Fußball in der Ukraine

Krieg und Spiele

Schachtar Donezk empfängt den FC Bayern wegen des Krieges im 1200 Kilometer westlich gelegenen Lwiw. Doch wieso wird in der Ukraine überhaupt noch Fußball gespielt? Eine Bestandsaufnahme im Jahr eins nach der Revolution auf dem Majdan.

imago

Das Leben in der Ukraine sei momentan nicht planbar, sagt Jurij Sabada. »Jeden Tag kann sich alles verändern. Die Leute sind im Kopf mit dem Krieg beschäftigt. Da hat Fußball kaum noch Platz.«

Jurij gehört zu den Ultras von Schachtar Donezk, dem Klub, der im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Bayern antritt. Das Spiel des aktuellen ukrainischen Meisters findet nicht in der Donbass-Arena statt, wo 2012 noch die Europameisterschaft zu Gast war, sondern im 1200 Kilometer entfernten Lwiw. Dort, in der West-Ukraine, wo normalerweise der Erstliga-Rivale Karpaty Lwiw sein Zuhause hat, fand der Klub des Oligarchen Rinat Achmetow seit vergangenen Sommer Zuflucht. Denn Donezk ist von Separatisten besetzt. Und die Donbass-Arena wurde durch Kämpfe schwer beschädigt.

Jurij weiß noch nicht, ob er seinen Verein gegen die Bayern in Lwiw unterstützen wird. Wie gesagt: wer weiß schon, was morgen ist. »Aber einige von unseren Jungs werden dort sein.« Auch die Ultras von Schachtar Donezk hat der Krieg gespalten. Es begann beim Champions-League-Spiel am 27. Februar 2014 gegen Viktoria Pilsen in Donezk. »Da gab es heftige Schlägereien zwischen Fans, die die Separatisten unterstützten und uns Ultras, die für die Ukraine waren.«

Jurij schätzt, dass zehn Prozent der Ultras heute in den Reihen der Separatisten kämpfen, weitere zehn Prozent stünden in den Diensten der ukrainischen Armee. Die anderen seien aus Donezk geflohen, leben in verschiedenen Städten der Ukraine. Auch Jurij hat vor sechs Monaten seine Heimatstadt verlassen und lebt heute in Kiew. An Spieltagen fahren die Fans nun oft hunderte Kilometer, treffen sich im Stadion von Lwiw oder in einem kleinen Kiewer Stadion, wo die Heimspiele der Premjer Liha ausgetragen werden.

»Tod den Feinden!«

Auf der »VKontakte«-Seite, so etwas wie das russische Facebook, rufen die Schachtar-Ultras zum Geldsammeln auf. »Unsere Freunde, die sich in der ATO-Zone befinden, brauchen Geld, um die so notwendige Munition kaufen zu können. Das Geld geht direkt an die Jungs. Seid nicht ignorant, der Krieg betrifft uns alle. Der Aggressor muss gestoppt werden. Tod den Feinden!«

Ultras und Hooligans verfeindeter Klubs haben aufgrund des Krieges in der Ukraine im März 2014 einen landesweiten Waffenstillstand geschlossen. Schachtar muss sich das Stadion in Lwiw sogar mit dem ärgsten Rivalen Metalurh Donzek teilen. Bei Spielen singen die Fans gemeinsam patriotische Lieder für die Ukraine und skandieren Gesänge gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Losung der Einheit, die man von Fans häufig hört, lautet: »Von Lugansk bis zu den Bergen der Karpaten – jeder Fan ist dem anderen ein Freund und Bruder.«

Es ist wahrscheinlich ein Wunder, dass unter diesen Bedingungen überhaupt noch Fußballspiele in der Ukraine ausgetragen werden. In der ersten Liga spielen allerdings nur noch 14 Klubs. Neben Schachtar und Metalurh mussten auch Olimpik Donezk, Sorja Luhansk und Illitschiwez Mariupol in andere Stadien umziehen.

Die beiden Erstliga-Vereine von der Krim, die im März des vergangenen Jahres von Russland annektiert wurde, hatten schon früh angekündigt, in der russischen Liga spielen zu wollen. Daraufhin waren PFK Sewastopol und Tawrija Simferopol vom Ukrainischen Fußballverband ausgeschlossen worden. Die Klubs wurden als FC SKChF Sewastopol und FC TSK Simferopol neu gegründet und sollten im Januar 2015 in der dritten russischen Liga starten. Allerdings beschloss die UEFA im Januar den Ausschluss der Teams, was den Russischen Fußballverband dazu zwang, die Klubs ebenfalls auszuschließen. Nun soll eine eigene Zone auf der Krim entstehen, die die Aufnahme bei der UEFA beantragen will.

45 Zuschauer bei Erstligaspiel
 
»Im Moment befindet sich der Profifußball in der Ukraine im freien Fall«, erklärt Jurij Konkewitsch, der als Pressesprecher des Erstligisten Wolyn Luzk arbeitet. »Fünf Erstliga-Teams haben im Winter eine Budget-Minimierung angekündigt. Viele Mannschaften wurden aufgrund des Krieges und der finanziellen Situation aufgelöst.« In der obersten Klasse spielen 14 Teams, in der zweiten Liga 15, in der dritten: zehn. Und das bei einer Bevölkerungszahl von 45 Millionen.

Die Zuschauerzahlen sind um 30 Prozent gefallen und haben das Niveau der Saison 2000/2001 erreicht. In der laufenden Saison besuchten jedes Spiel durchschnittlich 6867 Zuschauer, in der Saison 2013/14 waren es noch 11.403. Als Luzk am 30. November 2014 gegen Mariupol spielte, fanden nur 45 Zuschauer den Weg ins Stadion.

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