Fußball

Geh raus, gib Gas, hab Spass

Vielleicht mehr als nur Lahms Platzhalter auf links: Marcell Jansen hat bislang eine Traumkarriere hingelegt und wird wohl als 20-Jähriger bei der WM dabei sein.
Heft #50 12 / 2005
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Manni der Libero“ war eine klasse Kinder-Fernsehserie. Manni spielte schon als kleiner Junge leidenschaftlich gern Fußball und brachte es am Ende zum Nationalspieler. Verdammt unrealistisch, denkt man sich, selbst mittlerweile erwachsen. Bis Marcell Jansen auf der Bildfläche erscheint und die unaufhaltsame Karriere von Fernsehfigur Manni sogar locker toppt. Jansen wechselte als E-Jugendlicher zur Borussia, durchlief alle Jugendmannschaften, kam überraschend zu den Profis, setzte sich sofort durch, spielte neun Monate später für die Nationalmannschaft und darf sich nun berechtigte Hoffnungen auf einen Einsatz bei der WM machen. In Mönchengladbach überzeugt er mit spektakulären Grätschen, guten Zweikampfwerten und zum Teil mitreißenden Flankenlaäufen. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Jansen ist für die Fans in Zeiten ungesund hoher Fluktuation zu einer Identifi kationsfi gur geworden. Kein Wunder: Er kommt aus dem Mönchengladbacher Stadtteil Lürrip und spielt seit 1993 bei Borussia. In dem Jahr schaffte es mit Karl-Heinz Pflipsen das vor ihm letzte Fohlen aus dem eigenen Nachwuchs in die Nationalmannschaft. Damals war Jansen Balljunge auf dem Bökelberg und hatte die Vorbilder Effenberg, Andersson und Dahlin. Er ist ohne Zweifel eine „Vollraute“: „Ich habe Gladbach gelebt und bin dort aufgewachsen, in meiner Kindheit gab es nur Schule und Gladbach.“ Seine Entwicklung wurde erst von pubertären Wachstumsproblemen gehemmt, verlief dann aber weiter wunschgemäß: Bereits mit 17 trainierte er zwei Wochen mit den Profi s und zählte sogar beim Auswärtsspiel in Hannover zum Aufgebot. Als Jansen in den Seniorenbereich zu den Amateuren aufrückte und den Sprung in die U21-Nationalelf schaffte, gab ihm der damalige Profitrainer Dick Advocaat den entscheidenden Karriereschub: Er ließ den Amateur nach einer Verletzung von Christian Ziege jeden Tag bei den Profi s trainieren, berief ihn im Dezember letzten Jahres in den Kader für das Auswärtsspiel bei Hertha BSC und stellte ihn überraschend sogar von Beginn an auf. Jansen erinnert sich: „Advocaat hat gesagt: ‚Marcell, du spielst, du hast das Potenzial. Geh raus, gib Gas, hab Spaß!“ Leider hat nur Jansen aufs Gas getreten, sein hoffnungsvoller Auftritt neben zehn Totalversagern konnte die 0:6-Klatsche nicht verhindern. Dennoch hat er gute Erinnerungen an diesen Tag: „Das war natürlich ein schönes Gefühl vor so vielen Zuschauern. Ein Traum, der in Erfüllung geht. Dass er dann so endet, gibt einen traurigen Beigeschmack.“ Jansen gehörte von jenem Tag an zur Stammformation der Borussen, daran konnte auch der zur Winterpause verpfl ichtete Filip Daems nichts ändern. Bei der U20-WM im Sommer spielte Jansen eine tragende Rolle im deutschen Team – allerdings als Linksaußen. Seine Vielseitigkeit macht ihn zum Juwel: Je nach taktischer Ausrichtung wird er in Abwehr, Mittelfeld oder Sturm eingesetzt. Jansen gibt sich bescheiden, weiß aber auch, was er kann. Belastet es ihn, Hoffnungsträger zu sein? „Das beflügelt mich eher. Außerdem weiß ich aus der Jugend, dass sich gute und schlechte Zeiten abwechseln werden.“ Damit die guten Zeiten möglichst lange anhalten, hört er vor allem auf seinen kritischen Vater. „Er hält nie mit seiner Meinung hinter dem Berg und sagt immer die Wahrheit. Er war auch ein richtig guter Fussballer und hat mir in der Jugend noch einiges vorgemacht.“ Nun steht der Sohn im Rampenlicht. „Es ist schon komisch, jetzt gibt es nur noch Fußball. Das ist jetzt dein Beruf, auch wenn es eigentlich dein Hobby ist.“ Und schämt sich fast, so viel Geld damit verdienen zu können. „ Einer meiner Freunde spielt professionell Wasserball und bekommt keinen Cent dafür. Wir haben einfach Glück gehabt.“ Glück hatte Jansen zweifellos auch durch die Verletzungen von Philipp Lahm und dessen potenziellen Backups Christian Pander und Christian Schulz – das Loch hinten links vermochten auch Thomas Hitzlsperger und Bernd Schneider nicht zu stopfen. Obwohl Marcell Jansen erst 20 Bundesligaspiele auf dem Buckel hatte, lud ihn Klinsmann zu den Länderspielen in der Slowakei und gegen Südafrika ein. Angst hatte Jansen nach der Nominierung keine: „Ich versuche in der Nationalmannschaft genau so zu spielen wie im Verein, und dort hat es in letzter Zeit ganz gut geklappt. Ich will ja wieder eingeladen werden.“ Bei der Blamage in der Slowakei wurde er eingewechselt und agierte unauffällig, gegen Südafrika lieferte er bis auf einen Fehler, der allerdings direkt zum Gegentor führte, eine gute Partie. Dass ein gesunder Philipp Lahm hinten links gesetzt sein soll, beeindruckt Jansen nicht: „Ich schaue nicht auf so etwas. Jeder muss seine Leistung bringen, egal wie er heißt.“ Sein Vereinstrainer Horst Köppel fürchtet, dass sein Schützling, der wegen diverser Auswahlturniere seit drei Jahren keinen Urlaub gehabt hat, durch die Dauerbelastung Verein/Nationalelf „irgendwann so ausgepowert ist, dass er drei oder vier Wochen ausfällt“. Jansen selbst sieht das ein wenig anders: „Ich kenne meinen Körper und weiß, was ich ihm zumuten kann.“ Und fügt voller Ehrgeiz hinzu: „Das nimmt man in Kauf, wenn man nach oben will.“ Wie lange Gladbach noch die aktuelle Stufe seiner Karriereleiter sein wird, verrät er nicht. Angeblich sollen schon die ersten europäischen Spitzenklubs bei Jansens Berater vorstellig geworden sein, woraufhin Gladbachs Sportdirektor Peter Pander die Schmerzgrenze auf 15 Millionen Euro taxierte. Einer der größten Träume von Marcell Jansen ist es, einmal in England zu spielen, obwohl er klarstellt: „Gladbach ist natürlich mein Verein, hier habe ich als Kind auf der Tribüne gesessen und gejubelt, hier habe ich Fußballspielen gelernt. Natürlich würde ich gern mal mit den Besten der Welt in einem Verein kicken, wenn ich dazu spielerisch in der Lage wäre.“ Und schiebt, ein freundlicher Kerl ist er ja, lachend hinterher: „Vielleicht spielen die ja irgendwann in Gladbach.“ Michael Lessenich

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