Gegen die Entlassung von Thomas Schaaf

Am Rad der Zeit

Glaubt man der Fußball-Öffentlichkeit, so bekommt Werder Bremen heute gegen Tottenham nicht nur den Hintern versohlt, sondern verliert auch noch seinen Trainer. Alles, nur das nicht, hofft Alex Raack. Und nennt vier Gründe. Gegen die Entlassung von Thomas Schaaf Schwere Zeiten gehen auch an Thomas Schaaf nicht unbemerkt vorbei. Beeindruckte der Bremer Trainer in den vergangenen Jahren durch eine eisern ins Gesicht gemeißelte Mimik, die so gefestigt wirkte, dass ihr selbst eine Abrissbirne keinen Schaden hätte zufügen können, so bekam das scheinbar in Stahl gegossene Gesicht des Werder-Coaches nach dem 0:4 gegen den FC Schalke merkliche Risse. Die Sorgenfalten – ausgelöst durch wiederholt schlechte Leistungen seiner Mannschaft, negative Kritiken aus dem eigenen Umfeld und verhältnismäßig geradezu vernichtenden Urteilen aus der Presse – haben sich durch Schaafs Konterfei gefressen wie Efeu in die Hausfassade. Jetzt, nach dieser erschreckenden Präsentation der Bremer Hilflosigkeit gegen den eigentlich ebenfalls kriselnden S04, ist an der Weser scheinbar nichts mehr sicher. Ganz offen stellt sich das grün-weiße Werder-Volk die Frage: Ist Schaaf noch der Richtige für den SVW? Das unausgesprochene Bremer Gesetz – »Du sollst dir nicht anmaßen, Thomas Schaafs Entlassung zu fordern« – es ist gebrochen. Dabei gibt es genügend Gründe, die gegen eine Abwahl des Ur-Bremers sprechen. Genauer gesagt: Vier Gründe.

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Die Vorgeschichte: 1995, am vorletzten Spieltag der auslaufenden Saison, verabschiedete das Weserstadion zwei Männer, die in der Bremer Heimstätte für wunderbare Momente gesorgt hatten: Spielmacher Andreas Herzog und Otto Rehhagel. Gefühlte 100 Jahre hatte »König Otto« in Bremen regiert, die nackte Statistik beschied immerhin 14 Jahre. Im Fußball ist das eine Ewigkeit. Rehhagel folgte dem Ruf der schwerreichen Bayern aus München. Mit Werder hatte er alles gewonnen, 1992 gar den Europapokal der Pokalsieger. 14 Jahre lang Synonym für Bremer Beständigkeit, für Bremer Garantie, für Bremer Qualität. Tschüss, Otto! Das Tribünen-Volk heulte sich die Augen wund. Und die Fans hätten sicherlich noch ein paar LKW-Ladungen Taschentücher benötigt, wenn sie im Sommer 1995 geahnt hätten, was die nächsten Jahre bringen würden.

1.

Aad de Mos

Die Verhandlungen waren zäh, aber nicht von Erfolg gekrönt. Arsene Wenger sagte Werders Verantwortlichen ab. Der spätere Meistertrainer vom FC Arsenal hatte 1995 bereits einen Vertrag in der japanischen J-League unterschrieben und den gedachte er auch zu erfüllen. Doch schon im Herbst wäre er frei gewesen, frei für Werder... doch Präsident Dr. Böhmert und Manager Lemke wollten nicht warten. Und entschieden sich stattdessen gegen den früheren Kölner Herbert Neumann, gegen den Stuttgarter Rolf Fringer – und für Aad de Mos. Einen Holländer, der bis dato höchstens auslandsinteressierten A-Lizenz-Inhabern ein Begriff war. Denn de Mos galt als Fußball-Intellektueller, als großer Theoretiker und seine klugen Worte hatten am Ende der Bremer Suche den Ausschlag für ihn gegeben. »Aad de Mos ist beste Wahl!«, prahlte Präsi Böhmert und pries den neuen Mann an wie ein kostbares Gewürz aus fernen Ländern. De Mos aber kam aus dem Nachbarland Holland und schien für die Bremer Art und Weise Fußball zu spielen nur wenig übrig zu haben.

»Ich freue mich auf die Zusammenarbeit, Herr Bratseth!«

Selbstbewusst kündigte er ein allumfassendes Nachwuchskonzept an, nur um dann doch schnöden Sicherheitsfußball anzubieten. Ungeschickt auch sein Verhalten mit seinen neuen Spielern. »Ich kenne sie sehr genau, sie alle!«, protzte de Mos bei seinem Antrittsgespräch und nahm sich sogleich Stürmer Frank Neubarth zur Brust: »Auch ich freue mich, mit Leuten wie ihnen zusammenzuarbeiten, Herr Bratseth!« Weitere Missgeschicke folgten in Serie: Während eines Aufenthalts im Mannschaftshotel zwang er ein Dienstmädchen die ganze Nacht vor seinem Zimmer Wache zu schieben, um notfalls schleunigst ein Glas Wasser für den Trainer zu besorgen – das Zimmertelefon war kaputt, de Mos weigerte sich jedoch beharrlich seine Unterkunft zu wechseln. Nach nur einem halben Jahr war die Beziehung Werder-de Mos komplett in die Brüche gegangen. Der Holländer hatte es sich in nahezu allen Mannschaftsteilen verscherzt, folgerichtig sprach sich das gesamte Team am 28. November 1995 in einer internen Sitzung gegen den Übungsleiter aus. Das endgültige Aus folgte allerdings erst im neuen Jahr. Am 9. Januar 1996 gab der SV Werder den Rauswurf bekannt. Schon im Dezember 1995 druckte die belgische Zeitung »Le Standard« ein Interview mit de Mos ab, das augenscheinlich nach ein paar Pils zu viel an der Hotelbar entstanden war. Inhalt: »Es wird nie etwas mit diesem Klub. Hundertprozentig sicher: Deutschland ist für mich vorbei. Ich habe nichts zu suchen in diesem erstarrten Land.« Sprach´s und wurde schließlich gefeuert.



2.

Hans-Jürgen Dörner

Ein drolliger Kerl, der da zur Rückrunde auf Werders Trainerbank Platz nahm. Hans-Jürgen Dörner, allseits bekannt als »Dixie«, einst grandioser Libero bei Dynamo Dresden, seit der Wende emsiger Ausbilder für den DFB. Und jetzt Trainer einer bröckelnden Mannschaft, die ihren Zenit bereits überschritten hatte. Mit Dörner kehrte immerhin die Konstanz zurück, aber – Himmel! – um welchen Preis?! Ex-Libero Dörner führte den Neo-Libero ein, ließ drögen Allzweckfußball spielen und hangelte sich so relativ unbeschadet durch die Saison. Werder wurde Neunter, eine Platzierung, so aufregend wie Industriestaub. In der neuen Saison: Das gleiche Bild. »Dörner Fußballphilosophie war nichts, was zu großen Visionen Anlass gab«, hat es Werder-Chronist Arnd Zeigler hübsch zusammengefasst, »man konnte damit leben, aber man hörte auf zu träumen.« Platz acht, immerhin.

Die Schande der Bundesliga

Die Spielzeit 1997/98 sollte Dörner dann nicht überstehen. Erst verpatzte die blasse Werder-Auswahl den Saisonauftakt total, dann musste die Mannschaft auch noch zu einem sinnfreien Freundschaftsturnier nach Teneriffa reisen. Übermüdet und hungrig verlor Werder erst mit 0:4 gegen CD Teneriffa, dann gar 0:8 gegen Atletico Madrid. »Werder – Schande der Bundesliga«, urteilten die Zeitungen vernichtend, Dörner musste gehen. Und die gleichen Zeitungen begannen lautstark nach »Feuerwehrmann« Jörg Berger zu schreien. Kann man sich Vergangenheit eigentlich aus dem Hirn löschen lassen?

3.

Wolfgang Sidka

Statt Berger übernahm Wolfgang Sidka das Ruder und tatsächlich fruchtete der neuerliche Trainerwechsel zunächst: Auf Platz 18 übernommen, führte Sidka seinen Ex-Klub auf Rang sieben. Nur um in der neuen Spielzeit wieder dem Keller entgegen zu rutschen. Aber lassen wir Sidka seine Version der Geschichte erzählen. Auszüge aus einem Interview mit 11FREUNDE vom Februar 2009: »Es begann damit, dass ich Ailton verpflichten wollte. Doch der Transfer klappte nicht. Präsident Böhmert hatte mir den Spieler versprochen, doch der kam nicht. Labaddia war weg und ich hatte ein Sturmproblem. Im Oktober 1998 kam Ailton dann doch – für drei Millionen D-Mark. Ursprünglich sollte er 2,5 Millionen kosten Dafür ging Hany Ramzy. Kaiserslautern war an ihm interessiert, mittlerweile war Rehhagel dort Trainer. Ich habe gesagt: Leute, das geht auf keinen Fall, Hany ist mein wichtigster Abwehrspieler! Ich bin danach in den Urlaub gefahren, und als ich wieder kam, war Ailton nicht da und Ramzy verkauft. Mir fehlte ein guter Stürmer und mein bester Abwehrspieler war weg. Außerdem hatte sich die halbe Mannschaft verletzt. Im Mittelfeld fehlten Andreas Herzog, Juri Maximov und Christian Brand. Damit fiel schon einmal das komplette kreative Mittelfeld aus. Wenn so eine markante und erfolgreiche Trainerfigur, wie Otto Rehhagel, aufhört, dann entsteht ein Vakuum. Viele Leute wollen dann die Macht haben, die zuvor nur er hatte. Als Trainer brauchst du Macht. Meine Zeit fiel in dieses Vakuum der Machtkämpfe, an dem sich schließlich auch mein Nachfolger Felix Magath die Zähne ausbiss.« 14 Monate nach seinem Dienstantritt musste Sidka am 22. Oktober 1998 den Verein verlassen.



4.
Felix Magath

»Tja Jungs, das habt ihr nun davon«, soll Willi Lemke bei der Präsentation des neuen Trainers Felix Magath seinen Fußballern gesagt haben. »Tja Manager, das wirst du noch bereuen«, wäre wohl die angemessene Antwort gewesen. Denn Magath ließ seine neuen Spieler nicht nur mitten in der Saison bis zur Kotzgrenze trainieren, er sortierte auch gleich die drei wohl talentiertesten Fußballer aus dem Kader. Rade Bogdanevic musste auf die Bank, Neuzugang Ailton auf die Tribüne, Juri Maximov wurde bis auf weiteres aus der Stammelf geworfen. Überzeugendes Argument des neuen Trainers: »Der soll erstmal Deutsch lernen!« Hoffnung sollte die Winterpause bringen und ein Magathscher Drill im Trainingslager Herzlake. Doch statt wach geküsster Konditionswunder entstiegen den Örtchen Herzlake (»Schmerzlake«) nur müde und verunsicherte Abstiegskandidaten. Von den ersten zwölf Spielen der Rückrunde verlor Werder acht, spielte dreimal Unentschieden und holte nur einen einzigen Sieg (gegen den SC Freiburg).

»Sie brauchen nicht zurücktreten. Ich gehe freiwillig.«

Magath war da schon längst unten durch, nicht nur aufgrund der prekären sportlichen Situation. Als André Wiedener seinen Trainer bat, ihn für die Beerdigung seines Großvaters freizustellen und die Anfrage bekräftigte, indem er auf die frisch erhaltene fünfte gelbe Karte hinwies (und die daraus resultierende Sperre für das nächste Punktspiel), verweigerte Magath den Wunsch seines Abwehrspielers – und schickte ihn stattdessen auf den Trainingsplatz. So macht man sich Freunde. Am 9. Mai 1999 wurde mit Felix Magath der vierte Trainer der Post-Rehhagel-Ära entlassen. Fast hätte dieser Rauswurf mit dem ganz großen Knall geendet. Im Falle einer erneuten vorläufigen Entlassung des Trainers, hatte das Werder-Präsidium angekündigt, die eigenen Jobs in Frage zu stellen. »Wir stellen unsere Ämter zur Verfügung«, bekam Magath bei der Unterredung zu hören. Der antwortete kühl: »Sie brauchen nicht zurücktreten. Ich gehe freiwillig.«

Und dann? Kam Thomas Schaaf. Seit vier Jahren Bremer Amateurtrainer, seit einer Ewigkeit im Verein, nahm der gebürtige Mannheimer das Angebot seiner hilflosen Bosse an. »Ich wurde an einem Sonntag vom Vorstand angerufen und gefragt, ob ich die Mannschaft für den Rest der Saison übernehmen würde. Ich habe gar nicht überlegt und gesagt: ›Klar, kein Thema!‹« Klar, kein Thema – Schaaf hatte eine denkbar schlechte Ausgangslage, Werder tümpelte auf Platz 15 dem Abstieg entgegen und empfing am 11. Mai 1999 auch noch den FC Schalke 04. »Kann der Neue noch was retten?«, fragte sich der Boulevard. Er konnte. Nach 46 Minuten wechselte Schaaf den jungen Christoph Dabrowski ein, neun Minuten später schoss der das entscheidende 1:0. Werder gewann, gewann auch gegen 1860 München und Borussia Mönchengladbach und holte am Ende dieser verrückten Saison gar noch den DFB-Pokal in einem denkwürdigen Finale (samt Elfmeterschießen) gegen Bayern München. Welch ein Auftakt für Thomas Schaaf. Die Geschichte von Werder Bremen begann noch einmal von vorne.

Ein neuerliches Schlachtfest?

Und heute? Ist das von Sorgen zermarterte Gesicht von Thomas Schaaf das Symbol für den Bremer Niedergang. Wieder spielt Schalke 04 eine entscheidende Rolle in Schaafs Berufsleben, vielleicht bedeutet das 0:4 vom Wochenende gar das Ende seiner Zeit als Cheftrainer von Werder Bremen. Gegen die Tottenham Hotspur erwarten nicht wenige Beobachter ein neuerliches Schlachtfest. Die Sorgenfalten dürften jedenfalls nicht kleiner werden. Jetzt liegt es an Werders Vereinsführung, ob sich die Bremer Fußball-Geschichte möglicherweise wiederholt.

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