Fußball am 11.09.2001: Volker Finke erinnert sich

»Absichtlich nicht informiert worden«

Als Terroristen am 11. September 2001 in New York das World Trade Center angriffen, spielte der SC Freiburg im Uefa-Cup im slowakischen Puchov. Der damalige Freiburg-Trainer Volker Finke erinnert sich an das unwichtigste Spiel seiner Karriere.

Rund zweieinhalb Stunden vor dem Anstoß unserer Partie gegen den slowakischen Vertreter FK Puchov saß ich in meinem Hotelzimmer und entspannte mich beim Lesen. Im Hintergrund lief lautlos der Fernseher. Der einzig empfangbare ausländische Sender in diesem recht einsamen Landstrich, den sogenannten Weißen Karpaten, war RTL. Nachrichtenmoderator Peter Klöppel verlas mit steinerner Miene die Meldungen, hinter ihm erkannte ich einen der beiden Türme des World Trade Centers in New York – er stand in Flammen. Dann sah ich, wie ein Flugzeug in den zweiten Turm raste. Bewarb der Sender damit einen geschmackslosen Science-Fiction-Film? Ich schaltete den Ton ein und hörte, wie Klöppel über die Anschläge sprach. Mir wurde klar: Die Bilder waren live.

Zeichen von der Uefa? Fehlanzeige!

Vollkommen fassungslos eilte ich zu meinem Assistenten Achim Sarstedt ins Nachbarzimmer. Auch er saß vor dem Fernseher. Plötzlich war unser Europapokalauftakt gegen Puchov ganz weit weg. Wir hatten keine Ahnung, was wir tun sollten. Auch die Mannschaft hatte nur die spärlichen Informationen über die Anschläge, wir alle kannten nur die Bilder aus dem deutschen Fernsehen. Slowakische Medien berichteten noch gar nicht aus New York. Einige riefen deswegen zu Hause an und so erfuhren wir nach und nach, dass es noch weitere Anschläge gab und tausende Todesopfer befürchtet wurden. Wir waren geschockt. In den Hotelgängen liefen die Funktionäre auf und ab, alle mit dem Telefon am Ohr. Jeder wartete auf ein Zeichen der Uefa, was nun mit dem Spiel passieren würde. Aber es kam nichts. Also mussten wir ins Stadion und spielen. Knapp neunzig Minuten vor dem Anpfiff um 17.30 Uhr stürzte der erste Turm ein. Wir hockten in der Kabine und wussten nicht, wie es weitergeht: Wird das Spiel überhaupt angepfiffen? Wird es gewertet? Wie reagiert der Gegner auf die Ereignisse?

Wir sprachen nicht mehr über fachliche Dinge, damit hätte man in diesem Moment niemanden erreicht. Einige Spieler saßen kopfschüttelnd auf ihrem Platz, andere wiederum suchten Zerstreuung, gingen durch das Stadion und hörten Musik. Kurz vor dem Anpfiff beschlossen wir gemeinsam, die Dinge bestmöglich auszublenden und einfach nur Fußball zu spielen. Doch die Atmosphäre im Stadion war beklemmend. Ein Teil der Zuschauer schien Bescheid zu wissen, andere wiederum feierten das Spiel wie ein Volksfest. Ich hatte das Gefühl, die Leute waren absichtlich nicht informiert worden, damit sich jeder hundertprozentig auf das Spiel konzentrieren konnte. Kein Wunder, für Puchov war der Ausflug in den Uefa-Cup mindestens genauso sensationell wie für uns.

Die ganze Situation hat uns sprachlos gemacht. Meine Mannschaft versuchte ihr Bestes, aber wir hatten schon vorher geahnt, dass dieses Spiel 0:0 enden würde. Vielleicht war es gut so, denn wer weiß, was passiert wäre, wenn jemand ein Tor erzielt hätte? Die Stimmung wäre sicher noch gespenstischer geworden. Selbst nach dem Spiel hatte der Trainer von Puchov immer noch keine Ahnung von den Geschehnissen, die gerade die Welt veränderten. Zumindest sprach er in der Pressekonferenz ausschließlich über das Geschehen auf dem Rasen. Es ist doch kurios, dass so etwas im Zeitalter moderner Kommunikationstechnologien überhaupt noch möglich war. Es fühlte sich an, als wäre eine Mauer um diesen Verein und diese Stadt gezogen worden, die kaum Informationen durchließ. Unser Europapokalspiel in Puchov wurde kein Festtag für den SC Freiburg. Aber wenn man so will, lebten wenigstens die Menschen in diesem Örtchen in den Weißen Karpaten an diesem Tag noch für ein paar Stunden länger in einer heilen Welt.

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