16.04.2012

Gladbach-Köln in der Spielanalyse

Taktische Todsünde

Auch in Spiel eins nach Stale Solbakken präsentiert sich der 1.FC Köln schwach  – und das gerade im Derby gegen Borussia Mönchengladbach. Unser Experte Tobias Escher über taktische Todsünden und den schwierigen Job von Frank Schaefer.

Text:
Tobias Escher
Bild:
Imago

Frank Schaefer hat einen der schwierigsten Jobs, die ein Profitrainer haben kann: Er soll ein indisponiertes Team in nicht einmal vier Wochen bundesligatauglich machen – aufgebrachte Fans und Unruhe stiftende Boulevardmedien inklusive. Bei Köln ist es jedoch nicht mit motivierenden Reden getan: Die Gründe für den Misserfolg liegen nicht (nur) beim mangelnden Einsatz, sondern sind hauptsächlich auf taktische Defizite zurückzuführen. Die Defensive präsentierte sich zuletzt passiv und fehleranfällig, offensiv fehlte jeglicher Plan im Spielaufbau.

Das Spiel gegen Gladbach wurde daher noch einmal ein Schaulaufen dessen, was Köln in der Rückrunde vom gesicherten Mittelfeld auf den Relegationsplatz spülte: Defensiv standen sie in ihrer 4-4-2-Formation zwar recht geordnet. Anders als unter Solbakken standen die Mittelfeldspieler nicht auf einer Linie, sondern leicht versetzt. Ein Sechser schloss hierdurch den Raum zwischen Verteidigung und Mittelfeld. Die tiefe Abwehrreihe gepaart mit der engen Anordnung sorgte dafür, dass Gladbach sich in der ersten halben Stunde kaum ins letzte Drittel kombinieren konnte.

Gladbachs Innenverteidiger mit Rekordpasswerten

Das größte Defizit dieser Strategie war das erneute Fehlen eines Offensivpressings. Gladbach konnte sich den Gegner aus der eigenen Hälfte zurechtlegen, ehe sie eine passende Lücke für ihre Vertikalpässe fanden. Dante konnte vollkommen ungestört agieren und spielte einen persönlichen Saisonhöchstwert von 121 Pässen. Jeder aufmerksame Leser der 11FREUNDE-Taktikanalyse weiß, dass dies eine taktische Todsünde gegen die Borussia ist – der Brasilianer wurde zum Taktgeber des Spiels und leitete viele gefährliche Angriffe ein.

Selbst als die Kölner nach dem 0:1 etwas aktiver gegen die Innenverteidiger attackierten, kombinierten diese sich einfach an den eigenen Sechszehner zurück. Köln verfolgte sie nicht so weit, da sie sonst ihre Position im Mittelfeld hätten aufgeben müssen. Gladbach gab demnach Raum auf, um aus der Tiefe in Ruhe aufbauen zu können – ein cleverer Schachzug. Sie konnten mit fast zwei Dritteln Ballbesitz die absolute Herrschaft über das Spielgeschehen erringen und spielten doppelt so viele Pässe wie die Kölner.

Köln offensiv ohne Linie

Der größte Unterschied beider Teams wird bei der Betrachtung des Spielaufbaus deutlich: Während Gladbach mit Dante und dem zur 44. Minute eingewechselten Jantschke zwei exzellente Passspieler hat, blieb Kölns Spiel aus der Innenverteidigung heraus schwach. Geromel und Sereno brachten zwar fast alle Pässe an den Mann (85 bzw. 95 Prozent Passgenauigkeit) – das aber auch nur, weil sie sich meist auf Querpässe beschränkten. Raumgewinn sieht anders aus. Die Offensivspieler boten sich zu weit vorne auf dem Feld an, der entstehenden 4-2-4-Formation fehlten die Anspielstationen im Mittelfeld.

Zu Chancen kamen die Domstädter nur über Standardsituationen oder Angriffe über die linke Flanke. Hier schafften die aufrückenden Sascha Riether und Christian Eichner Überzahlsituationen. Die zwei Chancen, die nach Eichners Flanken entstanden, konnten jedoch nicht verwertet werden. Auf der anderen Seite waren die Gladbacher wesentlich kompetenter im Herausspielen der Chancen. Trotz des Auslassens einiger Möglichkeiten war das Spiel bereits kurz nach der Halbzeit mit dem 3:0 entschieden. Bereits nach einer Stunde rollten die Gladbacher Fans das »Derbysieger«-Plakat aus. Keine Sekunde zu spät: Köln hatte nach dem 0:3 ohnehin aufgesteckt. Größer hätte die Schmach kaum ausfallen können.

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
1
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden