Fußballkauderwelsch – eine Entdeckungsreise

Die sogenanntesten Fans aller Zeiten

Pomadig bis befreit aufmoderierende Floskelmaschinen treiben nur allzu gern Schindluder mit dem deutschen Wortschatz. Das Resultat ist eine Fußballgeheimsprache, die Außenstehende vor eine unüberwindbare Sprachbarriere stellt. Ein Erklärungsversuch.

Als ich neulich mit einem nicht gerade fußballaffinen, aber guten Freund vor dem Fernseher saß, ließen wir uns von der Nachberichterstattung eines Bundesligaspiels berieseln. Ein paar Minuten später hielt mein Kumpel es nicht mehr aus. Er schnauzte mich an: »Schalt um! Ich verstehe nichts! Kreativkräfte mit optischen Vorteilen? Liegen gelassene Hochkaräter? Fehlende spielerische Linie? Das Einzige, was da fehlt, ist der Sinn!« Was für mich alltäglicher Fußballjargon war, schien für ihn ein Buch mit sieben Siegeln zu sein.

Bei genauerem Nachdenken hatte mein Freund Recht: Außenstehende befinden sich angesichts der Geheimsprache des Fußballs vor einer unüberwindbaren Sprachbarriere. Für die Ohren eines Fußball-Greenhorns klingt ein einfaches Gespräch am Spielfeldrand oder der Kommentar einer Schlusskonferenz wie chiffriertes Kauderwelsch: Was sind »sogenannte Fans«? Wer presst auf die zweiten Bälle? Wessen Pille knallt in den Willi? Die Antworten kennen nur Geheimnisträger von Kreis- bis Bundesliga. Ich entschloss mich, meinen Freund einzuweihen und nahm ihn mit auf eine Entdeckungsreise in den linguistischen Sumpf des kryptischen Fußballpidgin.

Die superlativste Formulierung aller Zeiten

Zu meiner Erklärung holte ich weit aus: Bewahrer und Schöpfer des Fußballkauderwelsch sind eine Handvoll Moderatoren und Kommentatoren. Brennt ein gewöhnlicher Fußballfan im Stadion zum Beispiel eine Fackel ab, mutiert er in Sekundenbruchteilen zu einem »sogenannten Fan«. Mit Hilfe des hinterhältigen und gleichermaßen raffinierten Ausdrucks »sogenannt« verwandeln Kommentatoren normale Ultras mit einem Zungenschlag zu Nestbeschmutzern der gesamten Fußballwelt: Aus Fußballanhängern werden Hooligans mit Atompyro.

Allerdings ist das sogenannte sogenannt nur eines von vielen rhetorischen Fallbeilen, die sich in das babylonische Sprachgewirr des Fußballs eingeschlichen haben. Ich erklärte weiter, dass jeder Fußballkommentator ausdrücklich dazu angehalten ist, im Bestand der superlativsten Formulierungen aller Zeiten zu wildern: Woche für Woche fallen mehrere Jahrhunderttore, müde Sonntagskicks entpuppen sich als Jahrtausendspiele und erfolglose WM-Turniere mutieren zu himmelhochjauchzenden Sommermärchen. Inzwischen vergeht kaum ein Sommer ohne Märchen, selbst in Herbst und Frühling darf man die Mär als Synonym für eine paar erfolgreiche Spiele feiern. Dabei war Heinrich Heines »Deutschland – ein Wintermärchen« keine Lobhudelei, sondern Kritik an der Restaurationszeit im sogenannten Deutschland.

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