09.06.2012

Fußballer und Fischersohn: Fábio Coentrão

Der junge Mann und das Meer

Wäre Fábio Coentrão nicht portugiesischer Nationalspieler und heute gegen Deutschland im Einsatz, würde er sein Geld als Fischer verdienen. Der Junge von der Atlantikküste sieht sich in der Tradition seiner Vorfahren: als harten Arbeiter auf dem Platz.

Text:
Vitor Hugo Alvarenga
Bild:
Imago

Ein kleines Dorf im Nordwesten Portugals

Wäre aus Fábio Coentrão nicht ein Profifußballer geworden, hätte er gut und gerne einer jener Fischer gewesen sein können, die im November 2011 bei einem Bootsunglück vor Figueira de Foz zweieinhalb Tage um ihr Leben kämpften. Stattdessen war einer seiner Verwandten an Bord, José Manuel Coentrão. Am 30. November geriet die Besatzung der Virgem do Sameiro in Seenot und verschwand spurlos. Die Einwohner von Caxinas, einem kleinen Fischerdorf im Nordwesten Portugals, befürchteten bereits das Schlimmste. Zwei Tage lang wurde vergeblich nach den sechs Vermissten gesucht, und allmählich schwand die Hoffnung der Angehörigen an Land.

Dann aber geschah das Wunder. 57 Stunden, nachdem sie das letzte Lebenszeichen von sich gegeben hatte, wurde die Crew von der portugiesischen Luftwaffe gefunden. Lebend, alle sechs. José Manuel Coentrão, der Bootseigner, hatte es geschafft, seine Leute auf das Rettungsboot zu verfrachten, wo sie eine gefühlte Ewigkeit um ihr Leben bangten. »Ich war kurz davor, die Hoffnung aufzugeben«, erinnert sich Coentrão. »Am zweiten Tag verlor einer von uns die Nerven und wollte das Rettungsboot verlassen. Ich musste ihn zweimal schlagen, um ihn zu beruhigen. Danach waren wir gezwungen, ihn zu fesseln.« Auf die Frage, wie er nun den Rest seines Lebens begehen wolle, antwortete José Manuel Coentrão: »Ich werde natürlich weiter zur See fahren. Die See ist mein Leben.«

Bäcker, Anstreicher, Bauarbeiter

Fábio Coentrão hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass auch aus ihm wahrscheinlich ein Fischer geworden wäre, wenn er es nicht als Fußballprofi geschafft hätte. Er wuchs in eben jenem Caxinas auf, gelegen an der Atlantikküste zwischen Vila do Conde und Póvoa de Varzim. »Mein Vater war ebenfalls Fischer«, sagt Coentrão. »Ich hatte eine harte Kindheit, und Vater musste das Land verlassen, um im Ausland mehr Geld zu verdienen und unsere finanzielle Situation zu verbessern.« Beide Eltern und zwei ältere Brüder arbeiteten für längere Zeit in Frankreich, während der junge Fábio in Caxinas bei einer Tante blieb: »Bevor sie nach Frankreich gingen, arbeitete meine Mutter in einer Fischfabrik. Ich kann mich erinnern, dass ich sie dort öfter besucht habe. Als ich größer wurde, habe ich selbst dann in einer Bäckerei gearbeitet und mich auch als Anstreicher und Bauarbeiter versucht, bis ich endlich in der Lage war, mich auf den Fußball zu konzentrieren.«

Ein Kind unter Millionären

Coentrãos fußballerisches Talent fiel zuerst beim Provinzklub Rio Ave auf, wo er von 2005 bis 2007 spielte. Nach gerade mal einer Handvoll Partien für die erste Mannschaft lud ihn José Mourinho zum Probetraining zum FC Chelsea ein. Auch die Lissaboner Großklubs Sporting und Benfica hatten da schon ihre Fühler nach dem schnellen Flügelspieler ausgestreckt, der aber schließlich nach London reiste. Dort kam der scheue Teenager allerdings nicht zurecht. »Als Fábio nach London kam, war er fast noch ein Kind«, erinnert sich Baltemar Brito aus Mourinhos damaligem Trainerstab.

»Für einen so jungen Burschen ist es nicht leicht, seinen Heimatort zu verlassen und sich in einem Moloch wie London zurechtzufinden, um inmitten all der berühmten Stars sein Talent unter Beweis zu stellen.« Die Sache ging also schief. »Er absolvierte nur vier oder fünf Trainingseinheiten mit der ersten Mannschaft«, sagt Brito, »aber er war einfach zu schüchtern und gehemmt. Erst in der letzten Einheit konnte er andeuten, was er draufhat. Die anderen Spieler nannten ihn wegen seiner Frisur und einiger anderer Ähnlichkeiten ›Marcello Lippi‹, doch er verstand kein Englisch und wusste nicht, worum es ging. Als er endlich kapierte, was sie meinten, legte er seine Hemmungen ein wenig ab und zeigte doch noch kurz, was er kann.«

Scheitern, Neustart, Durchbruch

 
 
 
 
 
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