27.04.2006

Fußball

Bescheidenheit und Härte

Der Shootingstar der Klinsmann-Ära: Per Mertesacker hat sich beharrlich und unauffällig im Schatten des Poldischweini-Hypes zum Denker und Lenker der deutschen Abwehr gemausert.

Vielleicht wird Per Mertesacker das Länderspiel in der Slowakei
später einmal als wertvolle Erfahrung begreifen, als Niederlage,
aus der man lernt. Doch im September 2005, ein Dreivierteljahr
vor der WM im eigenen Land, war die Schmach von Bratislava
erst einmal nur eines: die bislang größte Niederlage in der
Profi karriere des Per Mertesacker. Denn so sicher und abgeklärt
der junge Abwehrspieler in vielen Länderspielen zuvor gewirkt
hatte, so überfordert hatte sich Mertesacker gegen den quirligen
Robert Vittek gezeigt und in der 20. Minute durch einen Judogriff
gegen ebendiesen den Elfmeter zur slowakischen Führung
verschuldet. Doch so indisponiert sich Mertesacker auch auf dem
Spielfeld gezeigt hatte, so reif gab sich der Hannoveraner nach
dem Schlusspfi ff. „Das war mein schlechtestes Länderspiel“, gab
er zu Protokoll und war Klinsmann dankbar, „dass ich zur Pause
im Spiel bleiben durfte. So konnte ich in der zweiten Halbzeit
wenigstens noch ein paar Zweikämpfe gewinnen und ein kleines
bisschen Selbstvertrauen zurückholen.“ So sehr in Sack und Asche
ging Mertesacker, dass der „Kicker“ schlagzeilte: „Schonungslose
Selbstanklage!“
Dabei hätte der knapp 21-Jährige die Selbstkritik nicht einmal
nötig gehabt. Denn ganz unbestritten gehört der junge
Abwehrmann zu den positivsten Überraschungen der Ära Klinsmann.
Wie kein anderer Nachwuchsspieler gilt Mertesacker als
feste Größe in den Planspielen des Bundestrainers. Unisono rühmen
die Experten sein intuitives Stellungsspiel in der Viererkette,
seine Entschlossenheit im Zweikampf und die für sein Alter
erstaunliche Abgeklärtheit in hektischen Situationen. Was sich
auch statistisch untermauern lässt: 66,7 Prozent aller Zweikämpfe
entschied Mertesacker in den Spielen des Confederations Cup
für sich und spielte auch sonst so souverän auf, dass Co-Trainer
Joachim Löw nach dem Vorrundenkick gegen Argentinien gleich
freizügig Bestnoten verteilte: „Per Mertesacker war überragend.
Er macht einfach alles richtig.“ Da nimmt es nicht Wunder, dass
er seither als „gesetzt“ im Abwehrverbund gilt. Während um ihn
herum fl eißig rotiert und gewechselt wird, steht Mertesacker verlässlich
in der Startaufstellung. Ist der Hannoveraner also bereits
der Erste unter Gleichen? „Der Platzanweiser“ überschrieb die
„Berliner Zeitung“ kürzlich die R0lle von Mertesacker in der Nationalelf,
eine Umschreibung, die sich der Spieler wohl noch gefallen
ließe. Strikt zurück wies er hingegen jeden Versuch, ihn zum
Abwehrchef zu stilisieren. „Chef,
das wird man nur, wenn man
über Jahre alles durchgemacht
hat: Ausbildung, Abteilungsleiter,
alles. Da muss man erst lange reinwachsen“.
Dennoch, es ist eine Karriere aus dem Bilderbuch.
Eine Karriere, die mit einem Anruf
am 29.September 2004 so richtig
begann. Denn in die Schar
der gratulierenden Großmütter
und Freunde zu Mertesackers
20.Geburtstag hatte sich auch Bundestrainer
Jürgen Klinsmann gemischt
und dem verdutzten Jungprofi die Nachricht von der Berufung in
die Nationalmannschaft mitgeteilt. Von nun an ging alles Schlag
auf Schlag, zehn Tage später wurde Mertesacker beim Länderspiel
im Iran eingewechselt – in den ersten neun Minuten seiner
Länderspiellaufbahn machte er zumindest keine Fehler. Aber
schon bald wurde Klinsmanns Sympathie für den bescheidenen
und stets freundlichen Newcomer
offenbar. Wie sein Nebenmann
Arne Friedrich passt
Mertesacker nämlich sehr gut
ins Idealbild vom deutschen
Nationalspieler. Hochprofessionell
und von Leidenschaft beseelt sollen sich
die Spieler auf dem Feld geben, außerhalb
des Rechtecks hingegen bescheiden
und freundlich daher kommen. Eben
ganz so wie Per Mertesacker, der anders
als mancher Jungprofi seiner Generation
nicht sofort nach Eingang des ersten
opulenten Gehaltsschecks in eine
Villa mit Fußbodenheizung zog, sondern
hübsch bei den Eltern blieb. Die
Begründung klang fast zu idyllisch: „Es
muss jemand da sein, wenn ich nach Hause komme.“
Die enge Bindung ans Elternhaus mag auch damit zusammenhängen,
dass der Vater zugleich der strengste Trainer in Mertesackers Jugend war.
Der nämlich coachte die Jugend
und Amateure bei Hannover 96 und begleitete
den Sohn vom Stammverein TSV Pattensen zum
Platzhirschen 96. „Er ist stolz darauf, dass ich es so
weit gebracht habe“, sagt Mertesacker heute. Weit
gebracht hat es Mertesacker in der Tat, doch ist er
als junger Spieler vor herben Rückschlägen nicht
gefeit. Schon weil schwankende Formkurven bei
Spielern in der Entwicklung völlig normal sind. Und
nicht minder zerrt der eng gesteckte Terminkalender
in der Vor-WM-Saison an ihm, so sehr, dass
sich zwischenzeitlich sein Klubtrainer Ewald Lienen
mit sorgenvoller Miene einschaltete und nach dem
Spiel gegen Argentinien prognostizierte: „So wird
der Junge verbrannt.“ Klinsmann hatte Mertesacker
entgegen einer vorher getroffenen Absprache
durchspielen lassen.
Und dennoch: Dass die Niederlage in Bratislava
schwere psychische Traumata ausgelöst haben
könnte, muss niemand befürchten. Eine sportliche
Krise hatte Mertesacker schließlich schon kurz
nach seinem Debüt in der Bundesliga zu bewältigen.
Gerade 19 Jahre alt geworden, hatte er an Allerheiligen
2003 sein erstes Spiel für Hannover 96
absolviert und sich von den Stürmern des 1. FC Köln
derart schwindlig spielen lassen, dass der damalige
96-Coach Ralf Rangnick von weiteren Einsätzen
erst einmal absah. Erst vier Monate später durfte
Mertesacker wieder mitkicken und war fortan nicht
mehr wegzudenken aus der Stammelf von Hannover
96. Und mittlerweile auch nicht mehr aus der
Nationalelf.
Das wiederum hebt den Marktwert und so hat
Mertesackers Manager Roman Pletz kürzlich eine
außerplanmäßige Pokerrunde bei Hannover 96 eingeläutet:
„Ich sehe da eine gewisse Diskrepanz zwischen
seinem Gehalt und seiner Leistung.“ Mertesacker
selbst gab sich gewohnt zurückhaltend: „Im
Moment fühle ich mich bei 96 noch wohl, und ich
glaube, mich hier gut entwickeln zu können.“ Noch.

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