13.06.2014

Gewaltsamer Protest und Freibier: Auftakt in Brasilien

»Die prügeln auf alles ein«

Aus sportlicher Sicht ist den Brasilianern der WM-Auftakt gelungen. Vor dem Spiel in Sao Paulo kam es jedoch zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Ein Front-Bericht.

Text:
Kai Behrmann und Michael Althaus
Bild:
Kai Behrmann

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien hat noch nicht begonnen, da fällt der erste Schuss. Abgefeuert aus dem Gewehrlauf eines Polizisten. Das Gummigeschoss trifft einen Demonstranten an der Brust. Es folgt ein zweites. Der junge Mann bricht zusammen und wird in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht.

Es ist der gewalttätige Auftakt eines Zusammenstoßes zwischen Sicherheitskräften und knapp 300 WM-Gegnern, der das Wohnviertel in der Nähe der U-Bahnstation Carrão in São Paulo in den kommenden zwei Stunden in ein Schlachtfeld verwandelt.

Dann kommt der »blac bloc«

Aufgerufen zu dem Protestmarsch im Vorfeld des Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien hat die Gruppierung »Não vai ter Copa« (»Es wird keine WM geben«), die seit Monaten gegen das Turnier mobil gemacht hat. Ihr nahe steht auch der »black bloc« – gewaltbereite Jugendliche aus dem linken Spektrum und Anarchisten.

Die Zeit des friedlichen Protests sei vorbei, sagt ein Angehöriger des »black bloc«. Seinen Namen möchte er nicht nennen, sein Gesicht verhüllt ein schwarzes Tuch. Vor einem Jahr habe man am Rande des Confed-Cups nur laut geschrien. »Die Regierung hat uns aber nicht zugehört. Jetzt müssen wir handeln.« Was das bedeutet, wird kurz darauf deutlich.

Das Versprechen der Demo-Organisatoren, es solle sich um einen »absolut friedlichen Marsch« handeln, verhallt schnell im Lärm der Gewehrsalven. Der »black bloc« übernimmt und geht auf Konfrontationskurs mit der Polizei.

Provozierend bauen sich mit schwarzen Tüchern vermummte Aktivisten vor den in zwei Reihen aufmarschierten Sicherheitskräften auf; tanzen wild mit den Armen wedelnd auf und ab. Den Mittelfinger zu obszönen Gesten ausgestreckt. Dann fliegen die ersten Steine und Flaschen. Die Polizisten antworten mit Tränengas und Gummigeschossen.

Die Situation eskaliert

Beißender Rauch steigt auf. Wer keine Gasmaske trägt, hat verloren. An einer Straßenecke brennt ein Mülleimer. Plastikstühle einer Bar dienen als Wurfgeschosse.
Die Polizei geht zum Angriff über. Der Einsatzleiter gibt das Kommando »Choque« (»Attacke«). Martialisch hämmern die Beamten mit ihren schweren Schildern auf den Asphalt. Dann recken sich diese in die Höhe und stürmen kompromisslos nach vorne. Die Situation eskaliert endgültig.

Ein im Gesicht blutender Mann entkommt dem Tumult. Er öffnet seinen Rucksack, zückt zwei Bücher und ruft: »Das sind meine einzigen Waffen. Und die prügeln auf alles ein, was sich bewegt.«

Wenige Meter entfernt schüttelt Carlos Roberto da Silva den Kopf. Der Rentner steht im Brasilien-Trikot an seiner Haustür und beobachtet die Straßenschlacht. »Eine Schande. Das ist Vandalismus«, schimpft er.

An der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff lässt er zwar auch kein gutes Haar. Ein Land wie Brasilien mit so vielen sozialen Problemen hätte nie WM-Gastgeber werden dürfen, meint er. »Doch nun ist es nun einmal so und wir sollten die WM genießen.«

 
 
 
 
 
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