Ganz Brasilien erwartet von Neymar den Titel

Akrobat oder Anführer?

Neymar ist ein begabter Dribbler mit Talent zum Entertainment. Aber reicht das aus, um die hohen Erwartungen zu erfüllen? Die Brasilianer vergleichen ihren Star bereits mit Pelé. Ist er schon so weit?

imago

Einmal, mitten in der zweiten Halbzeit, kam Neymar von dort, wo er schon immer am besten war. Vom linken Flügel. Neymar führte den Ball am Fuß und schlug einen Haken und dann noch einen, er driftete dabei immer weiter in die Mitte und kam keinen Meter nach vorn, er hob den Kopf und suchte nach anspielbereiten Kollegen, aber es fand sich keiner. Nach einer kleinen Ewigkeit chippte er den Ball in den freien Raum Richtung linke Eckfahne, aber da war niemand. Nur die Eckfahne.

In einer Mischung aus Ärger und Ratlosigkeit boxte Neymar mit der rechten Faust ins Nirgendwo. Einen Augenblick war es still, aber dann machten die Torcedores im Estádio do Morumbi von Sao Paulo, was sie in Brasilien eher selten tun. Sie pfiffen. Gegen ihre eigene Mannschaft und gegen den Mann, der sie doch in den kommenden Wochen zum Gewinn der Weltmeisterschaft führen soll.

Dieses letzte Testspiel gegen Serbien war ein schwerer Gang für Neymar da Silva Santos Júnior. Die Brasilianer hatten sich diesen Gegner ausgesucht, weil er in seiner Spielanlage und Philosophie eine einigermaßen exakte Kopie der Kroaten ist, und gegen die geht es am heutigen Donnerstag im WM-Eröffnungsspiel, ebenfalls in Sao Paulo, dann aber im Estádio Itaquerâo. Es war eine Generalprobe auf bescheidenem Niveau. Brasilien gewann 1:0, aber das Spiel glich über weite Strecken dem hilflosen Dribbling, als Neymar von seiner starken linken Seite kam. Ein paar Minuten später wechselte Trainer Luiz Felipe Scolari seinen großen Star aus, und die Sympathiebekundungen des Publikums hielten sich in Grenzen.

Der Vergleich mit Pelé ist ein bisschen ungerecht – für Pelé

Nach dem Spiel gab Neymar zu, »dass das noch nicht reicht, wir müssen mehr bieten«. Aber das sagt sich so leicht in dieser seltsamen Atmosphäre dieses seltsamen Landes, in der eine gar nicht so geringe Minderheit die Weltmeisterschaft mit Streiks und Demonstrationen zum Erliegen bringen will und gleichzeitig eine gar nicht so große Mehrheit mit ähnlicher Vehemenz den WM-Titel einfordert. Neymar soll ihn liefern.

In Brasilien feiern sie das schmächtige und 22 Jahre junge Bürschchen mit der schrägen Frisur schon als neuen Pelé. Das ist ein bisschen ungerecht – gegenüber Pelé, dem in seiner Zeit besten und komplettesten Spieler der Welt. Aber auch gegenüber Neymar, der auf einer ganz anderen Position spielt als der zentrale Imperator Pelé und keineswegs der beste und kompletteste Spieler dieser Zeit ist. Er ist es ja nicht mal beim FC Barcelona, wo er sich hinter Lionel Messi und An dres Iniesta und Xavi Hernandez anstellen muss.
Das vergangene Jahr war ein schwieriges Jahr. Neymar hat aus Barcelona keinen Titel mitgebracht, dafür aber ein paar Tattoos und die Erkenntnis, wie weit die brasilianische Liga entfernt ist von Europa, und das nicht nur geographisch.

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