György Sárosi, Ungarns vergessener Fußballheld

Der Alleskönner

Heute vor 20 Jahren starb einer der besten Fußballspieler aller Zeiten: György Sárosi. Der Ungar brach Torrekorde am Fließband und spielte alle Positionen. Ein Rückblick.

An einem Frühlingstag im Jahr 1930 bat György Sárosi seinen Vater um ein Gespräch. Der 17-Jährige erklärte, dass er an die Universität gehen werde. »Ich möchte Jura studieren«, sagte er, und der Vater sah ihn mit skeptischem Blick an. »Jura?«, fragte er. 
 
György Sárosis Vater hatte Schneider gelernt, doch in den Wirren kurz nach der Weltwirtschaftskrise konnte er froh sein, wenn er überhaupt mal eine Nadel durch ein Textil ziehen durfte, das nicht sein eigenes war. Die Arbeitsmarktsituation war: beschissen.

Also nahm der Vater seinen Sohn zur Seite und sagte: »Du findest eh keinen Job, Junge! Du wirst Fußballer!«  Er hatte György häufig spielen sehen, auf der Straße, in den Hinterhöfen, auf der Wiese, manchmal hatte er barfuß gekickt, manchmal mit einem Ball, den er sich aus alter Unterwäsche seiner Mutter zusammengeknotet hatte – und nun winkte ein Angebot von Ferencváros Budapest, das György Sárosi eigentlich ausschlagen wollte. Doch der Vater sprach das letzte Wort. »Ich denke, du kannst es schaffen. Du kannst mit dem Fußball Geld verdienen.« Der Sohn stimmte widerwillig zu.

Besser als Gerd Müller und Pelé?
 
Heute gilt György Sárosi als einer der besten Spieler der Fußballgeschichte. Er taucht in der Liste der 100 größten Fußballspieler aller Zeiten auf, er hat Torrekorde aufgestellt, die selbst Gerd Müller, Pelé oder Artur Friedenreich verblassen lassen.
 
Allein er war lange Zeit vergessen, wenn man über Ungarns Fußballidole sprach, dann erzählte man sich von Spielern wie Ferenc Puskás, Imre Schlosser oder Sándor Kocsis, was auch an Sárosis Haltung zum politischen System lag. Schon kurz nach dem Krieg verließ er das kommunistische Land in Richtung Westen. In Ungarn begannen sie danach die Heldentaten Sárosis aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen oder kleinzureden. Dabei beriefen sich Puskás oder Kocsis immer wieder auf das Spiel Sárosis.
 
Da waren zum Beispiel die beiden Finalpartien im Mitropa Pokal 1937 zwischen Ferencváros Budapest und Lazio Rom. Bei den Römern stand Silvio Piola im Sturm, einer der besten Angreifer seiner Zeit. Er schoss im Hinspiel einen Hattrick. Und auch im Rückspiel traf er einmal. Doch das reichte nicht, denn Sárosi machte auch einen Hattrick – und zwar im Hin- und im Rückspiel. Ferencváros gewann nach einem 4:2 und 5:4 den Cup – neben dem Gewinn des Messepokals der größte Erfolg der Vereinsgeschichte.
 


Bereits 1933 hatte sich Sárosi bei seinen Anhängern unsterblich gemacht. Im nationalen Pokalfinale traf Ferencváros damals auf den Lokalrivalen Ujpest Budapest, Ungarns dominierende Mannschaft der dreißiger Jahre. Sárosi machte drei Tore und bereitete vier Treffer vor. Ferencváros gewann sensationell 11:1.

Stürmer, Mittelfeldspieler und Innenverteidiger
 
Kurze Zeit später trudelten im Wochentakt die Angebote aus Italien ein, wo mit Fußball richtig gutes Geld zu verdienen war.  Die lukrativste Offerte kam vom AS Ambrosiana (zwischenzeitliger Name von Inter Mailand). Der Klub bot einen Dreijahresvertrag, eine Luxuswohnung und ein Luxusverdienst – doch Sárori lehnte ab.
 
Wenn man Artikel aus jener Zeit liest, verwirrt vor allem eine Sache. Denn Sárosi schien es mehrfach zu geben. Mitte der dreißiger Jahre tauchten etwa zeitgleich Berichte im »kicker«, »Gazetta dello Sport« und in »L’Auto« auf. In der deutschen Zeitung nannte man ihn einen »Mittelfeldspieler«, in der italienischen war er ein »Innenverteidiger« und in der französischen ein »Angreifer«. Doch es handelte sich nicht um Unwissenheitheit der Autoren, sondern um eine Tatsache: Sárosi spielte tatsächlich auf allen Positionen. Er war vielleicht der erste Allrounder der Fußballgeschichte – im wahrsten Sinne des Wortes.

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