Garrincha, unvergessen

Die Freude des Volkes

Vor über 25 Jahren starb der brasilianische Fußballer Garrincha im Suff. Zweimal, 1958 und 1962, wurde der Mann mit den krummen Beinen Weltmeister und verkörperte wie kein Zweiter den futebol arte. Garrincha, unvergessen

Er hatte stets eine Schräglage. Aufgrund seiner zwei krummen Beine, das eine war zudem noch sechs Zentimeter kürzer als das andere, schien es ständig so, als würde er gleich sein Gleichgewicht verlieren. Doch Manoel Francisco dos Santos fiel nie, oder erst dann, wenn er mehrfach in die Beine getreten worden war.

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Er hat in seinem Leben viele Namen bekommen, Garrincha, kleiner Vogel, wurde er wegen der Leichtigkeit seines Spiels genannt. Weil er von Geburt an ein O- und ein X-Bein hatte, nannten sie ihn »Engel der krummen Beine«. Und als er berühmt war, wurde er zu Alegria de Povo, der Freude des Volkes. Der Schriftsteller Nelson Rodrigues schließlich hat ihn in seinen Chroniken den Charlie Chaplin des Fußballs getauft.

Und genau so slapstickartig sieht es auch aus, wenn man sich den tanzenden Derwisch mit Ball in den wenigen alten Filmaufnahmen anschaut, die es von Garrincha gibt. Es ist die reine Freude, den anderen auszutricksen, lächerlich zu machen, um sich danach vor Lachen auf den Boden zu werfen. Meistens ist es der gleiche Trick, er täuscht an, einmal, zweimal, wippt mit dem Oberkörper, springt vor und zurück, wartet ab, und plötzlich zieht er am Gegner vorbei. Manchmal hält er dann inne, damit ihn der Verteidiger wieder einholt, um einmal mit dem Ball um ihn zu kreisen und erneut an ihm vorbei zu flitzen.

Garrincha war ein Malandro, ein Schlitzohr, ein Schlingel – eine Figur, die im brasilianischen Fußball bis heute kaum wegzudenken ist. Unangenehme Großmäuler wie Edmundo und Romário sind – bis heute aktive – Malandros. Aber auch sympathische Typen wie Josimar gehören zu ihnen, jener Rechtsverteidiger, der bei der WM 1986 aus dem Nichts auftauchte, zwei unglaubliche Tore fast von der Eckfahne schoss, und dann wieder aus dem Rampenlicht verschwand und im Drogensumpf endete. In der aktuellen Seleção zählt indes allenfalls noch der kleine Dribbler Robinho zu diesem Spielertyp.

Der bekannteste von allen ist aber Garrincha, 1958 und 1962 mit Brasilien zweifacher Weltmeister, Rechtsaußen von Botafogo in Rio, ein Malandro und Mulherengo, Frauenheld, aus dem kleinen Städtchen Pau Grande. In Brasilien sagt man, Pelé werde zwar geschätzt, verehrt und vergöttert werde aber allein »Mané« Garrincha. »Und ich bin mir sicher, dass Garrincha heute noch zehnmal besser spielen würde«, sagt sein Biograf Ruy Castro.« Als Garrincha aktiv war, gab es noch keine Gelben Karten und er wurde ständig getreten und gefoult, ohne dass es geahndet wurde.«

Aber das ist nur eine Spekulation, eine müßige zudem. Wer weiß schon, wie Garrincha zurechtgekommen wäre, im verdichteten Mittelfeld des modernen Fußballs und im Blitzlicht der elektronischen Medien. Er war ein Kind seiner Zeit. Als Garrinchas Stern 1958 während der Weltmeisterschaft in Schweden aufging, waren es zuerst die Zuschauer in den Stadien, die begriffen, dass hier ein außergewöhnlicher Fußballer sein Debüt feierte. So etwas hatte man noch nicht gesehen, all die Tricks, die Finten, diese ursprüngliche, fast naiv anmutende Freude am Spiel. Er erfand Tricks, entwickelte andere weiter, machte intuitiv Dinge, die andere Spieler über Jahre einstudieren müssten.

Die Seleção einte das Volk

Der Titelgewinn 1958, der das Trauma der im eigenen Land verlorenen WM 1950 milderte, machte Garrincha fast über Nacht zur nationalen Identifikationsfigur. Er versammelte die Bevölkerung eines Landes hinter sich, das von einer politischen Krise in die nächste taumelte, die sich aus eigener Kraft aus der Kolonialherrschaft befreit hatte und dennoch von Minderwertigkeitskomplexen geplagt wurde. Die Seleção einte das Volk. Schriftsteller Rodrigues, selbst ein Anhänger der Militärdiktatur, schrieb: »Das ist das Wunder, das der Fußball vollbringt. Jeder Sieg entschädigt das Volk für alte, niemals vernarbte Enttäuschungen« Und Garrincha war in diesen Jahren ein Garant für große Triumphe. An der Seite Pelés führte er die brasilianische Elf zur Titelverteidigung, er war auf der Höhe seines Schaffens.

Seine Ausnahmestellung wurde jedoch nicht allein durch Tricks und Tore begründet. Für Rodrigues etwa war Garrincha der Prototyp des Brasilianers: »Er hatte dieses entwaffnende Gemüt eines Kindes, der mit einer Schrotflinte Zaunkönige abschießt und in seiner grenzenlosen Herzlichkeit im Dorf sogar die Hunde grüßt. Wir alle sind Opfer unseres Verstandes. Garrincha dagegen hat nie nachdenken müssen. Garrincha denkt nicht. Bei ihm läuft alles über den Instinkt.«

Garrincha wurde verehrt, obwohl seine Schwierigkeiten mit dem Leben jenseits des Fußballplatzes offensichtlich waren. Früh schon begann er zu trinken, wohl auch, um die Schmerzen in seinen verkrüppelten Beinen zu ertragen. Er war in mehrere Autounfälle verwickelt, kam mit dem Geld nicht aus. Wenig erstaunlich also, dass Porträts Garrincha stets als genialen Fußballer, aber bescheidenen Geist gemalt haben. Erst die jüngst auch auf Deutsch erschienene Biografie hat geholfen, das Bild des im Privatleben eher dümmlichen Garrincha zu revidieren. Biograf Castro zeichnet Garrincha als einen dem Alkohol verfallenen, aber gleichwohl empfindsamen Menschen, der sich nur auf dem Land in der Natur wirklich wohlfühlte. Er beschreibt, mit welchen gesellschaftlichen Vorurteilen Garrincha zu kämpfen hatte, als er sich 1966 von seiner Frau und sechs Kindern trennte, um mit der skandalumwitterten Sängerin Elza Soares zusammenzuleben, einer schönen Mulattin aus bitterarmen Verhältnissen. Das entsprach im tief katholischen Land nicht dem guten Ton. Das bürgerliche Brasilien rümpfte kollektiv die Nase.

Das Volk auf den Straßen hingegen ließ nicht von seinem Idol. Und stürzte prompt in eine tiefe Depression, als Garrincha 1966 Abschied von der Nationalmannschaft nahm. »Wir hatten das Lachen verlernt. In dieser Zeit lebten wir verwaist und verlassen. Ohne seinen dynamischen, akrobatischen, dionysischen Fußball waren wir 80 Millionen Waisen«, beschrieb es Rodrigues. Aber Garrincha schaffte noch einmal ein Comeback, spielte bis 1972 bei Atlético Junior, Flamengo und Olaria. Und als er »in einer Kurve des Maracanã-Stadions ein einsames Olé anstimmte, einsam und vollkommen wie ein Schwanengesang, da klatschte sogar die Inflation Beifall. Und wir Brasilianer fühlten uns fast allmächtig«.

1973 beendete er mit einem Abschiedsspiel im Maracanã seine Karriere. Und geriet bald in Vergessenheit. Die schmale Rente reichte hinten und vorne nicht. Als er am 20. Januar 1983 als erst 49-Jähriger an einer Alkoholvergiftung, ohne einen Pfennig in der Tasche, starb, hinterließ Garrincha mindestens 14 Kinder und ein Publikum, das sich nun wieder an ihn erinnerte. Den Weg zum Grab säumten tausende Anhänger.

Es war gewiss kein Zufall, dass Garrinchas Tod zeitlich mit dem Ende jenes
futebol arte zusammenfällt, des klassischen brasilianischen Kunstfußballs, der den Fußball in spielerischer Vollkommenheit inszenierte. Ein Jahr zuvor, bei der WM 1982 in Spanien, war die traumhaft aufspielende Nationalmannschaft Brasiliens um Zico, Sócrates und Falcão an den cleveren Italienern bereits im Achtelfinale gescheitert – »in Schönheit gestorben«, sagt man dazu in Brasilien. Neue Zeiten kündigten sich an.

»Hier ruht in Frieden einer, der das Volk glücklich gemacht hat« steht auf dem Grabstein, von Manoel Francisco dos Santos, genannt Garrincha, gestorben vor 25 Jahren in Rio de Janeiro.

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