Fußball in Moldawien

Tore für Absurdistan

Simon Riesche
Heft #72 11 / 2007
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Gerade einmal eine knappe Stunde ist es her, dass der Minibus den staubigen Parkplatz in der moldawischen Hauptstadt Chisinau verlassen hat. Das Reiseziel ist Tiraspol, die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach einer kurzen Fahrt vorbei an Dörfern, in denen vor 100 Jahren die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, müssen wir anhalten. Eigentlich gibt es hier am Dnjestr-Fluss überhaupt keine Grenze. Das allerdings sieht der Soldat mit dem grimmigen Gesichtsausdruck und der zu großen Militärmütze auf dem Kopf anders. Was man denn in Tiraspol, »der Hauptstadt Transnistriens«, wolle, raunzt der sichtlich angetrunkene Grenzer die Reisenden auf Russisch an. Alle Pässe nimmt er genau unter die Lupe, die reine Schikane. Gegen eine Gebühr darf schließlich jeder passieren. Am Abend trifft der FC Tiraspol auf den kleinen Hauptstadt-Klub CSCA-Steaua Chisinau. Ein ganz normales Erstligaspiel, aber was ist schon normal in Moldawien? Bei solchen Rahmenbedingungen wundert es nicht, dass es hier unüblich ist, seine Lieblingsmannschaft zu Auswärtsspielen zu begleiten. Meistens passen alle Gästefans in einen Minibus.

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Unmittelbar nach Moldawiens Unabhängigkeitserklärung vor 17 Jahren hatte sich das hauptsächlich von Russen und Ukrainern bewohnte Transnistrien vom rumänisch geprägten Kernland losgesagt. Im Frühjahr 1992 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Separatisten, hunderte Menschen starben. Heute überwachen russische Friedenstruppen die Grenze. Kein Land der Welt hat den nur wenige Kilometer breiten Streifen am Ostufer des Dnjestr, in dem gerade einmal 500 000 Menschen leben, je anerkannt. Ohne Moskaus schützende Hand wäre der Pseudo-Staat Transnistrien kaum überlebensfähig. Das kleine Reich von Präsident Igor Smirnow, das mit seiner allgegenwärtigen Sowjet-Folklore nicht nur als Freilichtmuseum des Kommunismus, sondern auch als Paradies für Schmuggler und andere Kriminelle gilt, verfügt über eine eigene Währung, eine eigene Nationalhymne, ein eigenes Parlament, ja sogar über eine eigene Armee. Während sich beide Landesteile immer weiter voneinander entfernen, bildet der Fußball eine der letzten Brücken über den Dnjestr. In der 1. Liga, der »Divizia Națională«, spielen Klubs von beiden Seiten des Flusses, und es gibt eine gemeinsame Nationalmannschaft.

Die Leute können nicht auch noch für Fußball bezahlen

Pavel Cebanu, der Präsident des moldawischen Fußballverbandes, hat es sich auf einem Ledersessel in seinem Chisinauer Büro bequem gemacht. In der Ecke läuft ein Flachbildfernseher, die Sekretärin bringt frischen Kaffee. »Nur der Fußball bringt die Menschen in diesem Land zusammen«, erklärt er feierlich. Cebanu ist eine Art Franz Beckenbauer des moldawischen Fußballs. Anlässlich des UEFA-Geburtstages 2003 wurde er zum »Golden Player« seines Landes gewählt, zum bedeutendsten Spieler der letzten 50 Jahre. Seit 1997 lenkt er nun schon als Präsident die Geschicke des Verbandes. Kein einfacher Job, doch keiner scheint besser dafür geeignet als Cebanu. »Wir müssen den Sport und die Politik getrennt voneinander betrachten«, sagt er ernst. Er weiß jedoch selbst, dass das nicht geht in einem Land, in dem schon allein die Tatsache, dass man zusammen Fußball spielt, eine politische Botschaft darstellt. Gleich nach dem Ende des Bürgerkrieges nahm die gemeinsame Fußballliga ihren Betrieb auf. In all den Jahren habe es nie irgendwelche Probleme gegeben, wenn Klubs aus Transnistrien und dem Rest des Landes aufeinander trafen, erklärt Cebanu stolz, »weder auf dem Platz noch auf den Rängen«.

Als wolle sie Cebanus Worte unterstreichen, scheint die Sonne an diesem Tag besonders warm und verwandelt den Nebenplatz des Chisinauer Zimbru-Stadions in eine Fußball-Idylle. Dacia, ein weiterer Verein aus der Hauptstadt, spielt gegen den transnistrischen Klub Dinamo Bender. Das sportliche Niveau ist schlecht, was die Zuschauer nicht zu stören scheint. Man freut sich noch immer über das Unentschieden, das Dacia dem großen Hamburger SV vor einigen Wochen im UI-Cup abtrotzen konnte. Ein paar hundert Fans haben sich auf der kleinen Tribüne eingefunden, es gibt Tee und Sonnenblumenkerne. Der Eintritt ist frei. »Die Leute haben so wenig Geld, da müssen sie nicht auch noch für den Fußball bezahlen«, sagt einer der Ordner. Bemerkenswert ist, wie fair sich das Publikum verhält. Aktionen des Gegners werden beklatscht, die Fans der Gastmannschaft freundlich empfangen. Wer aufgrund der politischen Brisanz der Partie eine aufgeheizte Stimmung oder gar Krawalle befürchtet hatte, sieht sich getäuscht.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Fußball-Harmonie den politischen Hardlinern ein Dorn im Auge ist, zeigt sie doch, dass die Teilung des Landes in erster Linie eine Sache der Regierenden ist. Auch wenn sich Transnistriens Einwohner in einem nutzlosen Referendum für einen Anschluss an Russland ausgesprochen haben, so sehnen sie sich doch vor allem nach ein wenig mehr Normalität in ihrem Land. Anders als im ehemaligen Jugoslawien, wo verfeindete Fangruppen in den Stadien alte Kriegsrechnungen begleichen, verbindet der Sport in Moldawien die Menschen tatsächlich. Der Konflikt werde den Leuten von oben aufgedrückt, sagt auch Claus Neukirch, Pressesprecher der OSZE in Moldawien. Der deutsche Diplomat, bekennender St. Pauli-Fan, hat allerdings seine Zweifel, ob die Strahlkraft des Fußballs stark genug ist, um die Spaltung des Landes zu überwinden: »Da müssen die wohl erst mal ein bisschen besser spielen.«
Zurück in Tiraspol. Etwas außerhalb des Zentrums, umgeben von grauen Plattenbauten, liegt die größte Attraktion der ansonsten gesichtslosen Stadt – das Stadion des FC Sheriff, Aushängeschild des gleichnamigen Konzerns.

Wo immer in Transnistrien Geld verdient wird, haben die windigen Geschäftsmänner von Sheriff ihre Finger im Spiel. Ob auf Supermärkten, Tankstellen oder eben Fußballtrikots, überall prangt das Logo des Unternehmens, ein gelber Sheriff-Stern. Man sagt, der Clan von Separatisten-Präsident Smirnow kontrolliere Konzern und Verein, aber ganz genau weiß das niemand. Fest steht, dass das Stadion eines der wichtigsten Prestigeobjekte im transnistrischen Landesteil ist. Die Arena fasst zwar nur 15 000 Zuschauer, gehört aber zu den modernsten Anlagen in ganz Osteuropa. Gerade wurde ein Fünf-Sterne-Hotel neben dem Stadion gebaut. Angesichts der Armut der Bevölkerung, die oft kaum mehr als 50 Euro im Monat verdient, wirkt der Komplex jedoch mehr als nur eine Nummer zu protzig.

Der Fußball wir den politischen Konflikt nicht lösen können


Hinter vorgehaltener Hand schimpfen die Leute über die rausgeschmissenen Millionen. Für die sportlichen Erfolge des Vereins, der zuletzt siebenmal in Folge moldawischer Meister wurde, interessieren sich nur wenige. Als einziger Klub im Lande leistet sich Sheriff den Luxus, für viel Geld ausländische Spieler zu kaufen. So stehen mittlerweile schon drei Brasilianer in Tiraspol unter Vertrag. Es scheint klar, dass Sheriffs Hintermänner den Klub nur in Moldawiens Liga mitspielen lassen, damit sich das Team für die internationalen Wettbewerbe qualifizieren kann. In denen soll der Verein dann wiederum als Vertreter Transnistriens für Aufmerksamkeit sorgen. Mancher in Chisinau glaubt gar, dass Sheriff im großen Stil Schiedsrichter und Funktionäre schmiert, um in der Liga freie Bahn zu haben. Die Korruption ist in Moldawien allgegenwärtig. Warum also sollte sie vor dem Fußball halt machen?

Während die Moldawier ihrer Liga nur wenig Beachtung schenken, steht die Nationalelf im ganzen Land hoch im Kurs. Sie sei der wahre Integrationsmotor in Moldawien, erklärt der 24-jährige Andrei. Der Student ist ein ausgewiesener Fußballfachmann. Bei internationalen Partien übersetzt er auf Pressekonferenzen, auch ausländischen Journalisten steht er mit Rat und Tat zur Seite. In erster Linie aber ist Andrei Fan, für die Länderspiele hat er sich gerade ein neues Hemd in den Nationalfarben gekauft.

Vor einigen Jahren kannte man die moldawische Mannschaft noch fast ausschließlich aus einem Buch des britischen Schriftstellers Tony Hawks. Der hatte 1999, während er und ein Kumpel im Fernsehen Englands klaren Sieg gegen Moldawien verfolgten, in einer Bierlaune gewettet, dass er alle Nationalspieler Moldawiens nacheinander im Tennis besiegen würde. Hawks gewann die Wette, sein tragikomischer Reisebericht »Matchball in Moldawien« wurde ein Bestseller. Mittlerweile spielen die meisten Auswahlkicker wohl nicht nur besser Tennis, sondern auch deutlich besser Fußball als damals. Mit strahlenden Augen schwärmt Andrei vom jüngsten Sieg des Teams in Bosnien, dem »ersten Pflichtspiel-Auswärtssieg seit zwölf Jahren«, wie er kenntnisreich vorträgt.

Bitter nur, dass er das historische Spiel nicht im Fernsehen anschauen konnte. Aus Geldmangel überträgt Moldawiens einziger TV-Kanal lediglich die Heimspiele der Nationalelf, die im Übrigen die ganze Bandbreite der bizarren moldawischen Fußball-Wirklichkeit offenbaren. Da das modernste Stadion des Landes nun mal in Tiraspol steht, muss das Nationalteam auf Druck der UEFA viele wichtige Spiele im abtrünnigen Landesteil austragen. Der Sieg über Österreich in der Qualifikation zur EM 2004 ist vielen Fans in besonders lebhafter Erinnerung geblieben. Über dem Stadion in Transnistrien wehte die moldawische Fahne, auch die sonst verschmähte moldawische Nationalhymne wurde gespielt. Auf dem Platz stand eine gemischte Mannschaft, die Zuschauer feuerten ihr Team in den beiden Landessprachen Russisch und Rumänisch an. Beim Siegtor lagen sich alle in den Armen. Transnistriens Präsident Smirnow soll vor Wut getobt haben, als er die Moldawien-Sprechchöre auf den Rängen hörte. Für ein paar Augenblicke schien es so, als hätte der Fußball über die Politik gesiegt. Als nach 90 Minuten die Landesflagge jedoch schnell wieder eingeholt wurde und sich die Grenzpolizisten am Dnjestr bei der Gastmannschaft artig »für den Besuch in der Republik Transnistrien« bedankten, war alles wieder wie immer.

Nein, der Fußball werde den politischen Konflikt in seinem Land nicht lösen können, meint Andrei. »Aber er zeigt eine andere, bessere Seite Moldawiens.« Auch Verbandspräsident Pavel Cebanu vertraut auf die integrative Wirkung des Sports. Die Nachwuchsarbeit soll weiter gefördert werden, überall sprießen Fußballplätze wie Pilze aus dem Boden. In der kleinen Ortschaft Vadul-lui-Voda, direkt an Moldawiens innerer Grenze, hat der Verband ein modernes Trainingszentrum für die Auswahlmannschaften des Landes errichtet. »Willkommen im Paradies«, lacht Hausmeister Juri und öffnet das schwere Eisentor. Auf der Wäscheleine trocknen Trikots, in den Krafträumen schwitzen 16-jährige Talente neben gestandenen Profis. Aus allen Teilen des Landes kommen die Spieler hierher, politische Reibereien gibt es nicht. Man ist sich einig: »Wir Fußballer in Moldawien sind eine große Familie.« Hinter dem Trainingsplatz glitzert das Wasser des Dnjestr. Von hier sieht er aus wie ein ganz normaler Fluss. Nicht wie ein Graben.

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