16.04.2012

Gladbach gegen Köln - Zehn Derbygeschichten

»Kurfürst Overath - Kaiser Netzer!«

Selbst-Einwechslungen, Wechselfehler, wütende Bauarbeiter, wehende Sowjetfahnen. Beim Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln gibt es nichts, was es nicht gibt! Zehn Beispiele.

Text:
Christoph Drescher und Christoph Erbelding
Bild:
Imago

18. Januar 1969
Saison 1968/69, 19. Spieltag
1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 1:4

Wer an Köln und Günter Netzer gleichzeitig denkt, dem fällt sofort das Pokalfinale 1973 ein. Selbst-Einwechslung. Traumhaftes Siegtor in der Verlängerung. Der Klassiker. Dass Netzer die Kölner lagen, bewies er schon früher. Zu Beginn des Jahres 1969 drehte er dem FC mit drei Treffern quasi im Alleingang den Hahn ab, stellte dabei auch Wolfgang Overath in den Schatten. Wer denn nun der beste Spielgestalter im Lande sei, fragten sich hiernach die Fachleute. Die Gazetten antworteten eindeutig: »Kürfürst Overath – Kaiser Netzer.« 

2. Oktober 1971
Saison 1971/72, 9. Spieltag
1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 4:3

1:0, 1:2, 3:2, 3:3, 4:3 – das rheinische Derby geizte nicht mit Emotionen. Helmut Schön konnte den Krimi dennoch nicht vollends genießen. Zu sehr war dem Nationaltrainer eine neue Form der Schmähung missfallen, die nicht nur das Duell Köln gegen Gladbach auch zukünftig begleiten sollte. Schön: »Was mich störte, war die Gehässigkeit, mit der Spieler schon bei der Nennung der Mannschaftsaufstellung ausgepfiffen werden. Das ist eine echte Gefahr für den Fußball.«

6. Dezember 1975
Saison 1975/76, 17. Spieltag
1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 0:4

So hatte sich Wolfgang Weber sein 600. Spiel im Trikot des 1. FC Köln nicht vorgestellt. Vor der Partie wurde der langjährige Nationalspieler für seinen wettbewerbsübergreifenden Spitzenwert geehrt. Die 90 Minuten verliefen dann einseitig pro Borussia. »Die Art und Weise, wie wir untergegangen sind, war traurig«, schluchzte der Jubilar. Ganz und gar wütend äußerte sich FC-Konditionstrainer Rolf Herings zu Kölns Herbert Neumann. »Man kann schon einmal schlecht spielen. Dann muss man aber wenigstens in kämpferischer Hinsicht sein möglichstes geben. Das habe ich bei Neumann diesmal völlig vermisst!«

20. Oktober 1979
Saison 1979/80, 9. Spieltag
1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 4:4

Assistenztrainer Karl-Heinz Drygalsky schwante zur Pause Böses. 0:3 lagen seine Borussen zurück, und der spätere Präsident der Gladbacher dachte schon an den darauf folgenden Montag, als es ihn wieder in die Sporthochschule verschlagen sollte. Drygalski, der als Dozent in Köln arbeitete, fürchtete, dort mit Spott überflutet zu werden. Um das Schlimmste doch noch abzuwenden, richtete er einen flammenden Appell an seine Mannschaft: »Ihr müsst was bringen, sonst kann ich mich am Montag nicht in der Sporthochschule blicken lassen.« Die Spieler taten ihm den Gefallen und brachten Drygalski mit ihrer Aufholjagd, die ein 4:4-Remis sicherte, zum Strahlen.

13. März 1982
Saison 1981/82, 25. Spieltag
Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln 0:2

Pierre Littbarski alleine stehen zu lassen ist keine gute Idee. Das bekamen die Gladbacher in der 82. Minute zu spüren, als der Kölner Wuseler am rechten Strafraumeck all sein Gefühl in den rechten Fuß packte und den Ball butterweich über Wolfgang Kleff hinweg in die lange Ecke lupfte. Kleff, der zuvor das 0:1 des überragenden Stephan Engels geschluckt hatte, war »Litti« nicht böse, nahm das Schlitzohr nach Schluss anerkennend in den Arm. Die Niederlage hing den Borussen trotzdem noch einige Tage nach: Als sie in der Woche nach dem 0:2 auf einem Nebenplatz trainierten, wurden Gladbacher Spieler von Bauarbeitern, die am benachbarten Grundstück arbeiteten, gnadenlos ausgepfiffen.

13. Juni.1987
Saison 1986/87, 33. Spieltag
1.FC Köln - Borussia Mönchengladbach 2:4

Arjen Robben sah sich vor Kurzem mit einem Egoismusvorwurf konfrontiert. In den achtziger Jahren war dagegen Egoismus noch eine gern gesehene Stürmertugend. Unverblühmt lebte sie Gladbachs Uwe Rahn aus.  Der Derbysieg interessiert ihn wenig. Viel wichtiger war ihm sein Doppelpack. Nach dem Spiel fragte er die verdutzten Journalisten erstmal: »Haben die anderen getroffen?« Die anderen, das waren Fritz Walter, Rudi Völler und Norbert Dickel und kämpften mit Rahn um die Torjägerkanone. Die gute Nachricht: Sie hatten nicht getroffen. Am Ende wurde Rahn tatsächlich Torschützenkönig.

30. September
Saison 1989/90, 11. Spieltag
Borussia Mönchengladbach - 1.FC Köln 0:2

Die Welt war im Wandel. Glasnost und Perestroika bestimmten das politische Geschehen und der Ostblock bröckelt schon an allen Ecken. Ein letztes Zucken schien der Kommunismus auf dem Bökelberg von sich zu geben. Im Gladbacher Fanblock flatterten rote Fahnen mit Hammer und Sichel. Ein bisschen Parteitag der KPdSU lag in der Luft. Doch es war nur die Freude der Fohlen-Fans auf den sowjetischen Stürmer Igor Belanow, der kurz vor einem Transfer nach Gladbach stand. Der ehemalige Weltfußballer ging jedoch genauso unter wie der Kommunismus. Lediglich vier Tore in 24 Spielen gelangen ihm für die Borussia.

14. September 1996
Saison 1996/97, 6. Spieltag
1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 4:0

0:3 im Rückstand? Aufgeben? Nicht im Derby. Nicht mit Borussen-Trainer Bernd Krauss. Ok, das Spiel lief schon die ganze Zeit miserabel. Seine Spieler bestimmten die Partie, rannten und schossen, doch sie trafen nicht. Köln konzentrierte sich dagegen aufs Wesentliche und schenkte den Borussen tiefenentspannt einen Treffer nach dem anderen ein. Doch Krauss war ein Kämpfer und leitete mit der Erschöpfung des Wechselkontingents die Schlussoffensive ein. Peter Wynhoff und Jörgen Pettersson kamen für Christian Hochstätter und Andrej Juskowiak ein. Dass an der Seitenlinie Patrick Andersson behandelt wurde und anzeigte, dass es nicht mehr weiterging, fiel niemanden auf der Borussen-Bank auf. Mit zehn Mann fiel die Schlussoffensive schließlich aus.

22. Oktober
Saison 2007/08, 10. Spieltag
Borussia Mönchengladbach - 1.FC Köln 2:2

Auch in der zweiten Bundesliga trafen sich die Teams zum Derby. Die Begegnung hatte den Charakter eines plötzlich aufziehenden Unwetters. 57 Minuten plätscherte das Derby im Chill-out-Modus torlos vor sich hin. Dann brach die Hölle los: 57. Minute 1:0 Neuville, 60. Minute 1:1 Mohammad, 61. Minute Gelb-Rot Mitreski (Köln), 62. Minute 1:2 Helmes, 65. Minute 2:2 Daems. Acht Minuten dauerte das Inferno, dann war alles wieder vorbei. Und ruhig.

10. April 2011
Saison 2010/11, 29. Spieltag
Borussia Mönchengladbach - 1.FC Köln 5:1

Wann verhilft man einem jungen Torwart zum Bundesligadebüt? Vor dieser Frage stand Gladbachs Trainer Lucien Favre. Ein emotionales Derby, mitten im tobenden Abstiegskampf erschien dem Schweizer genau richtig, Marc-André ter Stegen mit 18-Jahren von Anfang an zu bringen. Viel bekamm ter Stegen nicht zu tun, denn die Offensive zerlegte Köln in sämtliche Einzelteile. Marco Reus machte zwei Buden, Mike Hanke bereitete drei Treffer vor und sah sich schon auf einer Stufe mit Günter Netzer: » Ich bin jetzt hier der Zehner.«

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