12.03.2014

Groundhopping mit Uwe Fellensiek: Das Jahrhundertspiel

Inkybaby reagiert nicht mehr

Seite 2/3: Inkybaby reagiert nicht mehr
Text:
Uwe Fellensiek
Bild:
imago

Auf dem Spielfeld nahm der VfL die Bayern nun regelrecht auseinander. Ein Angriff reihte sich an den nächsten. Wer mit wütender bajuwarischer Gegenwehr gerechnet hatte, wurde überrascht. Hier spielte nur ein Team und das war der VfL. So dauerte es nicht lange, bis der Ball nach einer traumhaften Kombination abermals bei Jupp Kaczor landete. Er legte sich den Ball auf den richtigen Fuß und versenkte das Leder vorbei am verdutzten Nationaltorhüter flach und trocken zum 3:0 in der Ecke des Bayerngehäuses. Spätestens jetzt spürte auch der Letzte, dass dieser Tag ein ganz besonderer werden sollte. Lediglich Inky schien das alles nicht so recht goutieren zu können. Ihre anfänglich gute Laune hatte sich in eine gewisse Furcht vor der Hitze und dem Druck der Masse gewandelt. Sie verstand nicht wirklich, was da gerade Außergewöhnliches vor ihren Augen auf dem Rasen geschah. Auch war für sie diese Form der exzessiven Massenverbrüderung nicht nachvollziehbar und ging ihr spürbar zu weit. Der Halbzeitpfiff war für sie, im Gegensatz zu allen anderen, eher eine Erlösung.

Keine Chance aufs Pausenbier

Das übliche Pausenbier musste auf Grund der schwierigen Umstände durch hoffnungslos verstopfte Gänge und Massenandrang vor den zwei verbliebenen Getränkebuden im Eingangsbereich verschoben werden. Zum einen war die Wahrscheinlichkeit, zwei Bierbecher ohne gravierende Verluste durch die zusammengepferchte Menge zu jonglieren, gering, zum anderen war der dafür zu erwartende Zeitfaktor schwer kalkulierbar. Schließlich wollte kein Zuschauer auch nur eine Sekunde dieses Wahnsinnsspiels verpassen. Also hielten wir die Stellung und richteten uns in unserem Nest aus Leibern ein wenig ein.

Die Spielpause verging wie im Flug, schon kamen die Mannschaften zurück aufs Spielfeld. Trotz trockener Kehlen und wenig Atemluft feuerten wir unsere Jungs von der ersten Sekunde an an und tatsächlich dauerte es keine drei Minuten, bis sich der blau-weiße Wahnsinn fortsetzte. Spielerisch leicht wurde der Ball vor das Bayerntor getragen, ebenso leicht und unkompliziert kam der Ball zu Sammy Pochstein – von seiner Stirn rauschte das Leder in die Maschen. Ich erinnere mich nicht mehr, was genau danach geschah. Alles ging in einer Eruption von Armen, Köpfen und Leibern unter. Ich erinnere nur noch das Bild des geschlagenen und völlig konsternierten Sepp Meier, wie er den Ball aus dem Netz holte und kopfschüttelnd nach vorne warf. 4:0! Vier zu null!! Wir schrieen und jubelten. Es war wie ein Rausch. Inky dagegen war nun genervt, denn die Masse drückte nun noch heftiger von oben herab. Eingepfercht von durchdrehenden Fans versuchte sie trotzig mit all ihrer Kraft, ihren Platz neben mir zu behaupten. Die Luft war zum Schneiden. Auf dem Platz ging die Post ab. Dennoch spürte ich nun, wie sie nur noch mich ansah, regelrecht fixierte, ohne sonderliche Regung. Ich drehte mich zu ihr und tippte ihr auf die Nasenspitze. »Da musst du hinschauen, Baby, da läuft die Show«, sagte ich und deutete Richtung Spielfeld. Doch Inkybaby reagierte nicht. Sie starrte mich weiter an, dann verdrehte sie plötzlich die Augen, und versank, ohne noch einen Ton von sich zu geben, in der tobenden Menge.

Schwer wie ein Sack Kohlen

Zunächst war ich verblüfft. Für einen Moment dachte ich an einen übertriebenen Scherz. Erst dann wurde mir der Ernst der Lage schlagartig bewusst. Sofort warf ich mich zwischen die Menschenleiber, tauchte ab in eine dunkle Welt aus unzähligen Beinen, um kurz darauf mit ihr wieder aufzutauchen. Ich erinnere mich noch, dass sie mir nun schwer wie ein Sack Kohlen vorkam. Aus Leibeskräften schrie ich um Hilfe. Den Anschlusstreffer der Bayern registrierte ich nur so halb. Mit Unterstützung anderer Fans gelang es, die Sanitätsabteilung unten auf dem Spielfeld trotz Orkanlautstärke auf uns aufmerksam zu machen. Während sich die Sanitäter mit einer Trage den Weg bis hinauf zu uns erkämpften, fiel, so glaube ich, ein weiteres Tor. Kaum bei uns angekommen schnallten sie die noch immer Bewusstlose auf die Trage, zusammen quetschten wir uns durch die Menschenmenge in Richtung Katakomben, die sich direkt hinter der Baustelle der Haupttribüne befand.

 
 
 
 
 
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