06.12.2005

Fußball

Japan: Guido Buchwald im Interview

Guido Buchwald, Teammanager der Urawa Red Diamonds, erzählt im Interview mit 11 FREUNDE über die Situation der J-League, den vernachlässigten asiatischen Markt, die selbst gebackenen Laugenbrezeln von Frau Buchwald und morgendliche Autogramme in der U-Bahn.

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11 Freunde: Guido Buchwald, Mitte der 90er haben Sie drei Jahre in Japan gespielt, inzwischen sind Sie Teammanager der Urawa Red Diamonds. Fahren Sie immer noch wie damals mit der U-Bahn zum Training?
Guido Buchwald: Das ist ganz unterschiedlich. Mal fahre ich mit dem Auto, mal mit der U-Bahn. Zeitlich nimmt sich das nicht viel, ich brauche etwa eine Stunde. Das liegt daran, dass ich mit meinem Sohn in Tokio wohne, da er in Yokohama zur Schule geht und von Saitama zu lange brauchen würde.
11 Freunde: Und in der U-Bahn kommt es immer noch zu Massenaufläufen, wenn der Star aus Deutschland einsteigt?
Guido Buchwald: Es passiert schon mal, dass die U-Bahn-Fahrt zur Autogrammstunde wird. Das ist dann etwas anstrengender, als wenn ich mit dem Auto gefahren wäre. Aber das ist logisch, die Leute erkennen mich natürlich und wollen schnell meinen Schriftzug oder ein Foto knipsen.
11 Freunde: Die J-League existiert nun zwölf Jahre. Sie wurde anfangs als industrielles Produkt belächelt und als Experiment bestaunt. Hat die Liga ihre Kinderjahre hinter sich?
Guido Buchwald: Die J-League zu etablieren, war ein enormer Kraftakt. Man darf nicht vergessen: In den Gründungsjahren wurden zwölf Werksteams aus dem Boden gestampft, beinahe von heute auf morgen. Jetzt haben wir hier 18 Teams in der 1. Liga sowie eine 2. Liga mit zwölf Teams. Es herrscht also ein ganz ordentlicher Wettbewerb.
11 Freunde: Bei der letzten Weltmeisterschaft waren die Fortschritte des japanischen Fußballs zu bestaunen. Der kam durchaus schnell und technisch versiert daher.
Guido Buchwald: Im technischen und taktischen Bereich ist der japanische Fußball nicht stehen geblieben. In den vergangenen Jahren haben ein paar sehr gute Trainer hier gearbeitet, das hat uns nach vorne gebracht. Zu meiner Zeit als Spieler in der J-League sind die Mannschaften nach einem Gegentor noch hektisch und unorganisiert nach vorne gerannt. Japan ist amtierender Asienmeister und hat sich ohne Probleme für die WM 2006 qualifiziert, nicht zuletzt wegen einer hohen taktischen Disziplin und guter Teamorganisation.
11 Freunde: Bis zur Bundesliga ist es aber noch ein weiter Weg.
Guido Buchwald: Die Teams der J-League besitzen mindestens Zweitliganiveau. Vier bis fünf Mannschaften würden sicher auch in der Bundesliga eine gute Rolle spielen. Man darf nicht vergessen: Es spielen sehr viele Brasilianer in der J-League, die man in Europa nicht unbedingt kennt, die aber sehr stark sind und das Niveau merklich steigern. Das gilt auch für die anderen ausländischen Spieler.
11 Freunde: Allerdings will die Liga -keine reine Exotenklasse sein, -weshalb jeder Klub nur drei ausländische Profis einsetzen darf. Das bedeutet: Nachwuchs wird benötigt. Arbeiten die Jugendabteilungen denn so professionell?
Guido Buchwald: Die Japaner haben damals sofort erkannt, dass mit dem Aufbau einer Profiliga gleichzeitig der Unterbau hochgezogen werden muss. Das wurde hier besser gemacht als damals in den USA, als dort Beckenbauer oder Pelé gespielt haben, obwohl die Ligasysteme sehr ähnlich sind. Wir haben bei den Urawa Red Diamonds gerade ein neues, sehr modernes Jugendzentrum fertiggestellt, wo der Nachwuchs ausgebildet wird. Und dort stehen natürlich auch Taktik und Spielverständnis auf dem Lehrplan. Das kommt den Jungs zugute. Wenn sie in die Profikader aufrücken, sind sie bereits sehr weit.
11 Freunde: In Deutschland ist viel die Rede vom asiatischen Markt. Welchen Stellenwert hat die Bundesliga hier überhaupt?
Guido Buchwald: Diesem Vergleich kann die Bundesliga noch nicht standhalten. Egal ob England, Italien oder Spanien – alle anderen großen europäischen Ligen sind angesagter als die Bundesliga. Am beliebtesten ist die italienische Serie A. Das liegt aber daran, dass die Vereine aus diesen Ländern schon viel früher den Markt in Japan erkannt haben und deswegen hier auch viel länger präsent sind. Wir haben in diesem Jahr zum Beispiel Freundschaftsspiele gegen Barcelona, Manchester United und Inter Mailand bestritten. Selbst Bayern München hinkt deutlich hinterher. Ich habe frühzeitig auf die Entwicklung und die Möglichkeiten hingewiesen, aber leider wurde nicht auf mich gehört.
11 Freunde: In Japan hat Ihr Wort Gewicht. Sie sind ein geachteter Sportsmann und Star. Ist der Rummel, der um ihre Person entsteht, größer als die Aufmerksamkeit, die ihre Spieler auf sich ziehen?
Guido Buchwald: Gute Frage. Ich bin der Ansicht, dass die Spieler im Fokus stehen sollten. Aber es ist eben so, dass ich hier dreieinhalb Jahre gespielt und als Trainer sofort den größten Erfolg der Vereinsgeschichte gefeiert habe. Natürlich macht mich das populär. Doch die Spieler liegen zu Recht einen Tick vor mir.
11 Freunde: Ein anderer großer Star ist nicht mehr da, Pierre Littbarski arbeitet inzwischen als Trainer in Sydney. Fehlt er Ihnen?
Guido Buchwald: Nein, ich war ja nicht verliebt in ihn. Aber der Kontakt zu Litti besteht weiterhin.
11 Freunde: Deutschland ist weit weg. Können Sie die Bundesliga und die Nationalelf überhaupt verfolgen?
Guido Buchwald: Das funktioniert ohne Probleme. Jedes Wochenende werden zwei Livespiele gezeigt, meist ist der HSV wegen Takahara dabei. Wenn in Deutschland angepfiffen wird, sind unsere Spiele schon gespielt, so dass ich tatsächlich jede Woche mindestens ein Livespiel aus der Bundesliga sehen kann. Dazu natürlich auch alle restlichen Tore des Spieltages. Außerdem bin ich durch meinen Kontakt zu Jürgen Klinsmann und meine Funktion als WM-Botschafter bestens und aus erster Hand informiert.
11 Freunde: Weshalb Sie im Sommer auch zwei alte Protagonisten aus der Bundesliga verpflichtet haben. Wie machen sich Robson Ponte und Tomislav Maric in der neuen Umgebung?
Guido Buchwald: Robby hat sich sehr gut eingeführt und ist durch Tore, Assists und spektakuläre Dribblings bereits ein Star. Das trifft sich gut, denn Emerson, unser Star der vergangenen Jahre, ist nach Katar gewechselt. Maric hat nach Anlaufschwierigkeiten langsam Fahrt aufgenommen und zuletzt dreimal in einem Spiel getroffen. Er dachte zu Beginn, er könne hier mit technischem Spiel locker mithalten. Ein Irrtum, da sehr schnell und diszipliniert gespielt wird. Daran musste er sich gewöhnen, hinzu kam ein Jochbeinbruch, den er sich gleich am Anfang zugezogen hatte.
11 Freunde: Wird sein Halbjahres-kontrakt denn verlängert?
Guido Buchwald: Er ist inzwischen hier in Japan angekommen und sehr beliebt bei den Fans und im Team. In den kommenden Wochen entscheidet sich seine Zukunft. Er muss sich einfach durch Leistung empfehlen.
11 Freunde: Haben sich in Ihrem Team deutsche Kabinenbräuche etabliert? Gemeinsames Warmmachen mit dem Co-Trainer und ähnliche Späße? Schließlich gibt es eine kleine Bundesligafraktion bei den Red Diamonds.
Guido Buchwald: Nein, das war auch nicht nötig. Alles läuft sehr professionell. Meine Spieler bekommen keine Vorgaben, wie sie sich warm zu machen haben. Einige beten, andere hören Musik.
11 Freunde: Die Unterschiede zwischen Deutschland und Japan sind also nicht der Rede wert?
Guido Buchwald: Sie sind tatsächlich nicht so gewaltig, wie man vielleicht anfangs denkt. In Japan ist der alltägliche Umgang mit den Mitmenschen nach meinem Empfinden angenehmer als in Deutschland. Die Leute hier sind unglaublich freundlich und hilfsbereit und trotz der Hektik, die in den Großstädten herrscht, sehr geduldig. Es klingt vielleicht komisch, aber in Sachen Ordnung, Zielstrebigkeit und Disziplin können sich die Deutschen eine Scheibe von den Japanern abschneiden.
11 Freunde: Hört sich an, als würden Sie Ihr Heimatland nicht sonderlich vermissen.
Guido Buchwald: Nein. In Tokio bekommt man ja alles, was man möchte. Wobei, in unserer Anfangszeit hat meine Frau Laugenbrezeln selbst gebacken, denn das hiesige Laugengebäck kann mit dem schwäbischem einfach nicht mithalten. Maultaschen genauso. Die bekommt man im Schwabenland einfach am besten hin, hier gibt es leider nur eine chinesische Variante.
11 Freunde: Wenn Sie also nicht die Gier nach passablen Maultaschen zurück nach Deutschland treibt, bleiben Sie noch ein paar Jahre in Fernost?
Guido Buchwald: Ich will irgendwann wieder in Deutschland arbeiten. Doch die Bedingungen müssen passen. Ich habe gemerkt, dass ich erfolgreich arbeiten und meine Vorstellungen vermitteln kann. Und die J-League ist hervorragend, um zu lernen. Auch Arsène Wenger kam aus Japan zu Arsenal und trainiert seit Jahren erfolgreich in der stärksten Liga der Welt. Und selbst ein alter Hase wie Ivica Osim, der inzwischen drei Jahre hier ist, hat nie geglaubt, dass ihn Japan weiterbringen würde. Er wurde eines Besseren belehrt, das hat er mir kürzlich gestanden.
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