Grimme-Preisträger Pause über Homosexualität

»Zwanziger agiert ungelenk«

Aljoscha Pause wurde für seine Dokumentation »Das große Tabu – Homosexualität und Fußball« mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Wir sprachen mit ihm über Homophobie, die Bemühungen des DFB und Christoph Daum. Grimme-Preisträger Pause über HomosexualitätImago Aljoscha Pause, wie oft werden Sie nach den Namen schwuler Fußballprofis gefragt?

Entschieden zu oft -  speziell durch den Boulevard ist eine extreme Neugier entstanden. Leider gibt es in der deutschen Gesellschaft im Jahr 2010 immer noch viel zu viel Diskriminierung und die Toleranz bleibt bemerkenswert oft auf der Strecke. Ich würde mir wünschen, dass sich die Stimmung grundlegend verändert. Selbst habe ich mich bei der Recherche nicht dafür interessiert, wie viele und welche Profis nun wirklich schwul sind.

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Kam es im Nachhinein zu Anfeindungen?

Anfeindungen nicht wirklich. Aber mir war von Anfang an bewusst, dass die Sportberichterstattung und viele Sportredaktionen konservativ sind und dass es da viele Menschen gibt, die Berührungsängste haben mit dem Thema. Auch im Kollegenkreis bin ich nicht nur auf Gegenliebe gestoßen, wenn ich um Mithilfe gebeten habe. Als klar war, dass ich einen zweiten Teil mache, gab es schon Stimmen, die meinten: »Muss das wirklich sein, ist da nicht schon alles gesagt zu dem Thema?« Das war schon das Äußerste. Aber wie das bei Homophobie ist: Das meiste kriegt man wahrscheinlich gar nicht erst gesagt.

Wie geht man bei so einem diskret gehaltenen Thema bei der Recherche vor?

Das war der spannendste Teil und die größte Herausforderung zugleich: Wie schaffe ich es, so einen diffusen Zustand wirklich sichtbar zu machen? Deshalb musste ich das von vielen Seiten eingrenzen: Ich habe mich diverser Umfragen bedient, Stimmungsbilder aus den Stadion und von Spielern besorgt – wobei das im ersten Film noch viel schwieriger war. Philipp Lahm war sogar der einzige Spieler, der überhaupt darüber sprechen wollte. Und Exkurse aus der Historie, Geschichten, die wirklich passiert sind. Da findet man Porträts über Spielerinnen wie Inka Grings und Linda Bresonik,  Geschichten wie die vom brasilianischen Nationalspieler Rycharlyson und dem DDR-Jugendnationalspieler Marcus Urban.

Gab es bei den Statements der Profis auch ähnlich dumme Aussagen wie die von Christoph Daum im ersten Teil der Dokumentation?

Ich hätte keine Vorbehalte gehabt, auch drastische Standpunkte zu senden – was ich zum Teil ja auch getan habe. Im Film sieht man Zbigniew Boniek, einem aus fußballerischer Sicht bemerkenswerten Mann, der sich dort mit einem mehr als fragwürdigem Statement geäußert hat. Man sieht aber auch Aussagen von Spielern wie Ervin Skela und oder Pal Dardai, die ich als alles andere als fortschrittlich einordnen würde. 

Das alte Klischee von der gemeinschaftlichen Dusche.

Genau. Ervin Skela etwa konnte sich nicht vorstellen, mit einem Schwulen zu duschen.

Es gibt heutzutage zahlreiche homosexuelle Prominente, Politiker und Schauspieler. Warum tut sich der Sport in Sachen Coming-Outs so schwer?

Der Fußball wird ja oft – wie auch bei 11FREUNDE – als letztes Reservat archaischer Männlichkeit beschrieben. Es gibt zum Glück mittlerweile  alternative und kultige Bewegungen, wie es sie in den Achtigern und Anfang der neunziger Jahren noch nicht gab. Der Sport selbst ist aber nun einmal konservativ und der gemeine Fan ist nun einmal noch nicht 100 Prozent deckungsgleich mit dem 11FREUNDE-Leser. Da sind Diskriminierung und Sexismus weit verbeitet. Und wo Sexismus ist, ist auch Homophobie nicht weit und umgekehrt. Rassismus ist ein ähnliches Thema, es gilt da einfach noch das Klischee des starken Macho-Mannes. Wobei ich aber in der Recherche auch mitbekommen habe, dass Homosexuelle in allen Bereichen der Gesellschaft diskriminiert werden. Eine Studie etwa belegt, dass ein Drittel der Deutschen immer noch die Nase rümpfen, wenn sie zwei Männer Hand in Hand die Straße entlang gehen sehen - die großen Promi-Coming-Outs lenken davon dann eher ab.

Ist denn Ihrer Meinung nach ein Coming Out im aktiven Profifußball in nächster Zeit überhaupt abzusehen?

Ich will da nicht über Zeiträume spekulieren. Aber man darf auch nicht vor dieser Diskriminierungskultur kapitulieren und das völlig ausschließen. Ich würde den Glauben an den Fortschritt und an eine moderne Lebenseinstellung immer voran stellen. Wir haben erlebt, wie es mit dem Rassismus war. Den wird man einigen Hohlköpfen nie völlig austreiben können, aber durch gezielte Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit – auch Maßnahmen seitens des DFB – hat man diesen recht gut in den Griff bekommen. Man muss auch dem Kampf gegen die Homophobie Zeit geben, aber ich bin zuversichtlich, dass auch das gelingt. Für einen durchschnittlichen homosexuellen Profi stellt sich auch schlicht und einfach die wirtschaftliche Kalkulation, quasi eine Kosten-Nutzen-Kalkulation. Und die psychische Belastung kommt noch dazu.

Aber würde sich ein durch den Boulevard begleitetes Coming Out für einen weniger talentierten Profi nicht sogar lohnen können?

Bestimmt kann das, auch in Bezug auf Sponsoren, so sein, ja. Aber das wäre von dem Spieler eine gewagte Annahme, es gibt schließlich auch keinen Präzedenzfall. Die Spieler sind auch zu ernsthaft mit ihrer eigenen Problematik beschäftigt, als dass sie das Ganze plump vermarkten würden.

Sollte der DFB denn drastischer homophobe Sprechchöre und Zwischenrufe vorgehen?

Ich halte das für einen extrem wichtigen Ansatz. Der DFB und auch Theo Zwanziger zeigen deutliches Bemühen und eine glaubhafte Positionierung in dieser Richtung. Es hat sich im Verband einiges getan und, was das Wichtigste ist, der offene Dialog wird gesucht. Auch Aktionen wie Flyer oder ein Länderspiel, dass unter dieses Motto gestellt wurde.

Welches Länderspiel war denn das?

Das war das Länderspiel gegen Finnland, das PR-mäßig nicht besonders glücklich positioniert war. Diese Aktion ist deutlich verpufft. In der Berichterstattung hat das nicht stattgefunden, da gibt es bestimmt noch Nachbesserungsbedarf.

Bei rassistischen Äußerungen soll bereits entschiedener eingegriffen werden. Was muss im Bezug auf Homphobie noch besser werden?

Es muss zum Beispiel im Stadion, sei es durch Zivilcourage oder in Form einer konzertierte Aktion, klar gemacht werden, dass bestimmte Äußerungen einfach nicht salonfähig sind und dass das keine Kavaliersdelikte sind. Viele aufgeklärte Menschen lassen so etwas durchgehen, ohne die Diskriminierung zu bedenken, die eventuell den schwulen Nachbarn damit trifft. Solche Entwicklungen kommen nicht sofort, da braucht man Geduld, aber ich bin sicher dass es irgendwann kommt.

Hat sich denn seit ihren Filmen schon etwas spürbar verbessert?

Auf jeden Fall. Insbesondere, dass dieser Dialog nun da ist, ist für mich wichtig. Das Thema wird nun ernst genommen, auch wenn man sich in einigen Fällen, wie etwa der Schiedsrichteraffäre, noch etwas ungelenk verhält. Auch wenn mir da noch zu sehr schwarz und weiß gemalt und zu viel auf Theo Zwanziger eingeschlagen wird.

Speziell im Boulevard wurden alle möglichen Details dieser Geschichte breit getreten. Worum ging es denn wirklich bei der Affäre?


In meinen Augen wurde das ganze viel zu stark am Thema der Homosexualität aufgehangen. Für mich war das Ganze viel mehr ein Intrigenspiel, ein Machtkampf. Und es ging, wie man schon sagen muss, um ein schlechtes Krisenmanagement von Herrn Zwanziger sowie ein durchaus zweifelhaftes Kommunikationsgebahren. 

Hat der DFB damit seine eigenen Bemühungen in Kampf gegen die Homophobie untergraben?

Ich sage es mal so: Ein Fußballer sollte sich in aller Freundschaft bei Theo Zwanziger melden können, wenn er über ein Coming-Out nachdenkt. Wenn ich jetzt Spieler XY gewesen wäre, der sich das ernsthaft überlegt hätte mit seiner Kosten-Nutzen-Rechnung in der Hand, und dann sehe, wie ungelenk und unglücklich sich Theo Zwanziger in der Schiedsrichteraffäre verhält, werde ich den Teufel tun und mich ihm so ausliefern. Sein Engagement gegen Homophobie ist aber wirklich glaubhaft, und ohne ihn würde es dieses Thema beim DFB nicht auf eine vernünftige Art und Weise geben. Insgesamt, und das hat man jetzt auch wieder gesehen, sind längst nicht alle so weit wie Theo Zwanziger und Helmut Spahn.

Wird denn Michael Kempter überhaupt jemals wieder ein Spiel pfeifen können, bei dem öffentlichen Druck und den zu erwartenden Anfeindungen?

Das hängt von ihm selbst ab. Es gibt wenig Zweifel daran, dass er ein guter Schiedsrichter ist. Wenn er sagt, dass er stark genug ist, gegen erste Anfeindungen zu bestehen, dann sollte der DFB ihm durchaus diese Chance einräumen. Das wäre dann sicher ein wichtiger Schritt. Die Berichterstattung in den Medien – sprich: Sex sells – hat die ganze Problematik aber bestimmt nicht leichter gemacht. Da erschließt sich dann für einige Leute ein Pseudo-Weltbild mit völlig falschen Assoziationen, gemäß dem Motto: Siehste, habe ich doch immer gewusst.

Stichwort falsche Assoziationen: Wie schwer hat sich Christoph Daum wirklich getan, sich für seine Aussagen, die eine Verbindung von Homosexualität und Pädophilie nahelegen, zu entschuldigen?

Er hat in Köln sicherlich den öffentlichen Druck gespürt. Nach der ersten Dokumentation wurde seine Villa, er selbst weilte im Urlaub auf Mallorca, mit Farbbomben attackiert. Es hat auch eine Weile gedauert, bis er bereit war, seine Aussagen vor der Kamera noch einmal zu erläutern. Seine offene Lebenseinstellung nehme ich ihm ab und dass er ein Stück weit guten Willens ist, aber ihm unterlaufen da stets diese falschen Assoziationen.

Sie haben Reportagen über gesellschaftliche Themen wie Alkoholismus und Homosexualität im Profisport gemacht, die für viel Beachtung und Erstaunen sorgten. Gibt es noch weitere Phänomene im Fußball, die der breiten öffentlichen Wahrnehmung bislang entgangen sind?

Sexismus ist sicherlich ein großes Thema, das auch im Umfeld des Sports noch erschreckend stark vertreten ist. Und leider auch die Depressionen, die seit dem vergangenen Herbst teilweise angesprochen wurden. Schwächen im Allgemeinen wird uns als Überthema wohl noch lange erhalten bleiben, aber ich fände es toll, wenn es einen ernsthaften und nachhaltigen Dialog über Themen wie Depressionen, Ängste und Schwächen geben würde  – nicht nur im Fußball übrigens.

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