Gladbachs Superlativ

Die spaßigste Personalpolitik

Der Ex-Gladbacher Peer Kluge wird bei seinem neuen Verein, dem 1. FC Nürnberg, viel zu erzählen haben. In sechs Jahren bei Borussia lernte er 100 Kollegen kennen.Und nicht nur er hofft, dass man am Bökelberg aus den Verfehlungen gelernt hat. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Peer Kluge konnte die ganz dicken Geldscheine stecken lassen, als er die Kollegen nach seinem letzten Spiel für seinen alten Arbeitgeber zum Essen einlud. Denn es erschienen gerade einmal sechs Mann zu seinem Ausstand. Hätte der Sachse alle Mitspieler aus seiner Zeit bei Borussia eingeladen, der Platz beim Italiener in Mönchengladbach hätte nicht ausgereicht: Denn Kluge hatte in seinen sechs Jahren am Niederrhein ungefähr 100 Mannschaftskollegen.

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Vor allem in den vergangenen drei Jahren war er Augenzeuge einer Schwindel erregenden Einkaufstour. Die Vereinsführung wurde vor allem nach dem Stadionneubau schnell ungeduldig; statt durch Kontinuität sollten die Ziele durch Kraftakte erreicht werden. Das Personalkarussel drehte sich in einem Höllentempo und spuckte beispielsweise in der Saison 2004/05 gleich 15 Neuzugänge aus. Ein sportliches Konzept war beim »Kaufhaus des Westens« kaum zu erkennen – wie denn auch, wenn das Schloss im Spind der Trainerkabine ständig ausgetauscht werden musste. Dass man sich trotz vereinzelt guter Einkäufe (Oliver Neuville, Kasey Keller) nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ zu häufig verhoben hat, zeigt die folgende Hitliste der absurdesten Transferverfehlungen der letzten Jahre:

5. Der Balkan-Ballack

Im Sommertrainingslager 2004 überraschten Sportdirektor Hochstätter und Trainer Fach die Spieler mit Vladimir Ivic. Doch der »perfekten Neuverpflichtung« wurde nur fünf Monate später »dem Wunsch nach Vertragsauflösung nachgekommen«. Neben Ivic kamen auch Marek Heinz oder David Degen über den roten Teppich und nahmen zum Abschied den Hinterausgang.

4. Das Torungeheuer

Alle schauten sie verlegen zu Boden. Fans, Mitspieler, Journalisten. Alle hatten sie gelacht über den schwerfälligen Mittelstürmer Kahe, auch genannt »Shrek, das Tor-Ungeheuer«. Noch in der abgelaufenen Saison tummelte er sich überall auf dem Spielfeld, nur nicht im Strafraum. Und nun hatte der Brasilianer seine Borussia am fünften Spieltag über Nacht an die Tabellenspitze und sich auf Platz 1 der Torjägerliste geschossen. Danach verlief Kahes Formkurve synchron zu der Borussias.

3. Die Mittelfeld-Sturmhoffnung

Mikkel Thygesen schaute nervös. Nein, ein Stürmer sei er nicht, sagte er den erstaunten Journalisten beim Antrittsgespräch, eher ein linker Mittelfeldspieler. Komisch, immerhin wurde der Däne noch wenige Minuten zuvor von Trainer Jupp Heynckes als Angreifer vorgestellt. Und den hätten die Borussen nach schlappen 13 Toren in 17 Hinrundenspielen und der bevorstehenden Operation von Oliver Neuville dringend nötig gehabt. Die Folge: Borussia schoss in der Rückrunde sogar nur zehn Tore und stieg ab. Thygesen saß meist nur draußen.

2. Die belgische Diva

»So jubelt man nicht«, schimpfte der damalige Trainer Jupp Heynckes, als Mittelstürmer Wesley Sonck das 1:0-Führungstor in Osnabrück erzielte. Sonck hatte alle Kollegen weggeschubst, um mit beiden Daumen auf seine Rückennummer zu deuten. Eine Szene, die alles aussagte über den egozentrischen Belgier. Sonck brachte in seiner Zeit bei Borussia mehr Unruhe in den Verein als in des Gegners Strafraum.

1. Der einbeinige Starstürmer

Auf Krücken kam Giovane Elber zur Vertragsunterzeichnung – ein Schien- und Wadenbeinbruch war noch nicht ganz ausgeheilt. »Ich bin bald wieder am Ball«, lächelte der smarte Brasilianer in die Kameras und zwar noch sehr häufig, denn der Heilungsprozess sollte die komplette Rückserie andauern. Zum Auftakt der folgenden Saison war Elber scheinbar fit und trommelte: »Wenn ich ein Tor schieße, renne ich nackt über den Platz.« Elber schoss kein Tor, nach drei weiteren Einwechslungen waren er und Borussia geschiedene Leute. Gerade einmal 50 Minuten spielte er für Borussia
 – da dürfte er zuletzt im Privatfernsehen mit Tanzpartnerin Isabel länger über das Parkett gefegt sein.

Peer Kluge war Augenzeuge, wie das Personalkarussell zur Abwärtsspirale mutierte und Borussia in die 2. Liga hinunterzog. »Man hätte die Mannschaft punktuell verstärken sollen, anstatt mit vielen teuren Spielern«, lauteten seine letzten Worte im
Trikot mit der Raute. Und weiter: »Ich hoffe, dass hier endlich Konstanz hereinkommt.« Konstanz scheint nun wieder da zu sein. Sportdirektor Christian Ziege macht auf der Kommandobrücke einen unaufgeregten Job, die Neuzugänge Alexander Voigt oder Roel Brouwers, Sascha Rösler oder Patrick Paauwe versprühen nicht mehr den Größenwahn der vergangenen Jahre. Borussia scheint mit dem Abstieg unten angekommen, die Verantwortlichen geerdet. Zeit, dass es wieder bergauf geht.

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