch eine differenziertere Fußball-Berichterstattung. Die Presse gelobte Besserung. Ein Mainzer Wissenschaftler beweist nun: Viel hat sich nicht geändert am medialen Druck. Im Gegenteil. Haben sich die Medien nach Robert Enkes Tod verändert?

Die deutschen Medien war sich einig und gelobten Besserung: Auch die Presse träfe eine Mitschuld am Tod Robert Enkes, den schwere Depressionen in den Selbstmord getrieben hatten. Zu groß sei der Druck auf den Profisportlern, der durch die negative Berichterstattung nur noch erhöht würde. Der Publizistikwissenschaftler André Beem hat in seiner Magisterarbeit untersucht, ob der Tod Enkes wirklich etwas verändert hat. Er wertete dazu 3.300 Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Rundschau, Mainzer Allgemeinen, Bild-Zeitung, in Sport-Bild, Kicker und der Hannoversche Allgemeinen. Beems Ergebnis: »Von einer sensibleren Vorgehensweise der Medien kann nicht gesprochen werden.«

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André Beem, Sie haben in Ihrer Magisterarbeit mit dem Thema »Vergleich von Anspruch und Wirklichkeit nach dem Schlüsselerlebnis« die Berichterstattung in deutschen Medien vor und nach dem Tod von Robert Enke untersucht. Warum?

André Beem: In den Wochen nach dem Tod von Robert Enke haben die Medien vor allem an der eigenen Berichterstattung scharfe Selbstkritik geübt. In 40 Prozent aller Artikel, die sich mit dem Thema Robert Enke befassten, ging es auch um die Frage nach der eigenen Mitschuld. Also wollte ich untersuchen, wie sehr sich die mediale Berichterstattung nach Enkes Selbstmord wirklich verändert hat.

Sie haben 1381 Artikel in den vier Wochen vor Robert Enkes Tod erschienen mit 1919 Artikeln im Zeitraum zwischen Mitte Februar und Mitte März 2010 verglichen. Welches Bild ergibt sich da?

André Beem: Dass sich gar nichts geändert hat. Im Gegenteil: Es ist sogar eine Tendenz zum Schlimmeren zu erkennen. Haben vor Enkes Tod noch acht Prozent aller Zeitungen negativ über Fußballer berichtet, waren es danach neun Prozent. Die Durchschnittsnote in der Spielerbewertung hat sich von 3,5 auf 3,6 verschlechtert, in einer Tageszeitung aus Hannover sogar von vorher 3,2 auf 4,1. Das hatte allerdings auch mit dem sportlichen Absturz von Hannover 96 zu tun.

Wie haben Sie den Druck definiert, den Zeitungen auf Fußballer ausüben?

André Beem: Indem ich drei verschiedene Stufen des Drucks in den Artikeln benannt habe. Stufe eins besteht in der Forderung nach allgemeinen Veränderungen. Zum Beispiel: »Helmes muss mehr zeigen« oder »Für den VfL beginnen jetzt die Wochen der Wahrheit«. Stufe zwei ist in den Rhetorik schon deutlich schärfer. Ein Beispiel dafür wäre die Feststellung: »Hertha steht mit dem Rücken zur Wand«. Und Stufe drei fordert persönliche Konsequenzen bei Misserfolg,: »Funkels letzte Chance – bei einer Niederlage muss er den Hut nehmen.« Also habe ich jeden Artikel daraufhin untersucht, auf welche Stufe er angesiedelt ist und nach Rhetorik, Erwartungsdruck und persönlicher Diffamierung eingeordnet. Das Ergebnis ist: Trotz all der Selbstkritik hat sich überhaupt nichts verändert.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?

André Beem: Die Diskussion über eine veränderte deutsche Presse war eine Schein-Diskussion. Ein weiterer beleg dafür ist der Umgang mit Tabuthemen. Nach Enkes Tod haben sich die Medien kollektiv dafür ausgesprochen, häufiger und intensiver über solche Themen wie Alkoholmissbrauch, Homosexualität oder Ausländerfeindlichkeit im Fußball zu berichten. Das hat überhaupt nicht stattgefunden. Einzig über das Thema Homosexualität wurde im untersuchten Zeitraum verstärkt berichtet – aber auch nur, weil die Amerell/Kempter-Affäre gerade aktuell war. Tabuthemen bleiben Tabuthemen, daran hat auch der Tod von Robert Enke nichts geändert.

Wie bewerten Sie deutsche Presselandschaft nach diesen Ergebnissen?

André Beem: Wenn man die scharfe Selbstkritik nach Enkes Tod als Ausgangsgrundlage nimmt, könnte man die Anteilnahme nach diesen Ergebnissen als geheuchelt einstufen. Allerdings darf man die Medien auch nicht verteufeln, schließlich stillen sie nur die Bedürfnisse ihrer Leser.  Erschreckend ist aber der Zuwachs an bloßstellenden Formulierungen, wie »Blinder Mike trifft das Tor nicht« oder »Torwart-Trottel Burchert«. Etwa die Hälfte aller Zeitungen hat nach Enkes Tod mehr persönlich diffamierende Berichte veröffentlich als noch davor. Die Rhetorik ist schärfer geworden, statt milder. Von einer Sensibilisierung innerhalb der deutschen Medien kann also nicht die Rede sein.

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