Fußballer ohne Twitter und Handy: Geht das?

»Daily swag!«

Die vergangenen Monate twitterte Boltons Marvin Sordell so exzessiv, dass der Verein sein Smartphone einkassierte. Beantwortet Sordell jetzt wieder Fanpost? Gibt er Autogrammstunden im Autohaus? Warum nicht!? Früher hat das doch auch geklappt.

Marvin Sordell ist ein durchschnittlicher Fußballspieler. Er hat früher mal beim FC Watford gespielt, später auf Leihbasis bei den Tranmere Rovers und beim FC Wealdstone. Seit Sommer 2012 steht der Stürmer bei den Bolton Wanderers unter Vertrag. Sein Arbeitsnachweis 2012/13 liest sich so: Elf Spiele, ein Tor (Stand 10. Januar, 15:09 Uhr).
 
Marvin Sordell ist außerdem ein Internet-Star. Denn er twittert so exzessiv wie kaum ein anderer Fußballprofi. Hier liest sich Arbeitsnachweis so: 25.088 Follower, 5305 Tweets. (Stand 10. Januar, 15:09 Uhr).

»Es grenzte an Sucht!«
 
Vor einigen Tagen haben die Vereinsverantwortlichen der Wanderers Sordells Smartphone einkassiert, denn seine Social-Media-Aktivitäten nahmen Überhand. »Es grenzte an Sucht!«, sagte sein Trainer Dougie Freedman.
 
Sordell wird natürlich weiterhin seine Tweets verfassen, zum Beispiel am Laptop oder am heimischen PC. Erst gestern verlinkte er ein Foto von sich und schrieb darunter: »Ich trage heute meinen VQ-Hoodie und Armband.« Seine Follower jubelten. Einer schrieb fachmännisch: »Swag Style Sordell«. Ein anderer ergänzte: »Daily Swag!«
 
Die Frequenz seiner Einträge wird dennoch rapide abnehmen, denn Sordell wird den Laptop sicherlich nicht immer parat haben: Nicht in der Disco, nicht in der Umkleidekabine, nicht im Auto, also dort, wo man per Twitter-Selbstporträt die eigene Swag-Größe ins Endlose steigern kann: Sordell mit dem blonden Busenwunder und Lemmy Kilmister an der Bar, Sordell mit den Goldfelgen und dem tiefergelegten Ferrari auf der Autobahn, Sordell mit dem neuen Leopardenanzug auf einem Konzert von Beyonce. Doch nun? Nun ist Sordell nackt.
 
Was wird er also tun? Wie tritt man überhaupt ohne Twitter mit seinen Anhängern in Kontakt? Und: Kann man den »Swag« auch ohne Smartphone und Twitter sichtbar machen?
 
Natürlich, man kann!
 
Erinnern wir uns an die Prä-Smartphone-Zeit und da zum Beispiel an den ehemaligen HSV-Torhüter Rudi Kargus. Der fuhr Porsche, war Künstler, Ästhet und trug gerne feinste Strickwaren. Eines Tages lief er im »Aktuellen Sportstudio« mit einen Pullover mit Hundemotiv auf. »Daraufhin«, erzählte Kargus ein Wochen später, »rief mich eine Dame an und wollte mir ihre Hundewelpen verkaufen, damit ich sie aufziehe.« So beginnen Liebesgeschichten mit Veronica Ferres. Oder Dramen mit Julia Roberts.

Das Kaiser-Telefon auf dem Mannheimer Maifest
 
Doch auch Spieler, die ihre Nummern nicht im Telefonbuch hinterlassen hatten, waren ihren Fans oft und gerne nah. Sie ließen sich regelmäßig über extra bereitgestellte Festnetztelefone anrufen. Wenige Tage vor der WM 1990 »flachste« (»kicker«) Franz Beckenbauer etwa mit seinen Anhängern am »Kaiser-Fan-Telefon«, das sich in einem VIP-Zelt des Mannheimer Maifestes befand. Und Lothar Matthäus oder Ludwig Kögl »scherzten« (»Bravo«)  im Frühjahr 1985 am »Bravo-Startreff-Telefon« mit ihren Fans und signierten derweil Bayern-Trikots.
 
Manchmal lief das Ganze auch andersrum, dann riefen die Fußballer die Anhänger an. Bestes Beispiel: Hansi Müller. Der wollte kurz nach seinem Wechsel zu Inter Mailand ein Telefonat in die Heimat führen, doch er vergaß die deutsche Vorwahl und landete bei einer älteren Mailänder Dame. Diese war ganz außer sich vor Freude und sagte: »Bleiben Sie bitte dran, mein zehnjähriger Enkel steht gerade neben mir und ist ein großer Fan von Ihnen!« Danach sprachen Müller und der Steppke über Inter Mailand. Vielleicht auch über Frisuren, Brusthaare oder Café Latte. Ganz sicher haben auch sie geflachst und gescherzt.

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