Fußballer und Alkohol

„Dann wird er aggressiv“

Nicht zum ersten Mal schlief Ernst Middendorp seinen Rausch auf dem Grünstreifen aus. Schon vor sieben Jahren wurde er einmal angetrunken in seinem Wagen vorgefunden. In Heft Nr. 3 berichteten wir darüber und deckten auf: Middendorp ist nicht allein. Fußballer und AlkoholImago Es war im November und kalt obendrein. Achim Stocker, Präsident des SC Freiburg, war spätabends motorisiert auf dem Heimweg und eine Idee zu fix auf spiegelglattem Parkett unterwegs. Mit Gasfuß und ohne die nötige Bodenhaftung semmelte Stocker mit seiner Karre quer über die Straße, drehte sich wie Frentzen in Monza und landete schließlich auf den parallel zur Straße laufenden Eisenbahngleisen. In amerikanischen Filmen naht in diesen Momenten in der Regel eine schnaufende Dampflok und zu allem Überfluss ist ein Fuß in der Weiche eingeklemmt. Doch Freiburg ist nicht Hollywood, sondern nur Breisgau, und so waren keine Gliedmaßen spannungsfördernd verkeilt und der herannahende Zug nur ein Regionalexpress. Aber immerhin die Eisenbahn. Stockers Achim, um das Überleben seines Mittelklassewagens fürchtend, rannte nach mehreren gescheiterten Kickstarts dem Zug winkend entgegen. Doch die Bahn kommt, und zwar so gewaltig und unaufhaltsam, dass angesichts der demolierten Stocker-Limousine selbst die ADAC-Straßenwacht heulte wie der Finanzminister, wenn im Bundestag plötzlich über die deutsche Einheit geredet wird. Und es kam noch dicker für den Präsidenten, denn die vom Zugchef herbeigerufene Trachtengruppe ließ den stockigen Achim vorsichtshalber hauchen und pusten. Anschließend ließ sich wohl ein Anfangsverdacht auch durch Diskutieren und Tribünenkarten nicht aus der Welt schaffen, die Blutprobe ergab 0,98 Promille.

[ad]

Was für den Verlust des Führerscheins und ein lästiges Strafverfahren locker ausreichte, für eine zünftige Prahlerei unter Vereinspräsidenten hätte Stocker hingegen noch einiges an hochprozentigen Argumenten nachlegen müssen. Denn Anekdoten rund um Alkohol und Profifußball fangen grundsätzlich erst bei gerundeten zwei Promille an. Und auch die Geschichte mit den Schienen eignete sich nicht wirklich zum Dicke-Backe-Machen. Denn zur Pflicht die Kür geliefert hatte bereits zuvor der ehemalige Meistertrainer von Arminia Bielefeld, Ernst Middendorp. Der notorisch schlecht gelaunte Feldwebel war zu nachtschlafender Zeit angeheitert und dennoch mit dem Auto im ostwestfälischen Oberzentrum unterwegs. Eine ungünstige Kombination aus Fahruntüchtigkeit und Fahrerlaubnis, denn Middendorp übersah die Abbiegespur und parkte sein Gefährt auf die mittig verlaufenden und durch allerlei Böschung dekorierte Straßenbahnschienen. Und von dort gab es kein Entrinnen, nicht nach vorne nicht nach hinten. Soweit nun alles wie bei Stocker, doch Middendorp hatte noch eine Volte im Gepäck. Denn zweifellos würde auch der Polizei die Blockfahne im Atem auffallen und der Führerschein wäre erstmal fort.

Eine fabelhafte Idee, nur keine Draisine in Griffweite


Dumme Geschichte. Also, was tun? Mit einer Draisine über Nebenstrecken nach Bielefeld-Hillegossen flüchten? Eine fabelhafte Idee, nur keine Draisine in Griffweite. Deshalb verlegte sich Middendorp auf die schlichte Variante, klemmte sich auf den Beifahrersitz und mimte, komatösen Tiefschlaf vortäuschend, den unbescholtenen Bürger. Die alsbald eintreffende Polizei weckte den blinzelnden Laiendarsteller und befragte ihn nach Tathergang und eventuellen Mitfahrern. Und Middendorp, nicht doof, verkündete, der Fahrer des Wagens habe sich vom Acker gemacht. Er sei zwar betrunken, aber habe vom Lenkrad die Finger gelassen. Die Polizeibeamten, auch nicht doof, haben ihm das nicht geglaubt, und der Führerschein wanderte in den Amtstresor.

Nun ist das Anschwärzen geflüchteter Phantome nicht wirklich verwerflich, bedenklicher wird es, wenn Familienmitglieder für die eigenen Sünden büßen müssen. Der Bruder von Thorsten Legat kann ein Lied davon singen. Schon bevor er in Stuttgart das Deutschländer-Würstchen gab, war der debile Modellathlet für so manche alkoholbedingte Schnurre zu haben. Etwa zum Jahreswechsel 1997, als er im feuchtfröhlichen Familienkreis nicht den enthaltsamen Rittersmann spielen wollte und sich fleißig an der Leerung des Kühlschranks beteiligte. Zum weiteren Verständnis der Geschichte sollte hier eingefügt werden, dass die Famile Legat ohnehin in ihrer Gesamtheit sehr überschaubar strukturiert ist. Oder andersrum: Den Legats wäre ohne Probleme so etwas zuzutrauen wie der unglückseligen Sippe, der unlängst beim Familienduell mit Werner Schulze-Erdel auf die entscheidende Frage nach einer berühmten Geisteswissenschaft nur „Jesus“ einfiel. Von hundert Leuten sagten das schließlich eher wenige.

Das schrie nach Rache


Zurück zum Jahreswechsel. Nach guter alter Sitte trat der ganze Clan um Mitternacht auf die Straße, um das Feuerwerk zu bestaunen. Und kaum stiegen die ersten Raketen in den Nachthimmel, verstrickte sich die ganze Familie Legat in ein Scharmützel mit einem Nachbarn. Der Grund hatte vier Beine: Der Hund des Nachbarn war beileibe kein braver Rex mit Hunger auf Wurstsemmeln, sondern ein verzogener Köter, der die Legatmutter vor Wochenfrist in den Hintern gebissen hatte. Das schrie nach Rache, ein Wort gab das andere, am Ende saß der Nachbar auf dem Hosenboden, und am nächsten Tag wurden vom Vertrauensarzt einige unschöne Dellen in der Epidermis diagnostiziert.

Verursacher war, man ahnt es, der Fußballer. Doch der ahnte schnell, dass die Bürgersteigprügelei dem Arbeitgeber nicht so gut gefallen würde. Um Ärger zu vermeiden, behauptete Legat flugs, sein Bruder habe den Nachbarn ramponiert. Er selbst habe ein lupenreines Alibi, denn er habe als treuer Familienvater mit Frau und Kind das neue Jahr begrüßt. Doch das windelweiche Alibi wurde recht bald auch ohne hoch- notpeinliche Befragungen der Ehefrau widerlegt, nach vier Stunden „guter Bulle, böser Bulle“ mit Mayer-Vorfelder winselte Legat um Gnade und erweichte die Herzen der Vorstandsequipe. Er durfte bleiben und wurde erst später zur politischen Rehabilitation nach Schalke geschickt.



Keine zweite Chance bekam hingegen Mario Basler, über den die Mutter der Kompanie, Uli Hoeneß, einmal treffend festgestellt hatte, „Mario Basler ist ein netter Kerl, bis er in der Kneipe sitzt. Wenn er zu viel Alkohol getrunken hat, wird er aggressiv.“ Eine Diagnose, die ein harmloser Funghibesteller in einer Regensburger Pizzeria unbesehen unterschreiben würde. Für den gab es nämlich einen Satz heiße Ohren, als Basler zusammen mit dem Arbeitskollegen Sven Scheuer den Laden betrat. Nun ist Mario Basler ja von der Statur her nicht unbedingt ein Geselle, vor dem man über Gebühr Angst haben müsste. Sieht eher aus, wie die Gegner von Bud Spencer in den frühen Filmen. Ein Klaps auf die Ohren, schon am Boden zerstört. Doch die geheimnisvollen Andeutungen, die Uli Hoeneß der Weltpresse steckte, ließen aufhorchen. „Nur die Spitze des Eisbergs“, sei die Prügelei im Oberbayerischen gewesen, und „in München gibt es viele Kneipen“.

Anmerkungen, die vermuten lassen, dass das explosive Duo schon zuvor keiner Saloonprügelei aus dem Wege gegangen ist. Wäre man gerne dabei gewesen, wenn Basler den Pokertisch umschmeißt und Scheuer mit einem Schuss zwei Gegner von der Galerie ballert.

Ohnehin soll hier nicht dem Alkoholverzicht das Wort geredet werden. Wohin das führt, zeigt die Europameisterschaft 2000. Merkwürdig heftig ist ja die lustige Truppe gescholten worden, die nach dem Spiel gegen Portugal in Vaals den Laktatwert einen guten Mann sein ließ. Ansonsten vorbildliche Jungprofis mussten sich beschimpfen lassen, als wären sie den deutschen Truppen bei Verdun in den Rücken gefallen. Soll man doch froh sein, dass die jungen Herren sich mal ein bisschen locker gemacht haben.

Eine lausige Flasche Bier pro Jahr

In nüchternem Zustand kommen Herren wie Sebastian Deisler oder Michael Ballack nämlich verklemmt daher wie die Sparte Physik bei Jugend Forscht. Und ganz grundsätzlich sind uns Zeitgenossen, die ganz freiwillig und nicht weil der Arzt murrend aufs Röntgenbild schaut, auf den Alkohol verzichten, ziemlich suspekt. Das sind Menschen, die in vollbesetzten Zugabteilen anfangen, hartgekochte Eier zu pellen. Menschen, die den Abstandhalter am Fahrrad ausklappen und beim Abbiegen den Arm heben.

Und deshalb hat es uns überrascht, dass auch der emeritierte Todesgrätscher Jürgen Kohler zu diesen unangenehmen Abstinenzlern zählt. Seine Lebensbeichte kommt dementsprechend schwer erträglich daher. „Wenn es hoch kommt“, sagt er, „dann habe ich, ausgenommen die Feiern nach dem Gewinn der Champions League und der Europameisterschaft, vielleicht fünf Flaschen Bier in fünf Jahren getrunken.“ Wenn wir nun richtig im Kopf gerechnet haben, ist das gerade mal eine lausige Flasche Bier pro Jahr. Da möchte man gar nicht wissen, welche abstrusen Hoffnungen Kohlers Frau in die enthemmende Wirkung der Einzelflasche gesetzt haben wird. Hach, wird sie gedacht haben, vielleicht lässt er ja endlich mal den braven Angestellten an der Garderobe und jagt mich im Elefantenkostüm über den Flur. Oder er kauft sich eine Unterhose mit Reißverschluss vorne.

Doch weit gefehlt, Pater Jürgen denkt nicht mal an solche Unterhosen, stattdessen geht es weiter im Predigerton, moralischer als jeder evangelischer Jugendpfarrer: „Ich will halt morgens in den Spiegel schauen und sicher sein, dass ich alles getan habe, um fit zu sein“, sagt Kohler, und der Kellner bringt noch einen ungespritzten Apfelsaft. Mal ehrlich:

Will man sowas hören? Dann doch lieber Abenteuer auf Eisenbahnschienen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!