Fußball im Katastrophenwinter 1979

Die Schneemänner

Kaum vorstellbar, dass es im Winter mal geschneit hat. Kaum vorstellbar auch, dass währenddessen sogar der Ball rollte. Eine Erinnerung an den Katastrophenwinter von 1979, in dem die Knochen brachen und Toto-Spieler das große Glück fanden.

Fußball im Katastrophenwinter 1979imago

Uwe Seeler fluchte. Am Abend des 15. Februar 1979 befand er sich auf der Autobahn nach Hamburg, als ihn kurz vor Soltau ein Stau überraschte. Seeler machte den Motor aus, stieg aus dem Wagen und sah in Ferne. Überall Autos, überall Schnee. Es ging nicht vor und nicht zurück. Seeler setzte sich wieder in den Wagen, zog seine Jacke bis oben zu und die Mütze ins Gesicht.

Plötzlich erkannten ihn zwei LKW-Fahrer und luden den HSV-Star zu heißem Tee und Gebäck in ihre Fahrerkabine. Dort blieb Seeler den Abend und die Nacht, über ein Autotelefon verständigte er seine Frau. Irgendwann ging es weiter. Nach 26 Stunden fuhr Seeler in Hamburg ein. Zwei Polizisten hielten ihn prompt an und nahmen seine Personalien auf. Aufgrund des Schneesturms bestand Fahrverbot. Uwe Seeler fluchte noch einmal.

Der Winter 1978/79 hatte ganz Norddeutschland zum Erliegen gebracht. Meterhoch lag der Schnee, viele Ortschaften und Inseln, etwa Rügen, waren von der Außenwelt abgeschnitten. Vor Sassnitz fror die Ostsee zu, ein Schneesturm der Stärke 10 fegte Ende Dezember über Schleswig Holstein hinweg. Strom und Telefonnetze fielen aus, Züge blieben auf freier Strecke liegen. Die Bundeswehr und die Sowjetarmee setzten Panzerfahrzeuge ein, um in die verschneiten Gebiete zu kommen.

Der DFB »wie die Grafen Dracula«

In der »Tagesschau« sprach man von einem »Katastrophenwinter«. 17 Menschen starben bis Februar 1979. Fußball gespielt wurde trotzdem. Der DFB hatte das so angeordnet. Die Vereine tobten und Max Merkel pöbelte im »Spiegel«: »Die deutschen Fußballfunktionäre leben in einem Winter wie diesem in ihrem Bungalow zu Frankfurt wie die Grafen Dracula.« Diese Grafen forderten, dass »die Spielfelder mit allen Mitteln auch bei schlechter Witterung bespielbar« gemacht werden sollten.

Der Boden gefror, die Fronten verhärteten sich. 1860-Präsident Dr. Erich Riedl sagte: »Welcher Unterhaltungsbetrieb mutet seinen Gästen Kriegsbedingungen zu, und das für 20 oder 30 Mark Eintritt?« Und Frankfurts Jürgen Grabowski murrte: »Wo liegt der Sinn, wenn es zur wichtigsten Sache wird, die eigene Haut zu retten?«

Doch sie liefen auf. Mit langen Stollen, Handschuhen, langen Unterhosen und Bandagen an den Knien. Sie rutschten über den Boden, wie zufällig passten sie den orangefarbenen Ball von links nach rechts und dann hinter die Tribünen. Dort verirrten sich im Januar und Februar nur wenige Verrückte. Das Spiel Bayern gegen Dortmund sahen gerade mal 10.000 Zuschauer, Hertha gegen Darmstadt besuchten 6500 Fans. 

Doch was hätten die Spieler tun sollen? Streiken? Die »FAZ« übte sich in beißender Ironie: »Wie altpreußische Landbriefträger trotzen sie im Wind und Wetter und würden auch, wenn der Schiedsrichter ruft, auf Minenfeldern spielen.«

»Früher, als es noch echte Kerle gab...«

Eigentlich sah das Reglement Spielabsagen vor, wenn die Schneedecke höher als fünf Zentimeter war. De facto fanden viele Partien statt, bei denen man nicht mal mit Spikes festen Halt gehabt hätte. Einmal wurde eine Partie erst abgebrochen, als Zuschauer in den Schneenebel riefen: »Jungs, wo seid ihr?« Sie hätten besser gerufen: DFB wo bist du? Dessen Diktat, angefertigt von DFB-Spielleiter Hermann Schmaul, lautete: »Früher, als es noch echte Kerle gab, wurde im Winter immer gespielt, ohne zu klagen.« Früher, das war etwa 1963. Damals wurden zwei Spieler mit Schädelbasisbrüchen vom Platz getragen.

Man kam nicht umhin, einzelne Partien abzusagen. Im Januar 1979 fielen 19 von 27 geplanten Spielen aus. Im Februar kamen neun weitere Spielabsagen hinzu. Eintracht Braunschweig trug zwischen dem 9. Dezember und dem 13. März kein einziges Heimspiel aus. Dabei lagen sechs Spieltage dazwischen. Der MSV Duisburg konnte zwischen Dezember und März kein einziges Bundesligaspiel bestreiten. Der Einnahmeausfall lag bei den Klubs zwischen zwei und drei Millionen Mark. Allerorten wurden Stimmen nach einer Winterpause laut. Doch Hermann Schmaul wiederholte: »Früher, als es noch echte Kerle gab...« Früher, das war 1964. Damals fand die Partie 1. FC Nürnberg gegen den VfB Stuttgart am Silvestertag statt.

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