Fußballer im Ramadan

Die reine Leere

Im September ist es wieder so weit – der muslimische Fastenmonat Ramadan beginnt. Essen und Getränke sind für Gläubige dann bis Sonnenuntergang tabu. Für Fußballprofis wie Abdelaziz Ahanfouf eine harte Zeit. Fußballer im RamadanMartin Leissl
Heft #82 09/2008
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Es war zu Beginn der vergangenen Saison. Die ganze Bundesliga lag Franck Ribéry zu Füßen. Jeden Tag erschienen exklusive Geschichten über den neuen Superstar des FC Bayern, und natürlich blieb dabei nicht unerwähnt, dass der Franzose vor wenigen Jahren zum Islam konvertiert war, mit einer algerischen Frau verheiratet ist und den muslimischen Namen Bilal trägt. Als sich seine Leistungen nach ein paar Spielen vorübergehend normalisierten, sich die Gegenspieler wohl auch ein wenig auf ihn eingestellt hatten, dauerte es nicht lange, bis einige Reporter die Ursache für das vermeintliche Leistungstief präsentierten: der muslimische Fastenmonat Ramadan hatte begonnen, und Ribéry, so die Annahme, war davon geschwächt.

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Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Der Koran gebietet, dass jeder Muslim ab der Pubertät in diesem Monat jeweils von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zu fasten hat und weder essen noch trinken darf. Ausnahmen bestehen hauptsächlich für Kranke und Schwerstarbeiter, denen bei Einhaltung der Fastenregeln gesundheitliche Schäden drohen würden. Die versäumten Tage müssen dann jedoch nachgeholt werden. Auf diese Ausnahmeregelung berufen sich auch viele der muslimischen Spieler in Deutschland. So auch Franck Ribéry, der die alarmierten Bayern-Fans schnell beruhigen konnte. »An freien Tagen faste ich, an Spieltagen nicht.«

»Wenn du die ersten Tage geschafft hast, kommst du in einen Rhythmus«

Abdelaziz Ahanfouf ist seit 13 Jahren Fußballprofi und streng gläubiger Moslem. In all den Jahren hat er noch nie mit dem Fasten ausgesetzt. Zuletzt sorgte der Deutsch-Marokkaner für Schlagzeilen, als er im Dezember 2007 bei einem schweren Autounfall mit seinem Wagen unter einen Sattelschlepper geriet und mehrere Tage in Lebensgefahr schwebte. Kurz darauf wechselte er trotz seiner schweren Gesichts- und Kopfverletzungen von Arminia Bielefeld zum SV Wehen Wiesbaden, der nur wenige Kilometer von seinem Geburtsort Flörsheim beheimatet ist. »Ich wollte nur noch nach Hause«, begründet er seinen Wechsel in die 2. Liga. Inzwischen geht es ihm wieder gut. Nun steht, rund zwei Wochen nach Saisonbeginn, die muslimische Fastenzeit auf dem Plan. Für Ahanfouf kein Problem. »Ich ziehe das auf jeden Fall durch. Ich freue mich sogar darauf, auch wenn die ersten Tage schwierig sind.«
Natürlich weiß auch der Deutsch-Marokkaner um die Möglichkeit, versäumte Tage nachzuholen, doch davon will der 30-Jährige auch weiterhin keinen Gebrauch machen. »Wenn du die ersten Tage geschafft hast, kommst du in einen Rhythmus, in dem es leichter wird. Natürlich zwickt es dann einmal hier oder tut es da weh, aber man gewöhnt sich an alles.« In diesem Zusammenhang verweist er auf die genauere Bedeutung des Ramadan. Das Fasten stellt keinen Selbstzweck dar, sondern ist vielmehr eine Art Gottesdienst zwischen Allah und dem Gläubigen, der in dieser Zeit die Armut und den Hunger anderer am eigenen Körper erlebt. Zudem ist es nur eine der fünf Säulen des Islam. Die anderen – Glaubensbekenntnis, Gebet, die Bereitschaft, an Bedürftige zu spenden, und eine Pilgerfahrt nach Mekka – sind ebenso wichtig, will man nach dem Tod ins Paradies einziehen. »Es geht im Ramadan nicht nur ums Essen und Trinken. Es geht in diesen vier Wochen um absolute Reinheit, darum, nicht böse zu sein und nichts Böses zu denken, nicht zu fluchen und auf gar keinen Fall zu lügen«, erklärt Ahanfouf, »wenn du das machst, dann kannst du auch gleich essen.«

Dennoch fragt sich der ambitionierte Hobbysportler, der meist schon nach 15 Minuten Standfußball zum isotonischen Durstlöscher greift, wie man harte Übungseinheiten und Spiele vollkommen ohne Flüssigkeitszufuhr durchstehen soll. Ahanfouf beantwortet diese Frage mit seiner religiösen Überzeugung: »Es ist reine Glaubenssache. In den ersten Jahren gab es schon Tage, an denen ich dachte: ›Leck mich am Toupet! Wie soll ich das schaffen, ich kann nicht mehr!‹ Mit der Zeit ist es aber leichter geworden.«

Er versucht in diesen Zeiträumen möglichst viel zu schlafen und räumt ein, dass er im Training mitunter schon mal einen Schritt weniger gehe als außerhalb des Ramadan. Probleme mit seinen Kollegen gab es deswegen aber noch nie. »Wenn es im Spiel darauf ankommt, gebe ich Vollgas, solange es geht. Und wenn es dann mal nur für sechzig oder siebzig Minuten reicht, dann ist das eben so.«

Die Sportmedizin sieht das ein wenig kritischer. Kein Wunder, steht doch so ziemlich jede ernährungswissenschaftliche Studie in direktem Gegensatz zu den Regeln des Koran. Sportmediziner empfehlen, über den Tag verteilt kleinere Nahrungsportionen zu sich zu nehmen und zu trinken, bevor ein Durstgefühl entsteht, damit der Blutzuckerspiegel des Körpers keinen zu großen Schwankungen unterliegt und die Energiespeicher des Körpers regelmäßig wieder aufgefüllt werden. Das ist im Ramadan nicht möglich. Für den Körper eines fastenden Sportlers steht deswegen Schwerstarbeit an, denn durch den unausgeglichenen Flüssigkeitshaushalt dickt das Blut ein und erfordert eine höhere Herztätigkeit, was im Extremfall zum Kreislaufkollaps führen kann.

Abdelaziz Ahanfouf kennt die Einwände und Ernährungsstudien, die er außerhalb der Fastenzeit auch befolgt. Auch im Ramadan berücksichtigt er sie, so weit es geht, nur eben zu anderen Zeiten. So steht er schon vor Sonnenaufgang auf und frühstückt so ausgiebig wie möglich, wobei er darauf achtet, seinem Körper genug Kohlenhydrate zuzuführen. Mitunter steht deswegen neben dem Müsli auch ein Teller Nudeln auf dem Frühstückstisch. Auch abends geht der Fußballer nach einem genauen Plan vor, um seine Energiespeicher aufzufüllen. Er isst nicht mit einem Schlag sehr viel, nur um den Hunger zu befriedigen, sondern startet mit einer Suppe, gefolgt von kleineren Häppchen, ehe er wieder eine Pause einlegt. Erst nach einigen Stunden isst er dann erneut etwas. Auch seinen Wasserhaushalt regelt er mit Bedacht. Sechs bis sieben Liter Flüssigkeit führt er sich abends zu, verteilt auf zahlreiche kleinere Einheiten.

»Der Verzicht auf Flüssigkeit ist aus sportmedizinischer Sicht bedenklich«

Für Markus de Marées, Mediziner an der Deutschen Sporthochschule Köln, ein annehmbarer Kompromiss. Eine allgemeine Aussage hält er für schwierig. »Es hängt vieles von der Konstitution des Sportlers, den Temperaturen und der Intensität des Trainings ab.« Den Verzicht auf Nahrung hält er bei einem gesunden Profisportler für praktikabel, auch wenn die Regenerationsfähigkeit leiden könne. Beim Trinken sei es schon schwieriger. »Der Verzicht auf Flüssigkeit tagsüber ist aus sportmedizinischer Sicht schon bedenklich. Wenn es der Glaube jedoch gebietet, dann scheint mir das ein guter Weg zu sein«, meint er zu Ahanfoufs Methode.

Am Ende zählt, wie immer im Fußball, ohnehin nur die Leistung, und Ahanfouf kann auf eine passable Trefferquote während des Fastenmonats zurückblicken. »Glaube versetzt Berge«, lautet sein Motto. Besonders gut erinnert er sich noch an ein Spiel für Duisburg gegen Trier, bei dem er mit leerem Magen drei Treffer zum 4:3-Sieg der Zebras beisteuerte.
Markus »Malik« Zschiesche war lange Zeit skeptisch, was den Islam betrifft. Der 26-Jährige, der einst in der Jugend von Hertha BSC spielte und später über Paderborn, Neumünster und Neuruppin bei Union Berlin landete, wuchs im Berliner Wedding auf, wo er viele türkische und arabische Freunde hatte. So kam er mit dem Glauben in Berührung. Doch das negative Bild der Religion, das er aus den Medien kannte, blieb stets in seinem Hinterkopf. Erst 2002, als er in Paderborn zum ersten Mal auf sich allein gestellt war, beschloss er, sich die Sache genauer anzusehen. 2003 konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Malik an. An die Fastenregeln des Ramadan hält er sich seit 2005. »Das ist eine Entwicklung, die man durchmacht, Schritt für Schritt. Jedes Jahr festigt sich der Glaube ein bisschen mehr, und es wird ein bisschen leichter. Man kommt da nicht von null auf hundert.«

Er versucht, den Ramadan so gut wie möglich einzuhalten, doch wenn er merkt, dass ihm die Kraft fehlt, unterbricht er das Fasten und holt es später nach. Mit den Mitspielern bei Union hat er darüber gesprochen und meist Kopfschütteln geerntet, gepaart mit Bewunderung, wenn er es doch durchzog. Dem Trainer gegenüber hat er es nicht an die große Glocke gehängt. Als Union ihm in der Winterpause mitteilte, dass man nicht länger mit ihm plane, wechselte er zum Regionalligisten Türkiyemspor Berlin. Hier gehört der Ramadan zum Alltag. Manager Fikret Ceylan weiß gar nicht genau, wie viele Muslime er derzeit unter Vertrag hat, es interessiert ihn auch nicht besonders. Zehn etwa seien es wohl dieses Jahr, wovon aber nicht mehr als zwei oder drei den Ramadan durchgehend einhalten würden. In den vergangenen Jahren waren es schon einmal mehr. Beim Verband deswegen um Spielverlegungen zu ersuchen, käme Ceylan nicht in den Sinn. »Wir sind ein deutscher Verein. Wo soll das hinführen? Dass plötzlich jüdische Spieler an bestimmten Tagen nicht mehr spielen wollen oder christliche Spieler sagen: ›Bloß nicht am Sonntag, da muss ich in die Kirche‹? Das geht nicht.« Mitunter bittet Ceylan seine Leute, an Spieltagen mit dem Fasten auszusetzen. Lehnen diese ab, ist das Thema erledigt. »Das muss jeder für sich entscheiden. Im schlimmsten Fall verlieren wir dann eben mal ein Spiel mehr.« Verdenken kann es der Manager den Spielern jedenfalls nicht, und auch Abdelaziz Ahanfouf ist kein Freund von Fastentagen, die nachgeholt werden müssen: »Wenn der Ramadan vorbei ist, dann will ich wieder normal frühstücken.«

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