Gascoigne und die Tränen von 1990

Don´t cry for me, Gazza

England und das Drama 1990: Ein Dokumentarfilm erinnert an das legendäre Halbfinale gegen Deutschland, das verlorenen Elfmeterschießen und vor allem an die Tränen, die den Fußball veränderten. Die Tränen von Paul Gascoigne. Gascoigne und die Tränen von 1990

Das Band ist ein wenig in die Jahre gekommen. Auf eine Kinoleinwand projiziert, tragen die körnigen Aufnahmen die Patina einer aus dem Unterbewussten hervorgekramten Erinnerung. Doch die Enttäuschung der Protagonisten auf dem Bildschirm ist greifbar. Auch 20 Jahre danach tut Englands Ausscheiden bei der WM 1990 immer noch weh. Die nostalgische Dokumentation »One Night In Turin« beschwört die bittersüßen Erinnerungen an das damalige Aus herauf – und stellt den Abend in Turin als einen der großen Wendepunkte des englischen Fußballs dar.

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Um die Bedeutung des Turniers für die englische Seele zu verstehen, muss man sich die damalige politische und soziale Stimmung im Königreich vor Augen führen. Die Nation litt unter den letzten Zuckungen des Thatcherismus, auf den Straßen kam es wegen der von der Regierung eingeführten Kopfsteuer zu schweren Unruhen. Nach trostlosen Vorstellungen im Vorfeld der WM war Manager Bobby Robson in die Kritik geraten. Die Zeitungen stellten unerhörte Behauptungen bezüglich seines Privatlebens auf, und die feige FA gab klein bei: Robson wurde mitgeteilt, dass er, unabhängig vom Abschneiden, nicht über die WM hinaus Nationaltrainer bleiben würde. Dementsprechend angespannt war die Stimmung im Team, als es in Italien eintraf.

Eine Art schützende Blase

Während seine Spieler die Presse mieden, stellte Bobby Robson sich ihr stets bereitwillig. Mit seinem Großmut und seiner unerschütterlichen Würde gelang es ihm, eine Art schützender Blase um die Mannschaft zu formen. Die Entscheidung, mit Libero zu spielen, erwies sich als cleverer Schachzug, der den kreativen Mittelfeldspielern mehr Freiräume verschaffte. Allen voran dem aus dem rauen Nordosten stammenden Paul Gascoigne. Bald hatte Gazza die Fans daheim in seinen Bann gezogen, plötzlich wendete sich das Blatt, und das ganze Land stellte sich hinter die zuvor geschmähte Elf. Unglaubliche 25 Millionen Fernsehzuschauer waren am 4. Juli dabei, um das Halbfinale gegen Deutschland zu sehen. Nur bei der Hochzeit von Prince Charles und Lady Di waren es mehr gewesen. Die englische Psyche machte eine Verwandlung durch, die Menschen brauchten etwas, das ihnen Hoffnung machte. Diejenigen, die es nicht im Sommer zuvor in Ecstasy und Acid House gefunden hatten, entdeckten es nun im Fußball.

Gegen Deutschland spielten die Engländer, als gäbe es kein Morgen. Gascoigne wirbelte im Mittelfeld, bis er sich nach einem überzogenen Einsatz gegen Thomas Berthold eine Gelbe Karte einhandelte, durch die er im Finale gesperrt gewesen wäre. Ein schlimmer Schlag für Gazza, dessen Tränen in der sonst so harten männlichen Fußballwelt bemerkenswert aufrichtig wirkten – und das Spiel, das ganz England in seinen Bann gezogen hatte, zu mehr als nur einem sportlichen Kräftemessen machten. Dieser Moment bedeutete auch den Höhe- und damit den Wendepunkt in Gascoignes Karriere. In einem der eindringlichsten Momente von »One Night In Turin« geben Untertitel Aufschluss über ein Gespräch zwischen Bobby Robson und Gascoigne nach Ende der Partie. »Dies ist deine erste WM«, tröstet Robson. Doch leider war es auch Gazzas letzte. Und England scheiterte schließlich im Elfmeterschießen.

Der Fußball veränderte sich nach der WM ´90

Das Match hatte vielfältige Auswirkungen. Langfristig veränderte es gar die Wahrnehmung dessen, was Fußball ausmacht und für wen er bestimmt ist. Das Halbfinale war nicht nur von den traditionellen Fans verfolgt worden, sondern es hatte dem Fußball auch ein neues, bürgerliches Publikum erschlossen. Und dieses Publikum wollte mehr, womit der Weg geebnet war für eine bis dahin ungekannte Vermarktung des Sports, vom Pay-TV bis zur Gründung der Premier League.

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