Goikoetxeas Horrorfoul an Maradona

Wie Holz, das bricht

Andoni Goikoetxea ist nicht ohne Grund auf Platz eins unserer Liste der härtesten Fußballer der Welt gelandet. Der »Schlächter von Bilbao« grätschte sich brutaler als jeder andere seiner Zunft durch die Stadien dieser Welt. Trauriger Höhepunkt: sein Foul gegen den jungen Diego Maradona, der deshalb beinahe seine Karriere hätte beenden müssen. Erinnerungen.

Es ist der 24. September 1983, als der baskische Verteidiger Andoni Goikoetxea die Enzyklopädie des Fußballs um den Begriff »Schlächter von Bilbao« erweitert. Krachend und endgültig, in einem Tempel von mondänem Klang, dem Camp Nou des FC Barcelona.

Gut eine Stunde ist gespielt, und noch immer hat zwischen den Hausherren und Athletic Bilbao der Halbzeitstand von 2:0 Bestand, als aus Barças Strafraum der Ball in Richtung Mittellinie fliegt. Mit den Zehen seines linken Fußes spitzelt Diego Armando Maradona, die Nummer 10 der Katalanen, den Ball weg, als in seinem Rücken Goikoetxea das Bein ausstreckt und zu jenem Foul heranfliegt, von dem die Spanier in diesen makabren Jubiläumstagen wieder behaupten, es sei das berühmteste Foul der Geschichte des Fußballs. »Ich spürte den Schlag, ich hörte das Geräusch wie das eines Holzes, das bricht«, schreibt Maradona in seiner Autobiographie »El Diego«. Barcelonas Verteidiger Migueli versucht, ihm aufzuhelfen. »Nein, Miguel, nein. Er hat mir alles kaputtgetreten«, antwortet Maradona.

Als ihn die Sanitäter vom Platz tragen, sieht es fast so aus, als müssten sie das Protokoll für Bestattungsriten anwenden: Maradonas Blick ist leer, die Hände verschränkt er über der hochgeschlagenen Filzdecke auf der Brust. Es liegt ja durchaus etwas Todesfurcht in der Luft - die Angst davor, der begabteste Linksfuß der Fußballgeschichte könnte ausgelöscht sein. Das rechte Bein hat er - ja wofür eigentlich?

»Muss erst jemand sterben?«

Als er in Zimmer 201 der Asepeyo-Klinik von Barcelona liegt, trauen sich Ärzte und Vertraute nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Beim Begutachten der Röntgenbilder war festgestellt worden, was man sonst nur von schweren Skiunfällen kennt: Der Knochenhöcker am unteren Ende des Wadenbeins ist zertrümmert, das innere Außenband gerissen, das Fußgelenk ausgekugelt.

Im Stadion prangert Barcelonas argentinischer Trainer César Luis Menotti die Gewalt im Fußball an: »Muss denn erst jemand sterben, ehe jemand etwas tut?«, fragt er und fällt ein vernichtendes Urteil über den Übeltäter: »Er gehört der Rasse der Antifußballer an.« - »Lasst uns mal abwarten, ob Diego in ein paar Tagen nicht doch wieder aufsteht«, entgegnet Athletics Coach Javier Clemente. »Im Bus mussten wir uns auf den Boden werfen. Die Barça-Fans warfen uns die Scheiben ein, auch im Hotel kam es zu Zwischenfällen«, erzählt Manu Sarabia, damals Stürmer bei Athletic.

»Der Schlächter von Bilbao«

Es sind viele Elemente, die das Foul bis heute über andere hinausheben, Schriftsteller wie Eduardo Galeano von »vorsätzlichem Totschlag« schreiben ließen oder den britischen Journalisten Edward Owen in seinem Augenzeugenbericht vom »Schlächter von Bilbao«. Natürlich spielt der makabre Zufall eine Rolle, dass Andoni Goikoetxea, der Baske, zwei Jahre zuvor dem ebenfalls beim FC Barcelona agierenden Künstler Bernd Schuster in Bilbao das Knie zertreten, ihn für ein Jahr außer Gefecht gesetzt hatte.

In Barcelona hatten sie das bis zu diesem 24. September 1983 nachgetragen. »Schuster, Schuster!«, schrien die 120.000 Zeugen im Camp Nou, als Schuster sich mit einem ebenfalls brutalen Tritt revanchierte. Goikoextea ging nicht nur in die Luft, »er flog«, erinnert sich Maradona. »Ich bring' den (Schuster) um«, habe er geschäumt. »Nur ruhig, Baske, beruhig' dich, ihr verliert doch schon ... Was willst du dir jetzt für'n Furz eine Gelbe holen«, hatte Maradona gesagt.

Die Hitze des Gefechts, sportliche Rivalität, Männergebaren, all das spielte in dieser 58. Minute des vierten Spieltags eine Rolle. Aber nicht nur. Es ist auch der historische Kontext, in dem sich alles vollzieht, die fußballerischen, politischen, soziokulturellen Zusammenhänge. Das Spiel Barcelona gegen Athletic war damals auch das Aufeinanderprallen konträrer Stilmittel und Konzeptionen: Hier der Boheme Menotti mit seinem fußballromantischen Diskurs, der dem Barça-Präsidenten José Luis Nuñez auf die Frage, ob man nicht zu weich spiele, brüsk antwortet: »Holen Sie doch elf Boxer!« Dort das an Soldaten- und Arbeiterethos gemahnende Schlachtengeheul Clementes. Goikoetxea verkörperte das gut. »Andoni war halt so. Der hat auch im Training zugelangt. Ohne böse Hintergedanken. Was meinst du, was ich für Tritte bekommen habe? Und wir waren, sind Freunde!«, sagt Sarabia über den Mann, dessen Vorbild Beckenbauer war. Nicht der Künstler Beckenbauer. Sondern der Beckenbauer, der mit bandagiertem Arm bei der WM 1970 weiterspielt.

Der kämpfende Kaiser als Vorbild

Spanien selbst durchlebt eine hochpolitisierte Zeit. Acht Jahre sind vergangen, seit General Franco tot ist - und Basken und Katalanen auf dem Fußballplatz eine Dominanz erlangen, von der sie mit einigem Recht annehmen, unter dem Joch der Diktatur sei sie politisch nicht gewollt gewesen. Athletic und Barça waren, mit dem Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán gesprochen, zu symbolischen Heeren an den Rändern Spaniens geworden. Die baskische Terrororganisation Eta bombt; Barcelonas Klubpräsident José Luis Nuñez entgleist eine böse Analogie: »Auch gegen den Terrorismus im Fußball muss vorgegangen werden.«

Auch Nuñez, der 1982 eine damals unglaubliche Ablöse für Maradona von 7,3 Millionen Dollar in sechs Raten bezahlt hatte, fiel ein in den Aufschrei der Empörung darüber, dass Goikoetxea nur eine gelbe Karte gezeigt bekam. Weil für den Schiedsrichter »keine Absicht erkennbar« war. Das Sportgericht schreitet ein, verurteilt den baskischen Verteidiger zu 18 Spielen Sperre. 18 Spiele! So hart war nie zuvor ein Fußballer bestraft worden. In Bilbao fühlt man sich deshalb - aufs Neue - verfolgt.

Vier Tage nach dem Spiel schnürt Goikoetxea wieder dieselben Schuhe, mit denen er Maradonas Knöchel zertrümmert hatte und macht im Uefa-Pokal (wo die Sperre nicht zählt) das Spiel seines Lebens und ein Tor. Die Kameraden tragen ihn auf Schultern vom Platz. »Ich habe den Aufschrei des baskischen Volkes gehört«, schluchzt er. Und beschließt, die Schuhe nie mehr zu tragen.

Vor Stuart Pearce und Basile Boli


Inzwischen hat er sie in Akryl eingebettet und in sein Haus gestellt. Wie ein Denkmal. »Ich möchte nicht, dass man das falsch interpretiert«, sagte Goikoetxea (der früher tausend Euro an Interviews zu Diegos Knöchel verdienen wollte) der Zeitung El País. »Ich bewahre sie nicht wie eine Jagdtrophäe auf. Diese Stiefel symbolisieren für mich Kopf und Zahl: Auf der einen Seite die Hetze, die ich nach der Verletzung von Diego aushalten musste, auf der anderen die Emotionalität der Hommage in San Mamés.«

2007 wurde Goikoetxea von The Times zum »härtesten Verteidiger aller Zeiten« gekürt. Vor Stuart Pearce (England) und Basile Boli (Frankreich). Sechs Jahre später hat ihm auch die 11FREUNDE-Redaktion diese zweifelhafte Ehre zuteil werden lassen. Andoni Goikoetxea sagt: »Die Verletzung Maradonas wird mich immer begleiten, ich nehme das hin.« Nur eins bringe ihn in Rage: dass es Leute gebe, die glaubten, er hätte Maradonas Karriere beendet. 108 Tage musste Maradona aussetzen, die Zeit soll ihn von Barcelona entfremdet haben, er zog weiter, nach Neapel. »Maradona wurde danach der beste Spieler der Welt. Und hey: Ich wurde damals nicht mal vom Platz gestellt!«, sagt Goikoetxea. Ob er eine rote Karte verdient gehabt hätte? »Möglicherweise.« Und, ach ja: Das Spiel endete 4:0.

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