Fußball und Alkohol

Das letzte Bier war schlecht

Kein Alkohol vorm Spiel Mönchengladbach gegen Köln – ist das nun weise oder paranoid? Höchste Zeit, sich Gedanken über den Konsum von Schnaps und Bier zu machen. Und diejenigen, die am meisten Durst hatten. Fußball und AlkoholImago »Viele Jugendliche werden in Vereinen zum Alkoholtrinken verführt, weil jeder Sieg, aber auch jede Niederlage mit Alkohol gefeiert wird.« Dieses Menetekel sandte der Deutsche Caritasverband schon 1968 in die Welt. Doch die, denen es galt, hörten, wie so oft, nur mit halbem Ohr hin.

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Saufen in der Kabine blieb Pflicht. »Sieben Bier ersetzen ein Schnitzel«, bölkte der Mannschaftskapitän noch aus der Dusche, und alle lachten, obgleich ihnen diese Phantasierechnung schon lange bekannt war. A-Jugendliche, die sich an ihre Fanta krallten und die Alkoholika verschmähten, wurden unter Gruppenzwang gesetzt und – »Trink! Trink! Trink!« – erlagen ihm. Oder wollten sie etwa den mannschaftlichen Zusammenhalt sabotieren? Na also!

Kalle, Pelé und der Schnaps zur rechten Zeit

Wacker hält sich die Mär, dass ein Schnaps selbst vor dem Spiel dem sportlichen Erfolg zuträglich sei. Beim WM-Finale 1958 soll der Betreuer, Masseur und Quacksalber Americo dem vor Lampenfieber zitternden Pelé noch in den Katakomben des Råsunda-Stadions von Stockholm einen kräftigen Schluck Feuerwassers eingeflößt haben. So gestärkt, habe der 17-Jährige sich zu nie da gewesener Spielkunst aufgeschwungen. Eine ähnliche Legende hat sich auch in Deutschland gebildet: Dem juvenilen Bayernstürmer Kalle Rummenigge, vor Aufregung noch rotbäckiger als sonst, soll vor dem Europacup-Finale 1976 gegen den AS St. Etienne von seinem Trainer Detmar Cramer ein Cognac serviert worden sein. Kalle trank – und spielte »wie aufgedreht«.

Es sind nicht zuletzt Geschichtchen wie diese, die den Alkohol als Baustein der Mannswerdung ins Bewusstsein der Fußballgemeinde zementiert haben. Wer im Bier,- Nikotin- und Schweißnebel der Vereinsheime »am Glas nichts kann«, bleibe, so der common sense der Mannschaftsräte, auf ewig ein Knabe. Es gilt die Proportionalität: Je mehr einer verträgt, desto besser ist er auf dem Platz. »Er ist der einzige Spieler, den ich je traf, der 16 Pints trinken und immer noch am nächsten Tag Fußball spielen konnte«, schwärmte Paul Gascoigne einst von seinem Helden Bryan Robson – und reihte sich vor Bewunderung gleich ein in die Karawane der reitenden Alkoholleichen.

Robson selbst mochte irgendwann keine Ikone der Besoffenheit mehr sein. Als Trainer FC Middlesborough schickte er seinen Bewunderer und allzu beflissenen Nacheiferer in die Entzugsklinik. Der Psychologe, der »Gazza« dort in Empfang nahm, resignierte bald: »Entweder er landet in der Gosse, im Knast, oder er erlebt seinen 40. Geburtstag nicht mehr.« Am Rande all dessen wandelnd, hat der Exzentriker seinen Vierzigsten im vergangenen Mai gefeiert. An seinem Geburtstag musste er sich einer Operation unterziehen – ein Magengeschwür war aufgebrochen.

Auch wenn man dem alten Tunichtgut ein langes Leben wünschen möchte – wahrscheinlicher ist ein kurzes. Wir denken an die, die sich tatsächlich unter die Erde soffen: Geeicht auf das Trinken im Kameradenkreis, tranken sie auch allein weiter, nach der Karriere, im Abseits. Irgendwann, beim letzten Glas, saß ein unsympathischer Mann mit am gekachelten Couchtisch. Die zu Tode Besoffenen rieben sich die glasigen Augen, doch der Unsympath saß noch immer da. Und warum zum Teufel hatte er eine Sense dabei?

Der traurige Stan


Am 25. August 1996 blickte ihm auch Stan Libuda ins porige Antlitz. »Niemand kommt an Gott vorbei«, hatte einst auf einem Plakat vor einer Kirche in Gelsenkirchen gestanden, ergänzt durch den Nachsatz eines Fans: »Außer Stan Libuda.« Doch schon damals, zu seinen Glanzzeiten, als er für Schalke 04, Borussia Dortmund und die deutsche Nationalmannschaft auf Rechtsaußen dribbelte, trickste und Haken schlug wie sonst kein Zweiter, umwehte ihn eine seltsame Melancholie. Schüchtern war er und von seinen mit allen Abwassern gewaschenen Gegenspielern nur allzu leicht aus der Ruhe zu bringen. Es genügte, auch nur das Gran eines Zweifels an der Treue seiner Frau in Libuda zu wecken, schon bekam er keinen Fuß mehr vor den anderen. Nun stand er dort, inmitten eines Kessels von Menschen. »Libuuuuuuuuuuuuuu-da!« Wann endlich tat sich die Erde auf, damit er versinken konnte?

Im Gegensatz zu »Ente« Lippens etwa, dem Clown, der Fußball spielte aus Spaß an der Freud, spielte Libuda, weil er spielen musste. Er musste dribbeln, tricksen und Haken schlagen, so wie ein Biber Baumstämme durchnagen muss, weil im sonst die Zähne durch den Schädel wachsen. So wie Sisyphos, der in fatalistischer Pflichtausübung seinen Stein immer wieder von Neuem den Berg hinaufstemmt.

»Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«, riet einmal Albert Camus. Sich Stan Libuda als glücklichen Menschen vorzustellen wird auch mit gewollter Energie nicht gelingen. 1976 endete seine Karriere, und das, was er tat, weil er es tun musste, entfiel nun. Einen Job bekam er nicht, weil er schon mit 17 Jahren seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte und keine Ausbildung vorzuweisen hatte.

Die symptomatische Pendelbewegung setzte ein: Hin und her zwischen seiner Wohnung, in der der kalte Rauch stand, und den Büdchen Gelsenkirchens, auf einen Schnaps bei »Horst«. 20 Jahre lebte Stan so und wurde immer einsamer und ärmer. Fehlte ihm etwas? Der Fußball, ja, vielleicht. Ein bisschen. 1996 starb Libuda, 53-jährig, an einem Schlaganfall.

Garrincha, die Laune der Natur

Als hätte er es geplant, war Libuda den Weg des Mané Garrincha gegangen, des brasilianischen Flügelstürmers, mit dem man ihn so oft verglichen hatte. Auch er starb verarmt, vereinsamt und beinah vergesssen. Auch er starb am Suff.

Den ersten Schluck hatte er bereits als Zehnjähriger genommen. Mit dem Destillat wollte er die Schmerzen in seinen Beinen betäuben. Von Geburt an war eines nach innen und das andere nach außen gekrümmt gewesen, das linke sechs Zentimeter kürzer als das rechte. Fluch und Segen zugleich war diese Behinderung. Schmerzen brachte sie ihm, aber sie verlieh ihm auch die Gabe, zu fummeln wie ein Derwisch. Im Verbund mit Didi und Pelé schenkte er Brasilien 1958 den so lang ersehnten Weltmeistertitel. 1962 gelang ihm das erneut – auch ohne den schon in der Zwischenrunde aus dem Turnier gefoulten Pelé.

Doch im Gegensatz zu dem heute global agierenden Fußballunternehmer fehlte es Garrincha an Strahlkraft außerhalb des Platzes. Er galt als dumm. Schon seine Nominierung zur WM 1958 stand in Frage – er war durch einen dubiosen Intelligenztest gefallen. Noch heute erzählt man sich in Brasilien, dass er nach dem Turnier einen Weltempfänger weggeworfen haben soll, den man ihm geschenkt hatte. »Was soll ich zu Hause damit?«, habe er gesagt. »Ich verstehe doch sowieso kein Europäisch.«

So lang es ging, hielt Garrincha sich an dem fest, was er beherrschte – dem Fußball. 1966 verletzte er sich schwer am ohnehin schon labberigen Meniskus. Und doch humpelte er weiter über die Plätze, trank erst ein Glas, dann eine Flasche gegen die Schmerzen. Noch 1982, 24 Jahre nach seinem ersten großen Titel ließ er sich wie ein Pfingstochse am Nasenring durch eine kolumbianische Operettenliga führen.

Da jubelte man in seiner Heimatland schon dem smarten Zico zu. Garrincha? Ach ja, dieser ranzige alte Mann! Was wohl aus ihm geworden sein mag... Vom Staat erhielt er eine klägliche Rente, gerade genug für den Fusel. Am 20. Januar 1983 starb er in Sao Paulo an einer Alkoholvergiftung.

Georgie, was lief schief?

»1969 habe ich das mit den Frauen und dem Alkohol aufgegeben. Das waren die schlimmsten zwanzig Minuten meines Lebens.« Dieser Spruch, der heute auf unzähligen T-Shirts angetrunkener Scherzbolde prangt, stammt von George Best, und der hat ihn ernst gemeint. Er war kein angetrunkener Scherzbold, er war der beste Fußballer der Welt, der nebenbei soff, und zwar weit über das unter britischen Fußballern verbreitete Maß hinaus.

Weiß der Himmel, wie das möglich war: Best war ein Gott mit wehender Mähne, wahnsinnig rasant, expressionistisch dribbelnd, brandgefährlich, beidfüßig, mit einer abgrundtiefen Verachtung für alle Verteidiger - und immer auch bereit, selbst zu grätschen, sogar zu treten, sich irgendwie den Ball zurückzuholen, der ja ihm gehörte, weil er als Einziger mit ihm umzugehen verstand. Sein enger Freund Rodney Marsh sagte einmal über ihn und sein Spiel: »Best war der schnellste, der intelligenteste und der zerstörerischste Spieler, den es je gegeben hat. Es hab keinen Mutigeren als ihn.«

Dank George Bests überragenden Könnens, der Ruhe und Verlässlichkeit seines Antipoden Bobby Charlton und der Kompromisslosigkeit und des Instinktes seines Bruders im Geiste Denis Law (gemeinsam bildeten sie die »Holy Trinity«) wurde der FC Manchester United 1966 und 1967 englischer Meister. Mit seinem Führungstreffer im Endspiel des Landesmeisterpokals 1968 ebnete Best den Weg zum 4:1 Sieg gegen Benfica Lissabon. Hinterher sagte er: »Ich habe immer davon geträumt, den Torhüter auszuspielen, den Ball auf der Linie zu stoppen, mich hinzuknien und ihn dann mit dem Kopf ins Tor zu befördern. Gegen Benfica hätte ich das fast getan. Den Keeper hatte ich hinter mir gelassen, aber dann habe ich gekniffen. Der Trainer hätte sicherlich einen Herzinfarkt bekommen.« ManU war es als erster englischer Mannschaft gelungen, den wichtigsten Vereinspokal zu gewinnen. England lag George Best zu Füßen und wählte ihn zum Spieler des Jahres und zum fünften Beatle. Noch im selben Jahr erwies Europa ihm die gleiche Ehre.

Doch schon früh war er eine unheilige Allianz eingegangen – die mit dem Alkohol. Auf einem Jugendturnier in Zürich war er so besoffen gewesen, dass er sich in ein Taxi erbrochen hatte. Das wurde - zumal vom biederen Matt Busby - noch verharmlost und nahm auch tatsächlich erst selbstzerstörerische Ausmaße an, als der ManUs Lokalrivale City den ebenso durstigen Mike Summersbee verpflichtete. Best und Summersbee wurden zu den empörendsten drinking buddies des Königreichs, und kein Mädchen war sicherer vor ihnen als sie vor den Mädchen, wobei Best sich ein ums andere Mal die Visage von einem eifersüchtigen Verlobten polieren lassen musste. Exakt 276 Tierfiguren befanden sich auf dem Tapetenmuster der Rückwand in Matt Busbys Büro - George Best hatte sie während der zahlreichen Moralpredigten des Trainers immer wieder durchgezählt. Viel konnte Busby nicht bewirken: Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens eröffneten Best und Summersbee obendrein die obskure Boutique »Edwardia«.

Best erschien immer öfter in desaströsem Zustand zum Training und begann sogar, Spiele zu schwänzen. Er war untragbar geworden und niemand, der ihn seiner besten Zeit erlebt hatte, konnte seinen Verfall mit ansehen. Ein Page, der Anfang der 70er Jahre mit dem Frühstück in Bests Hotelzimmer kam und ihn dort betrunken inmitten von lose herumliegendem Bargeld und leeren Flaschen vorfand, soll ihn angeschrieen haben: »Wann ist denn bloß alles schiefgelaufen, Georgie?«

Und es lief weiter schief. 1974 hatten die Verantwortlichen die Faxen dicke. Nach 466 Spielen und 178 Toren durfte Best nicht mehr für ManU auflaufen. Zwar zeigte er auf seinen Stationen in Los Angeles oder San José noch Spuren seines Könnens, doch all das muss als unwürdiger Epilog seiner Karriere angesehen werden. Erst 1984 fand sie ein viel zu spätes Ende. Ein honoriger Sportbotschafter ist Best danach nicht geworden. Wer hatte das auch allen Ernstes erwartet? Ungern wollte die FIFA sich aufs Buffet kotzen lassen, und die Fußballunternehmer Pelé und Beckenbauer lupften sich auf den Galas lieber allein die Bälle zu. Georgie war’s recht, so konnte er ungestört weiter- und immer weitersaufen.

»Sterbt nicht so wie ich«, schrieb er kurz vor seinem Tode im Herbst des Jahres 2005 mit gelber, zitternder Hand, während seine Organe der Reihe nach ihren Dienst quittierten. »Sterbt nicht so wie ich.« Sein ganzer Körper war vergiftet, und so schön er einst gewesen war: Lange bevor der Sensenmann ihn abholte, sah er ihm schon verdammt ähnlich. »Sterbt nicht so wie ich.« Eine sinnlose Warnung (als könnte man es sich aussuchen), die verzweifelte Warnung eines Mannes, der wusste, dass er eine dunkle Ikone war. »Sterbt nicht so wie ich.« Wer will das schon? Aber leben wie er, das wollen viele. Und vielleicht ist es dann der Preis, so zu sterben wie George Best.

Best hatte neben seiner fußballerischen Begabung sicherlich auch das seltene Talent, im Zweitberuf des Lebemanns saufen zu können wie ein Loch. Er schaffte es, dass das eine nicht unter dem anderen zu leiden hatte. Bei nicht wenigen ging die Fähigkeit, Fußball zu spielen, schneller den Bach runter, und die Fähigkeit, Schnaps in sich hineinzugießen, gelangte zu trauriger, stinkender Blüte.

Denken wir an Andreas Sassen, eines der größten Talente seiner Generation. Die Trainingskiebitze bei Schwarz-Weiß Essen erzählen sich noch heute Wunderdinge von ihm. Ohne ihnen die Schuld geben zu wollen: Vielleicht waren sie es, die ihm sein erstes Bier ausgaben, damals, als er die »entscheidende Bude« gemacht hatte. Eine fatale Belohnung, denn der Alkohol schmeckte Sassen – zu gut, um seinen Sport professionell zu betreiben. Bei Uerdingen, dem HSV und Dresden flog er frühzeitig raus – wegen »Disziplinlosigkeit«, wie es verhüllend hieß. Gerade einmal 35 Erstligapiele absolvierte er, eine Handvoll noch im ukrainischen Exil bei Dnjepr Dnjepropetrowsk. Im früh hereinbrechenden Herbst seines Lebens verdingte er sich beim Grünflächenamt in Essen als Straßenkehrer. Nicht lange: 2004 starb er im Alter von nur 36 Jahren an einem Hirnschlag.

Denken wir an Werner Kohlmeyer, den traurigsten aller Weltmeister von 1954. Ohne seinen Fußball mochte er nicht leben. Er soff sich 1974 ins Grab. Denken wir an José Andrade, den begnadeten Spielmacher, der Uruguay 1930 zum Titel führte. Nach seiner Karriere ging er nach Paris, um dort als Bohème zu leben. Mit aller Konsequenz: Er starb 1955 in einem Armenhaus an einer Alkoholvergiftung. Denken wir an Branko Zebec, das unnahbare Trainer-Genie, das wohl lieber heimlich gesoffen hätte. Doch sein Beruf zwang ihn auf die Bank, er fiel rückwärts hinunter, das ganze Stadion lachte und sang »Fernet Branko«. Aus Scham mag er um so mehr getrunken haben. Er starb 1988.

Libuda tot, Garrincha tot, Best tot – alle tot. Der Mann mit der Sense hat sie – zu früh? zu spät? – vom vollgemüllten Couchtisch weggeholt. Obwohl es einen im Grunde einen Dreck angeht, wird man wütend. Wer auch nach der ersten Entlassung, der ersten Privatinsolvenz, der ersten Lebertransplantation weitersäuft wie tausend Russen, der hat selbst Schuld. Als ob es um Schuld ginge oder darum, wer Mitleid verdient! Ebenso müßig sind Erklärungsversuche, warum sie alle anfingen, so hart zu saufen, dann immer härter und sich schließlich unter die Erde soffen. War es Veranlagung? Der Druck? Lag es in der Familie? Im Verein? Hätten sie auf die Warnung der Caritas hören sollen?

Sie selbst wollten es ja auch nicht wissen. Der Durst, war der nicht Grund genug?

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