Große Mannschaften und ihre Ära

Die Unbezwingbaren

Der Kaufrausch der Bayern ist durch eine Vision motiviert: Sie wollen Epoche machen. Gute Idee, aber da wären sie nicht die Ersten: Schon immer gab es Mannschaften, die eine Ära prägten. Wir haben die dominantesten zusammengetragen.
Heft #68 07 / 2007
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Die 20er Jahre: 1. FC Nürnberg

Schon vor der ersten deutschen Meisterschaft 1920 wurden fast alle Spielberichte über den „Club“ in der Fachzeitschrift „Fußball“ mit dem Standardsatz eingeleitet: „Bald nach Beginn stand bereits der Sieg der Nürnberger fest…“ Ungeschlagen zogen die Weinroten 1920 ins Finale um die Deutsche Meisterschaft ein und gewannen auch diese Partie gegen den Lokalrivalen und größten Konkurrenten SpVgg Fürth mit 2:0. Die souveräne Titelverteidigung im darauf folgenden Jahr mit einem 5:0 im Finale gegen Vorwärts Berlin festigte den Nimbus der Nürnberger, die absolute Fußballmacht in Deutschland zu sein.

Die Dominanz der Clubberer ging sogar soweit, dass die Spieler selbst nach der durchzechten Meisternacht 1921 am nächsten Tag Borussia Mönchengladbach bei einem Freundschaftsspiel mit 6:0 abfertigten. „Wir hatten so einen Kater und waren so kaputt, dass wir uns mit dem Ball nicht lange beschäftigen konnten“, erinnerte sich Nürnbergs legendärer Torwart Heiner Stuhlfauth. „Jeder war froh, wenn er den Ball abgeben konnte, um nicht laufen zu müssen.“ Schließlich stellten die Nürnberger einen einmaligen Rekord auf: Vom 8. Juli 1918 bis zum 5. Februar 1922 verlor der Club nicht eines seiner 104 Verbandsspiele (Gesamttorverhältnis: 480:47).

Im 2-3-5-System der 20er Jahre pflegte die Mannschaft die damals als „schottischer Stil“ benannte Spielweise: Mit endlosen Kurzpass-Stafetten wurde der Ball ins gegnerische Tor „getragen“. Besonders in der Technik und Ballbehandlung waren die Clubberer ihren Gegnern haushoch überlegen. Die größten Spieler waren der schier unüberwindbare Torhüter Stuhlfauth und Mittelläufer Hans Kalb. Kalb war das Hirn der Mannschaft, Sepp Herberger bezeichnete ihn gar als den besten deutschen Fußballer aller Zeiten. So galt damals auch der Spruch „Club ohne Kalb – halb.“ Kalb war der Archetyp der späteren Effenbergs, Stoitchkows und ihrer Epigonen: Genial auf dem Spielfeld, und um keine Auseinandersetzung mit dem Gegner, dem Schiedsrichter und besonders den Zuschauern verlegen.

1922 erreichten die Nürnberger erneut das Finale. Der Hamburger SV hielt jedoch mit Kick and Rush und überhartem Einsteigen dagegen. Nach Ende der regulären Spielzeit stand es 2:2 und da es zu jener Zeit noch keine Zeitvorgabe für die Verlängerung gab, brach der Schiedsrichter die Partie in der 190. (!) Minute wegen einsetzender Dunkelheit ab. Das Wiederholungsspiel musste der Schiedsrichter beim Stande von 1:1 ebenfalls abbrechen, denn die Hamburger hatten vier Nürnberger so übel gefoult, dass die Roten nur noch zu siebt auf dem Feld standen – noch heute wird für dieses Jahr kein offizieller Meister geführt www.11freunde.de/fans/100297 .

Zwei Jahre später bezwangen die Nürnberger den HSV im Finale dann eindeutig mit 2:0. Von der Meistermannschaft 1924 waren 13 der 14 Clubberer Nationalspieler. Im folgenden Jahr sicherte sich der 1. FC Nürnberg mit dem vierten Triumph auch den Titel „Rekordmeister“.

Den letzten Meisterschaftsgewinn in der goldenen Ära errang der Club 1927 mit einem 2:0 über Hertha BSC. In den Jahren 1929 und 1930 erreichten die Nürnberger noch das Halbfinale, aber mit dem Karriereende von Kalb und Co. endete auch die große Dominanz des Clubs. Nicht nur das Ausscheiden der besten Spieler machte den Nürnbergern jedoch zu schaffen, auch das neue W-M-Spielsystem mit fünf statt zwei Verteidigern gab die große Club-Stärke, das Kurzpass-Spiel, der Nutzlosigkeit preis. So klingt Hans Kalbs deutliche Meinung zu dieser Spielweise wie ein Vermächtnis an heutigen Verfechter des Catenaccio und Ergebnisfußballs: „Als wahrer Sportler soll man auch verlieren können – nur blamieren darf man sich nicht! Das Mauern aber ist Blamage!“


Die 30er Jahre: Schalke 04

Anfang der Dreißiger Jahre hat Schalke in etwa den gleichen Status wie heute: ein großer Klub mit vielen Fans und starken Spielern – aber ohne Titel. Ähnlich wie in der vergangenen Saison, als die favorisierten Königsblauen mit 0:2 in Dortmund verloren und die Meisterschaft verspielten, vermasselten sie auch ihr erstes Endspiel 1933. Mit 0:3 gingen die Knappen gegen Fortuna Düsseldorf unter und mussten die fest eingeplante Feier mit den Fans absagen. Noch in der Kabine schworen sich die Spieler, allen voran Ernst Kuzorra und seine Schwager Szepan: „Das passiert uns nie mehr. Im nächsten Jahr schaffen wir es.“

Souverän erreichten die Schalker auch 1934 das Finale. Und die Aussicht, gegen den Rekordmeister 1. FC Nürnberg den ersten Titel zu erreichen setzte bei allen Spielern unglaubliche Kräfte frei. Besonders bei Kuzorra, er kämpfte sich mit einem Leistenbruch herum, lief trotzdem auf und peitschte seine Mitspieler an: „Ich bin euer Kapitän. Ich weiß, dass ihr mich braucht. Also lasse ich euch nicht im Stich.“ Kuzorra steckte während der gesamten Partie nie auf, und in der letzten Minute erzielte er aus 22 Metern das entscheidende 2:1. Durch seinen Schuss hatte sich die Verletzung jedoch so verschlimmert, dass er vom Platz getragen werden musste.

Erneut leistete die Mannschaft nach dem Endspiel einen Kabinenschwur. Diesmal wollten sie unbedingt die Titelverteidigung erreichen. Der Zusammenhalt trieb die Schalker auch im folgenden Jahr zur Meisterschaft. Im Finale gegen Stuttgart standen acht Spieler in den Reihen der Königsblauen, die in Gelsenkirchen geboren waren. So eine Quote gab es nie wieder bei einem deutschen Titelträger.

Zusätzlich zu dem überragenden Teamgeist war natürlich das schnelle Passspiel, der „Schalker Kreisel“, das große Erfolgsgeheimnis der Knappen. Im Endspiel 1937 strömten 101.000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion, um die beiden besten deutschen Mannschaften, Schalke und Nürnberg, zu sehen. Auf dem Schwarzmarkt wurden für die begehrten Eintrittskarten sogar Fahrräder oder Damenhüte geboten. Dank des Wunderstürmers Kalwitzki triumphierten die Schalker mit 2:0 und konnten zum dritten Mal die „Viktoria“ in den Armen halten. Trainer „Bumbas“ Schmidt lobte seine Spieler als die „beste Schalker Mannschaft von allen“.

Der dritte Titel war nur die Grundlage für eine scheinbar unantastbare Dominanz der Königsblauen während der folgenden Jahre. Im Januar 1938 gewann Schalke 04 als erster Verein in Deutschland mit dem Pokalsieg das Double. Im Meisterschaftsfinale 1939 deklassierten die Gelsenkirchener Admira Wacker Wien gar mit 9:0, auch ein Jahr später siegten sie im Endspiel – dieses Mal gegen Helmut Schöns Dresdner SC mit 1:0. Das Finale von 1940 war ein Sinnbild für die Erfolgsserie der Schalker. Die Sachsen versuchten mit einer massiven Deckung vornehmlich das gegnerische Kombinationsspiel zu zerstören, doch die Knappen zogen stur ihre Offensivtaktik durch und gewannen durch eine Einzelaktion von Kalwitzki, dem „Bomber vom Dienst“. Egal, was der Gegner damals auch versuchte, die Schalker hatten immer eine passende Antwort.


Die 50er Jahre: 1. FC Kaiserslautern


Auch wenn der FCK 1948 sein erstes Meisterschaftsendspiel gegen den 1. FC Nürnberg verlor, so war diese Partie doch die Geburtsstunde einer legendären Mannschaft, der „Walter-Elf“. Fritz Walter führte den Klub in den Nachkriegswirren zusammen und arbeitete für kurze Zeit sogar als Spielertrainer. Die Stützen der Mannschaft waren auch die späteren Weltmeister von ´54: Ottmar und Fritz Walter, Werner Liebich, Horst Eckel und Werner Kohlmeyer.

Den ersten Meistertitel gewannen die „Roten Teufel“ 1951 nach einem 2:1 über Preußen Münster. Bei diesem Spiel zeigte Ottmar Walter allergrößten Einsatz. Wegen einer Verletzung drohte ihm eine Operation – was damals auch die Fußballerkarriere stark gefährdete. Doch Ottmar Walter spielte durch und erzielte sogar beide Tore per Kopf.
Nach dem erneuten Meisterschaftsgewinn 1953 mussten die deutschen Vereine die Vormachtstellung des FCK nahtlos anerkennen. In der Endrunde verlor die Walter-Elf nicht ein Spiel, und im Finale wurde der VfB Stuttgart mit 4:1 deklassiert.

Auch in den folgenden zwei Jahren erreichten die „Roten Teufel“ das Endspiel, verloren beide Partien jedoch sensationell mit 1:5 gegen Hannover (1954) und mit 3:4 gegen Essen (1955). Die Spieler um Fritz Walter wussten also auch nur zu gut, was es heißt, als hoher Favorit den fest eingeplanten Titel nicht zu gewinnen.


Die 60er Jahre: 1. FC Köln

Was die Bayern vor dieser Saison mit millionenschweren Einkäufen erzwingen wollen, versuchte der 1. FC Köln schon Anfang der Sechziger Jahre: mit großem finanziellen Aufwand sollte mit aller Macht der Meistertitel errungen werden. Spektakulärster Neuzugang war der „Boss“, Helmut Rahn. Aber auch Mittelstürmer Christian Müller (er sollte in dieser Saison in 28 Spielen eben so viele Tore schießen) und den türkischen Linksaußen Coskun Tas lotste der charismatische FC-Präsident Franz Kremer an den Rhein.

Mit dem für damalige Zeiten riesigen Kader von 21 Spielern erreichten die Kölner zawr das Finale, dort mussten sie sich allerdings dem HSV um Nationalstürmer Uwe Seeler mit 2:1 geschlagen geben. Getreu der Kölner Feierkultur bereiteten die Domstädter ihrer Mannschaft dennoch einen großen Empfang und kutschierten die Spieler auf einem Rosenmontagswagen durch die Stadt.

1962 verpflichtete der FC für sein Staraufgebot um Karl-Heinz Schnellinger, Hans Schäfer und Leo Wilden endlich den richtigen Trainer: Tschik Cajkovski. Obwohl er sich von seinen Spielern duzen ließ, genoss er uneingeschränkte Autorität und war ein großer Motivator. Vor dem Finale 1962 gegen Nürnberg witzelte er sogar: „Wer ist diese komische Nürnberg? Wir putzen diese Team mit 5:1! Ist sich klar, werden wir auch Deutscher Meister.“ Schließlich gewannen seine Spieler „nur“ mit 4:0 und konnten endlich die erste Meisterschaft feiern. Und in Köln konnte endlich Karneval im Mai gefeiert werden. Auf dem Rückflug mit der Mannschaft drehte der Pilot sogar ein paar Ehrenrunden über dem Müngersdorfer Stadion.

Die konsequente Strategie des FC-Präsidenten Kremer, den Verein zu modernisieren und professionelle Strukturen zu etablieren, machte sich immer mehr bezahlt. Die Kölner brachten durch gezielte Nachwuchsarbeit außerdem Talente wie Wolfgang Overath und Wolfgang Weber hervor. Selbst die Vereinsführung eines aufstrebenden Klubs namens Bayern München besuchte das Trainingsgelände und holte sich sehr viele Anregungen.

Den größten Triumph feierten die Kölner jedoch in der ersten Bundesligasaison 1963/64. Vom Beginn der Spielzeit an dominierte der FC die Liga, die Mannschaft war einfach zu gut und zu ausgeglichen besetzt. Nur kurz nach der Winterpause strauchelten die Kölner und konnten ihre ersten drei Rückrundenpartien nicht gewinnen. Dann stauchte Trainer Georg „Feldwebel“ Knöpfle seine Spieler ordentlich zusammen, die „Geißböcke“ blieben in den restlichen 14 Partien ungeschlagen und wurden der erste Meister der Bundesliga. Dieser Erfolg stieg den Kölner wohl etwas zu Kopf. Sie verpflichteten für die nächste Saison den ersten Brasilianer der Bundesliga, Zeze. Der als Ballkünstler Gepriesene war ein grandioser Flop und verließ den Verein nach fünf Bundesligaspielen. Auch die große Dominanz kam den Kölnern abhanden. Sie spielten in den folgenden Jahren zwar regelmäßig um den Titel, konnten ihn aber nicht mehr gewinnen.

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Im neuen 11FREUNDE-Heft findet Ihr die Geschichte der Frankfurter Mannschaft, die die späten 50er Jahre dominierte. Ihr Geheimnis: Ein Bier bei Uschi.



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