Fußball und Sex

So zärtlich können Männer sein

Sind Sex und Sport wirklich Gegensätze? Im Fußballspiel hängen beide doch sehr eng zusammen – ja, sie stehen in einer Art Komplementärverhältnis zueinander. Unser Kolumnist Prof. Klaus Hansen hat voyeuriert. Imago
Heft #64 03 / 2007
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„Das Tor ist der Orgasmus des Fußballs.“
(Eduardo Galeano)


Früher konnte man nur ganzheitlich gewinnen. Bei einer „Miss Germany“ musste von Kopf bis Fuß alles stimmen. Heute werden die Körperteile einzeln ausgezeichnet, wie beim Schlachter. Heute kann man „Gesicht des Jahres“ werden, auch wenn der übrige Body auf der Vollfettstufe herumschwabbelt. Sebastian Schweinsteiger ist in Abwesenheit seines Gesichts zum „Oberkörper des Jahres 2006“ gewählt worden. Anlässlich seiner Kür durch die Leserinnen der Zeitschrift „Bravo Girl“ bekannte Schweinsteiger, ein Tor zu schießen sei „noch viel geiler als ein Liebesakt“. Und: „Mein rechter Fuß bedeutet mir mehr als Sex machen“.

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Das brachte ihm viel Lob in der Fachpresse ein. Allein die Sprache, „Sex machen“, klingt irgendwie nach „Fliesen legen“. Neulich verwahrte sich der kleine Lutz, gerade mal 5 Jahre alt, gegen die Redewendung „Sex machen“, die in einer Aufklärungssendung des „Kinderkacke“ genannten KiKa-Senders gefallen war. „Ist doch keine Handarbeit!“, war sein empört vorgebrachter Einwand. Wenn der wüsste.

„Der Koitus ist ein schlechter Ersatz für die Onanie“

Der Spieler Schweinsteiger ist ein begehrter Junge. Wo immer er auftaucht, wartet schon ein Pulk draller Mädchen mit Sprüchen wie diesem: „Schweini, ich will ein Ferkel von dir!“ Aber Schweini setzt die Prioritäten anders. Vielleicht ist er ja ein später Nachfahre von Karl Kraus (Austria Wien), der seinerzeit bekannte, der Koitus sei nur ein „schlechter Ersatz für die Onanie“. Wir wissen es nicht. „Aus solchem Holz sind künftige Weltmeister geschnitzt“, lobte der „kicker“. Jedenfalls das glaubt man zu wissen.

Uns Zuschauern, die wir mit eiserner Regelmäßigkeit zu den Wettkämpfen pilgern, geht es nicht anders als Schweinsteiger, so scheint es jedenfalls. Sind wir im Stadion, wird das „Thema Nr. 1“ absolut sekundär. Keiner der Augenblicke, schreibt Nick Hornby, die Menschen als die schönsten in ihrem Leben beschreiben, sei vergleichbar mit der Extase, die das in letzter Minute und aus heiterem Himmel fallende Tor in ihm auslöse, das den Sieg für seinen Verein bedeute. Im Vergleich dazu sei ein Orgasmus vorhersehbar und wiederholbar, wenn man nur die immergleichen zwei bis drei Knöpfe drücke.

Dass man Sexualität und Sport zu einem Gegensatzpaar macht, ist alt. Ein erfolgreicher Athlet muss enthaltsam sein, während ein Lustmolch nicht anders kann, als kraftlos über den Platz zu schleichen. Übrigens hatte Hans-Hubert Vogts (Kampfname „Berti“) von allen Bundestrainern die lockerste Einstellung zur Vögelei seiner Spieler. Ob vor dem Spiel, ob nach dem Spiel, dem Bundesberti war’s egal. „Nur in der Halbzeitpause“, schränkte er ein, „da läuft gar nichts.“ Das sagte er zu einer Zeit, als Boris Becker zwischen zwei Sätzen in Wimbledon die kleine Anna gezeugt hatte, die heute dabei ist, im Wettbewerb um die „Niedlichste Anna unter 10“ den ersten Platz zu machen.

„Eine Nummer schieben“


Sind Sex und Sport wirklich Gegensätze? Im Fußballspiel hängen beide doch sehr eng zusammen, sie stehen in einer Art Komplementärverhältnis zueinander. Man kann es jedes Wochenende vielfach beobachten. Das erzielte Tor ist gewissermaßen das Eintrittsbillet für ausgelassenes Gerammle. Die Spielkameraden fallen über den Torschützen her. Die Nummer 6 begräbt die Nummer 9 unter sich, und man schiebt sich mit eindeutigen Bewegungen über den Rollrasen. Übrigens auch etymologisch aufschlussreich: Beim Fußballspiel können wir mit bloßem Auge sehen, woher die volkstümliche Wendung „eine Nummer schieben“ kommt. Aber zurück zur Widerlegung des scheinbaren Gegensatzes von Fußball und Sex: Ist es nicht schön, wie sich der bebende Schnurrbart des Zehners in den vor Lust bis zu den Ohren gezogenen Mundwinkel des Vollstreckers gräbt; wie sich eine sehnige Hand im Nacken des Vorlagengebers liebevoll festkrallt; wie zwei muskulöse Männerschenkel sich um das Becken eines noch unausgekleideten Reservisten klammern; wie sich Hüfte an Hüfte presst und die dreitagebärtige Wange des alten Haudegens sich ans glattrasierte Bäckchen von Prinz Poldi schmiegt? Ja, das ist so schön, dass wir Zuschauer auf den Rängen nicht anders können als mitzumachen. Das Fußballstadion ist der einzige Ort in unserer Gesellschaft, wo sich wildfremde Männer öffentlich in den Armen liegen und küssen dürfen, ohne in den Verdacht der Homosexualität zu geraten. Im Fußballstadion erleben wir Tag für Tag, wie zärtlich Männer sein können und dass sie sich überhaupt nicht schämen, das auch vor der Kameraöffentlichkeit zu zeigen.

Nein, Fußball und Sex gehören nicht nur zusammen, sie sind eins! „Da gibt es nichts auseinanderzudividieren“, meint auch der blaublütige Womanizer, S. M. Kaiser Franz.
Recht hat er! Bis auf die Wortwahl. Oder haben Sie schon mal „zusammendividiert“?

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