Gianni Rivera über das WM-Halbfinale 1970

»Alles hat sich verändert«

Gianni Rivera über das WM-Halbfinale 1970imago

Gianni Rivera, das Halbfinale der WM 1970 zwischen Deutschland und Italien wird von vielen als das beste Spiel aller Zeiten bezeichnet. Sehen Sie das als einer der Hauptdarsteller genauso?

Dass dieses Spiel mal zur Legende werden würde, war uns auf dem Platz nicht bewusst. Eigentlich haben wir erst bei unserer Rückkehr nach Italien realisiert, welche Wirkung es auf die Zuschauer gehabt haben muss. In technischer Hinsicht war es meiner Meinung nach nicht mal besonders berauschend.

Die Bedingungen in Mexico City müssen unmenschlich gewesen sein.

Es war heiß, denn wir spielten schon um 15 Uhr, damit die Partien in Europa nicht allzu spät übertragen wurden. Doch das eigentliche Problem war die Höhe. Ich selbst war noch ganz gut beieinander, da ich erst nach 45 Minuten eingewechselt wurde. Doch insbesondere die Raucher in unserer Mannschaft hatten richtig zu kämpfen. Es war ein Konzert der rasselnden Lungen!

[ad]Wenn man sich heute Spiele aus der damaligen Zeit ansieht, so kommen sie einem elegant, aber verblüffend langsam vor.

Natürlich ist der heutige Fußball körperbetonter. Daran ist zunächst mal nichts auszusetzen, solange die Menschen weiter ins Stadion gehen. Ich persönlich bevorzuge allerdings den eleganten, beinahe körperlosen Fußball, der mehr fürs Auge bietet.

36 Jahre später standen sich Deutschland und Italien erneut in einem WM-Halbfinale gegenüber. Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede zwischen den Spielen 1970 und 2006?

Es gibt keine Gemeinsamkeiten. Alles hat sich verändert: das Spiel, das Denken, das Verhalten. So wie wir uns ja auch geändert haben.

Italiens Trainer Marcello Lippi zog aus den Fehlern seines argentinischen Kollegen José Pekerman im Viertelfinale gegen Deutschland die richtigen Schlüsse und wechselte offensiv statt defensiv aus. Hat Sie das überrascht?

Nein. Es ist nun mal die Aufgabe des Trainers, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Wenn er gewinnt, hat er recht gehabt. Wenn nicht: Pech gehabt.

Über das ganze Turnier gesehen, stand Italien jedoch für eine defensive Spielweise. Und wurde dafür von vielen respektiert, aber von den wenigsten geliebt.


Jeder spielt gemäß seiner über Jahrzehnte gewachsenen Spielkultur – und die ist in Italien nun einmal defensiv. Natürlich ist es schön anzusehen, wenn eine Mannschaft nach vorne spielt, aber es hat auch keinen Sinn, ins Verderben zu rennen. Nehmen wir nur das Spiel zwischen Brasilien und Italien bei der WM 1982. Hätten die Brasilianer sich nur ein wenig defensiver verhalten, wäre das Spiel wahrscheinlich unentschieden ausgegangen – es hätte ihnen zum Weiterkommen gereicht. Aber sie mussten ja unbedingt in ihrer ach so bewunderten Art nach vorne stürmen. Das hat Italien eiskalt ausgenutzt und mit 3:2 gewonnen. Und wer ist am Ende Weltmeister geworden?

Ihr Pragmatismus in Ehren – aber muss es Sie als einen der begabtesten Kreativspieler aller Zeiten nicht schmerzen, wenn ein Zerstörer wie Fabio Cannavaro zum Weltfußballer gewählt wird?

Das bedeutet im Endeffekt nur, dass es nicht genug gute Stürmer gibt. Ich hätte sogar Gigi Buffon ausgezeichnet.

Was dem Fußball vielleicht noch mehr fehlt als Weltklassestürmer, sind Spieler mit Charisma. Sie waren 1969 Europas Fußballer des Jahres. Ihr Vorgänger war George Best, Ihr Nachfolger Gerd Müller. Wo sind solche Typen geblieben?

Das liegt wohl daran, dass die Stars von heute von klein auf herangezüchtet wurden. Dabei wurde mehr auf einen robusten Körper als auf einen markanten Charakter geachtet.

Anekdoten wie diese sind heute kaum noch vorstellbar: Als Sie 1974 ahnten, dass Milan-Präsident Buttichi Sie abschieben wollte, kauften Sie kurzerhand die Mehrheit am Verein und waren vorübergehend sogar Präsident. Mussten Ihre Mitspieler Sie »Chef« nennen?

Ach, ich war ja nur für kurze Zeit der Mehrheitseigner des AC Mailand. Mein einziges Ziel war es, weiter für diesen Klub zu spielen. Als das geschafft war, habe ich mir die Sache, so schnell es ging, wieder vom Hals geschafft. Eine solch große Verantwortung ist nicht meine Sache.

Dennoch zog es Sie nach Ihrer Fußballerkarriere in die Politik.

Das war mehr oder weniger Zufall. Ich saß 1987 mit einigen Leuten aus dem Kreise der »Democracia Christiana« beim Abendessen, und sie fragten mich: »Willst du dich nicht etwas mehr für Politik interessieren?« Ich antwortete: »Warum nicht?« Kurz darauf stürzte die Regierung Craxi, die Wahlen wurden vorgezogen. Der Regionalsekretär rief mich an und teilte mir mit, dass ich auf der Liste stünde.

Ähneln Fußball und Politik einander?


In beiden Feldern kann man es mit wenig Talent weit bringen. (lacht)

Der Fußball wird oft als soziales Allheilmittel dargestellt, er soll integrieren, Aggressionen kanalisieren, Zeichen setzen. Überfordert ihn das?

In erster Linie müssen wir den Fußball vor uns selbst schützen. In uns steckt ein gewalttätiger Kern, der hervorbrechen will. Schon früher bei uns zuhause in Alessandria standen welche auf dem Platz, die das Fußballspiel nur als Vorwand für eine Schlägerei missbrauchten. Wir, die wir den Fußball lieben, müssen diese Aggressivität bändigen. Und als hätten wir damit nicht schon genug zu tun, wird er aus verschiedenen Richtungen bedroht, vor allem durch die immer weiter voranschreitende Kommerzialisierung.

Sehnen Sie sich manchmal auf den Bolzplatz nach Alessandria zurück – in eine Zeit, als das Spiel noch einfach war?

Ich denke gerne daran zurück, aber was will man machen? Dass der Fußball als wirtschaftliches Gut betrachtet wird, ist eine unaufhaltsame Entwicklung. Damit hat sich sein Wesen von Grund auf verändert. Früher haben wir Spieler die Verträge noch selbst mit dem Präsidenten ausgehandelt und per Handschlag besiegelt. Heutzutage hat sich eine Hundertschaft von Agenten dazwischen gedrängt… aber lassen Sie uns aufhören, davon zu reden. Sonst werde ich noch ganz sentimental.

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Gianni Rivera

Der heute 64-Jährige debütierte im Alter von 15 Jahren für seinen Heimatverein Alessandria in der Serie A. Ein Jahr danach wechselte Rivera zum AC Mailand, dem er bis zu seinem Laufbahnende 1979 treu blieb. Mit Milan gewann er dreimal den Scudetto, viermal den italienischen Pokal, zweimal den Europapokal der Landesmeister und zweimal den Europapokal der Pokalsieger. Rivera lief 60 mal für Italien auf und wurde mit der Squadra Azurra 1968 Europameister und 1970 Vizeweltmeister. Später ging er in die Politik und ist derzeit Mitglied des Europäischen Parlaments.

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