Fußballfans in den Siebzigern

Fetzer und Kacker drehen auf

In den Siebzigern entdeckten deutsche Journalisten im eigenen Land einen rätselhaften Stamm, der ziemlich seltsame und mitunter ganz schön blutige Rituale pflegte – Fußballfans

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Lieber Sohn von Peter und Heike aus Dortmund-Mengede, du solltest etwas wissen. Deine Eltern haben sich 1980 im zarten Alter von 16 Jahren kennen gelernt, das weißt du vielleicht. Doch wenn sie dir erzählt haben, dass Papi deine Mama mit einem Strauß Rosen vor einem Tanzlokal endgültig schwach werden ließ, dann glaub ihnen kein Wort. Nein, gefunkt hat es im Liebesnest Dortmunder Westfalenstadion, ausgerechnet »gegen Darmstadt«, wie uns die Quellen versichern. Und laut Heike spielte sich alles so ab: »Zuerst standta nur da un hat mich angekuckt. Dann hatta meinen Schal genommen, dann hatta seine Hände in meine Tasche gesteckt. Dann war Halbzeit.«

»Krieg in Block 5«

Wenig später kam es zu einem verzweifelten Versuch zwischenmenschlicher Annäherung, wie ihn sich Woody Allen nicht hätte ausmalen können. Peter fragte: »Willse ne Kippe?« Heike nickte. Peter fragte: »Willsen Schluck Cola?« Heike nickte. Und dann entfuhr Peter ein Satz, der alles klar machte und den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: »Kannse denn nix anderes sagen als nur nicken?«

Die heutige Forschung verdankt ihr Wissen über das Schicksal von Heike und Peter den Journalisten der siebziger Jahre, die als embedded journalists von der Stadionfront berichteten. In einer beachtenswerten Dichte erschienen seinerzeit als Zeitungsartikel getarnte Feldforschungen, für die sich die Schreiberlinge unter das wilde Fanvolk gemischt hatten. Sie trugen wahlweise Titel wie »Krieg in Block 5«, »Krieg in der Nordkurve« oder aber auch »Krieg im Stadion«. Stern-Reporter Ulrich Pramann beispielsweise begleitete die Rowdys im Stadion und auf Auswärtsfahrten. Eine kurze Auflistung der von ihm Porträtierten zeigt die Richtung, in die es dabei ging: Jerro, Kacker, Knubbel, Rupfer, Elend, Eppie, Ithek, Baller, Fetzer, Knackie, Kojak und Fuzzy. Menschen, die sich so vorstellen, singen selten im Kirchenchor oder beherrschen alle Grundrechenarten.

Es explodiert tatsächlich ein Knallfrosch

Die Reporter untersuchten aber nicht nur das Balzverhalten der unbekannten Spezies, sondern beobachteten sie auch in freier Wildbahn. In bestem Heinz-Sielmann-Duktus umschrieben sie die Fans, bis die Ethnologen-Gäule vollends mit ihnen durchgingen: »Mir ist zumute wie Opa in der Diskothek. Meine Nachbarn sind zwischen 10 und 20 Jahre alt, von Zeit zu Zeit macht eine ,Pulle‘ die Runde«, notierte beispielsweise Rolf Kunkel für die »Zeit«. Zehnjährige also.

Kunkel fragte besorgt: »Was ist das, was sich hier auf einigen Quadratmetern Stehplatz zusammengefunden hat? Großstadtproletariat? Mag sein, aber vor Überraschungen ist niemand sicher. Der Junge von nebenan, sogar der eigene, kann auch dabeisein.« Und dann explodierte entgegen der Warnung des Ansagers tatsächlich mitten im Block ein Knallfrosch. Kunkel: »Es ist high noon auf den Rängen.«

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