Giggs' Jahrhundertsolo gegen Arsenal
13.12.2011

Giggs' Jahrhundertsolo gegen Arsenal

Hula-Hoop am Strafraum

ManU gegen Arsenal im CL-Halbfinale. Da werden Erinnerungen wach an ein Tor, das die Fans in Ekstase versetzte: den rasanten Sololauf von Ryan Giggs im FA-Cup-Halbfinale 1999. Und an das Bruthaar, das der Held hervor wallen ließ.

Text:
Andreas Beune
Bild:
imago

Es steht 1:1 in der Verlängerung zwischen den besten Teams der Premier League, zwischen Manchester United und Arsenal. Zehn Minuten sind noch zu spielen, die letzten zehn eines langen Matches. Ryan Giggs ist erst nach einer Stunde in die Partie gekommen und hat bislang nichts Aufsehen erregendes geleistet. Ganz so, als habe er sich seine Kräfte aufgespart für diesen besonderen Moment. Den Moment, in dem Arsenals Viera diesen schlampigen, ungenauen Pass direkt vor seine Füße spielt.



Bis zu dieser Minute haben die Zuschauer im Villa Park ein mitreißendes Spiel gesehen. EinSpiel, das schon vor dem Anpfiff historisch war, denn es ist das letzte Wiederholungsspiel in der Geschichte des englischen Pokalwettbewerbs. In Zukunft wird notfalls das Elfmeterschießen eine Entscheidung herbeiführen.

Im ersten Halbfinale wollte auch nach Verlängerung kein Treffer fallen. Jetzt, bei der Fortsetzung, sorgten die Akteure bereits für ein klassisches Drama. Es gab herrliche Tore von David Beckham und Dennis Bergkamp. Eine gelb-rote Karte für Roy Keane, der Overmars allzu unbeholfen umgrätschte, Manchester United nur noch mit zehn Mann auf dem Platz. Und schließlich ein Tor von Anelka, das beide Fanlager jubeln ließ, weil das eine zunächst nicht erkannte, was das andere erleichterte: die erhobene Fahne des Linienrichters, der Anelka im Abseits gesehen hatte. Einen Elfmeter in der Nachspielzeit für Arsenal, den Bergkamp platziert ins rechte Eck trat, aber den Peter Schmeichel mit einem pumaesken Hechtsprung abwehrte.

Bei den Skiübungen im Fernsehen gut hingeschaut

Und dann unterläuft Viera dieser nahezu unbedrängte Fehlpass. Giggs schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte. Er überquert die Mittellinie. Viera versucht, den Ball zurückzuerobern, wird von Giggs abgeschüttelt. Sechzig Meter rennt er mit dem Ball, nicht zu stoppen von halbherzig heran eilenden Verteidigern. Zu müde sind sie nach hundert Minuten Pokalkampf, zu überrascht, dass ausgerechnet Giggs sich zu solch einer Energieleistung aufrafft.

Und der hat offenbar bei den Skiübungs-Sendungen im britischen Bildungsfernsehen fleißig mitgemacht. Denn er fährt Slalom mit dem Ball. Seine Hüfte kreist beim Solo über den Platz, als transportiere er nicht nur einen Ball, sondern auch einen Hula-Hoop-Reifen. Keown und Dixon lassen sich von Giggs wackelndem Becken so verwirren, dass sie den Heranstürmenden an der Strafraumgrenze nahezu widerstandslos passieren lassen. Der Waliser schlüpft durch die torkelnde Abwehr hindurch wie eine Fliege durchs Spinnennetz. Auch Tony Adams, der schon vielen in seiner Karriere weh getan hat, sich selbst mit Drogen, seinen Gegenspielern mit Knochen brechenden Tacklings, kommt zu spät.




Seine finale Grätsche, todesmutig eingesprungen, kann nicht verhindern, dass Giggs aus halblinker Position den Ball vollspann trifft und gänzlich unhaltbar für  Keeper David Seaman oben ins Eck des Arsenal-Tores hämmert.

Was für ein Tor und was für ein Jubel. Der sonst so besonnen wirkende Waliser Giggs ist nicht mehr zu halten. Er reißt sich das United-Trikot vom Leib und schwingt es wie ein Lasso über den Kopf. Zum Vorschein kommt kein selbstbemaltes Unterhemd, sondern eine überaus üppige Brustbehaarung. Und da war er wieder. Der Traum der britischen Insulaner und der Albtraum Festlandeuropas: das scheinbar zwanghafte Zurschaustellen des menschlichen Körpers in all seinen nicht immer schön anzuschauenden Facetten. Bevor Giggs aufgrund der von seinem Trikotwirbeln verursachten Luftzirkulation abheben kann, wird er jedoch eingefangen. Von den Mitspielern. Und von etlichen Fans, die auf den Platz gerannt sind. Fans, die vor Ekstase auf und ab hüpfen. Wie Old Shatterhand beim glücks- trunkenen Tanz ums Lagerfeuer, weil er zuvor beim Pokern im Saloon einen Tanz mit der Feder-Boa-Lady gewonnen hat.

Giggs’ Tor ist der größte Moment der englischen Pokalgeschichte

In den Tagen danach ist Giggs ein vielgefragter Mann. »Das war das schönste Tor meiner Karriere«, bilanziert er den Lauf. »Die Fans liefen aufs Feld, umarmten und küssten mich. Sogar ein paar alte Schulkollegen von mir waren dabei.« Eine hübsche Vorstellung. Du erzielst das Tor deines Lebens und zu den ersten Gratulanten zählt der Typ, dem du im Sportunterricht Hilfestellung am Schwebebalken gegeben hast. Peinlich ist ihm indes seine allzu extatische Jubelpose nach dem Treffer: »Schrecklich, das im Fernsehen zu sehen. Das mache ich nie wieder.«

Kein Wunder, musste Giggs doch anschließend mannschaftsintern für so manchen Witz herhalten. So schreibt David Beckham in seiner Biographie, dass Giggs nach dem Treffer auf dem Feld umhergerannt sei wie ein komplett Verrückter: »Wir anderen Spieler haben ihn deswegen aufgezogen, am meisten wegen seiner Brustbehaarung.« Die örtliche Presse feierte den Treffer hingegen mit typisch britischer Bescheidenheit. Die Diskussionen drehten sich lediglich darum, ob es nun »das schönste Tor der Saison« gewesen sei oder »das schönste Tor des FA-Cups« oder doch bloß »das schönste Tor aller Zeiten«. Und nicht nur die »Times« hebt Giggs auf eine Stufe mit den Allergrößten, mit Maradona, Pelé oder van Basten.

Und seit dem Mai 2003 ist es sogar amtlich: Das 2:1 des Walisers ist der größte Moment der FA-Cup-Geschichte. Das zumindest ergab eine Umfrage eines offiziellen Sponsors des Pokalwettbewerbs. Fast 20 Prozent der etwa 10000 Teilnehmer votierten für das Tor von Giggs. Dahinter folgten Ricky Villa und Michael Owen. Das legendäre weiße Pferd von 1923 beim Spiel Bolton gegen West Ham landete auf Platz 10. Mit seinem Solo hatte Giggs das »Treble« von Manchester United erst möglich gemacht. In einer Vielzahl von unglaublichen Spielen gewann ManU in der Saison 1998/99 Meisterschaft, Pokal und Champions League. Die Anhänger von Liverpool, Juventus oder Bayern können ein Klagelied darüber anstimmen. 

Doch dass der Ruhm im Fußball nicht ewig hält, hat Ryan Giggs am eigenen Leib erfahren: beim Pokalspiel im Februar 2003 gegen Arsenal im Old Trafford. Giggs hat Seaman und Campbell ausgespielt, er steht mutterseelenallein vor dem Tor. Eine Chance, die sich selbst ein besoffener Old Shatterhand nicht entgehen lassen würde. Doch Giggs versagen die Nerven er hämmert den Ball weit über den Kasten. Manchester verliert am Ende mit 0:2. Arsenal-Fans lästern anschließend auf ihrer  Internetseite mit dem bezeichnenden Namen »boring-boring-arsenal«: Vom Tor des 20. Jahrhunderts zum Fehlschuss des 21. Jahrhunderts. Das muss ihm auch erst einmal jemand nachmachen.


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