27.10.2005

Fußball

Notdurft: Gelb ist die Hoffnung

Heikles Thema, aber wir sollten darüber sprechen: Wenn Fußballfans vor, während und nach dem Spiel zur Entleerung schreiten, ist das selten ein appetitliches Schauspiel. Man ist ja unter sich, also wird nicht umständlich nach der Keramik gesucht.

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Stuart Clarke
Wir waren kurz hinter dem Autobahnkreuz Kamen und fingen langsam an, uns Sorgen zu machen. Hinter uns im Bus zur Auswärtsfahrt saß nämlich einer, den wir wegen des erstaunlichen Überhangs seiner Schneidezähne „Steinbeißer“ nannten. Steinbeißer jedenfalls stöhnte: „Mann“ und blickte glasig. Zwei Minuten später hörten wir es wieder von nebenan röcheln: „Mann.“ Um schließlich weitere zwei Minuten später den Satz endlich zu vollenden: „Mann, muss ich pissen.“ Ein Satz von ungeschminkter Direktheit, den Steinbeißer da kurz vor Dortmund herausgepresst hat. Was dem Kollegen aber wahrscheinlich ziemlich egal war, wir waren nämlich bereits  zwei Stunden auf der Autobahn und der Busfahrer hatte weder Anstalten gemacht, einen Rastplatz anzufahren noch die Bordtoilette zur allgemeinen Nutzung freizugeben. Also stöhnte Steinbeißer seit eineinhalb Stunden gequält vor sich hin und formulierte nebenbei unbeabsichtigt ewige Gesetze. Denn es ist ja tatsächlich so: Fußballfans müssen eigentlich immer.

Jede Wand, jeder Baum, jede Bratwursthütte ist geeignet

Das ist nicht schön anzusehen, vor allem für Gelegenheitszuschauer, die als bleibende Erinnerung aus dem Fußballstadion nicht vornehmlich rassige Zweikämpfe und packende Kopfballduelle mitnehmen, sondern das Bild von dreißig Männern, die ordentlich aufgereiht die Betonwand einer Turnhalle bewässern. Diese Szenen sind so alt wie das Fußballspiel selbst. Denn der Fan hat zwar ein sehr gutes Verhältnis zum Bier, aber ein zerrüttetes Verhältnis zu seiner Blase. Was unschwer daran zu erkennen ist, dass pünktlich zum Anpfiff Anhänger mit geschätzten sieben Bierbechern in der Hand in den vollbesetzten Fanblock drängeln und die umstehenden Fans mit der Nachricht erfreuen „Ich muss nach ganz oben“ und derselbe Herr nur fünf Minuten später wieder aus dem eng gestaffelten Block heraus will, weil die Blase partout nicht mehr zu halten ist. Verschärft wird die ständige Notdurft durch den Umstand, dass Fans es immer eilig haben. Sie wollen die knapp bemessene Zeit vor dem Anpfiff und in der Halbzeit nicht in endlosen Warteschlangen vor öffentlichen WCs zubringen und sind deshalb bei der Wahl des Erleichterungsortes nicht sonderlich wählerisch. Jede Wand, jeder Baum, jede Rückseite einer Bratwursthütte ist geeignet, um die geplagte Blase zu leeren. Immerhin suchen sich die meisten Herren immerhin noch ein einigermaßen diskretes Örtchen und lockern nicht ausgerechnet am Hinterrad eines Mannschaftswagens der örtlichen Polizei oder am Kassenhäuschen für die VIP-Gäste den Hosenbund. Das Wasserlassen in aller Öffentlichkeit ist für die meisten Anhänger übrigens reine Routine. Man ist ja schon lange in dem Geschäft. Soll heißen, sie lassen sich nicht von anderen Tätigkeiten abhalten. Oft wird parallel zur kleinen Verrichtung die Stadionzeitung studiert, manch einer verzehrt auch in aller Seelenruhe seine Bratwurst und Könige der Zunft sind in der Lage, während der Verrichtung zugleich Bratwurst und Bier nicht nur zu halten, sondern auch zu vertilgen. Anderen wiederum erschwert der Alkohol bereits das Öffnen des eigenen Gürtels.
Immerhin, es hat sich einiges getan in den Stadien. Noch vor zehn Jahren gemahnten die Sanitärbereiche der meisten Spielstätten an verlassene Schweinezuchtbetriebe und nicht selten passierten Anhänger bedauerliche Missgeschicke wie in Meppen. Dort standen früher in Ermangelung ordentlicher Klos Dixi-Behelfstoiletten hinter der Gästekurve. Wer sich allerdings tatsächlich schamhaft in die blaue Tonne zwängte, bereute es bitter. Spaßvögel hielten die Tür zu, kippten die Box dreimal um die eigene Achse und schüttelten sie kräftig durch. Am Ende kroch der Benutzer einigermaßen verdattert und von oben bis unten mit Dixi-Chemikalien durchtränkt aus der Toilette, natürlich unter dem hässlichen Gelächter aller Umstehenden. Heute wird in manchen Stadien sogar der Handtuchbehälter von Spieltag zu Spieltag wieder aufgefüllt. Was allerdings nicht bedeutet, dass die Handtücher auch benutzt werden, dafür müssten zuvor ja die Hände gewaschen werden.
Während das Notdurftverhalten im Stadion vor allem die Unbeteiligten schockiert, sammeln die Fans selbst traumatische Erlebnisse insbesondere auf Fahrten mit dem Fanbus. Denn immer mal wieder wollen Busfahrer nicht begreifen, dass Anhänger, die gerade das Alkohollager eines mittelständischen Aldi-Marktes geentert haben, möglicherweise mehr Entleerungshalte benötigen als die ausgetrockneten Senioren, die er vorgestern zum André-Rieu-Konzert gefahren hat. Also wird stumpf an zehn geeigneten Rastplätzen vorbeigefahren und auf die dringlichen Bitten, wenigstens in der Nothaltebucht einen kurzen Stopp einzulegen, erst gar nicht geantwortet. Dann beginnen Stunden des Leidens, des Flehens, des Klagens. Dann sitzen fünfzig erwachsene Männer in den Sitzreihen und winseln, weil die sieben Dosen Ritterpils von eben nun mächtig auf Ausgang drängen.

Verzweifelt wurden große Mülleimer zweckentfremdet

 Unser persönliches Martyrium erlebten wir 1990 auf der Fahrt ins Eilenriede-Stadion zu Hannover, ein Aufstiegsrundenspiel gegen Havelse stand an. Weil aber gleichzeitig die Rolling Stones im Niedersachsenstadion spielten, war die Autobahn A2 hoffnungslos verstopft und die zehn Busse, die sich aus Bielefeld aufgemacht hatten, hatten bald allesamt das gleiche Problem: akuter Harndrang und kein Rastplatz weit und breit. In allen Bussen wurden darauf hin verzweifelt die großen Mülleimer zweckentfremdet, was allerdings auch nur fünf Insassen weiterhalf, dann war die Kapazität vollends erschöpft. Wir waren verzweifelt, durchforsteten zu allem entschlossen den Bus nach potentiellen Behältnissen, worauf die mitfahrenden 14-Jährigen in den ersten Busreihen ängstlich die Tupperdosen umklammerten, in denen Mama die Wurststullen für die Fahrt deponiert hatte. Am Ende, nach endlosen fünfzig Minuten und gefühlten drei Tagen, wurden die Busfahrer zu einem Nothalt an einer Autobahnbaustelle gezwungen. Dort standen dann etwa 600 Männer um eine Baugrube herum und erleichterten sich. Glückliche, strahlende, scherzende Männer. Ein schöner Tag, komm Welt, lass dich umarmen. Dumm allerdings, dass einer, den wir wegen seiner außerordentlichen Vorliebe für Hansa Pils  „Hans A.“ nannten, hinterher noch volltrunken in die Baugrube fiel und nur mühsam wieder herauskroch. Neben Hans blieb für den Rest der Fahrt ein Sitzplatz frei.

Gästefans neigen zur zwanghaften Markierung fremder Reviere

Weniger dramatisch gestalten sich in der Regel die Notdurft– szenen in Fanzügen. Toiletten gibt es genug und mindestens drei von fünf Kabinen sind auch erreichbar, ohne dass man sich von der Komakolonne in Waggon 7 als Blasenschwächling verhöhnen lassen muss („Er schon wieder. Warst du nicht eben schon mal, Vollvogel?“). Allerdings empfiehlt sich ein früher Besuch, denn mit steigendem Alkoholpegel verbarrikadieren sich gerne mal alte Haudegen auf der Toilette und reagieren auf drängendes Klopfen nur damit, dass sie ihre üppig tätowierte Faust kurz zum Türspalt herausstrecken. Keine weiteren Fragen. Nur hin und wieder kommt es zu bedauerlichen Versehen, wie dem  Missgeschick eines Hamburger Anhängers, der auf die Pipibox marschierte, anschließend allerdings etwas verwundert über das Interieur der Nasszelle war. Kein Wunder, er hatte irrtümlich die Schaffnerkabine aufgesucht. Zu wahren Notdurftexzessen kommt es dann nach der Ankunft, auf dem langen Marsch von Auswärtshorden zum Stadion. Denn wie Hunde neigen auch Gästefans zur zwanghaften Markierung fremder Reviere. Bei einem Auswärtsspiel von Rot-Weiß Essen in Duisburg erleichterten sich einmal gleichzeitig etwa vierzig Essener im Vorgarten eines verschüchterten Duisburger Rentners, der hin und wieder zaghaft durch die Gardine linste, aber keine Handhabe sah, mit dem Spazierstock gegen die Verwandlung seines Gartenparadieses in eine öffentliche Notdurftanstalt vorzugehen.
Auch Steinbeißer wurde noch gerettet. Kurz hinter Wuppertal hielt unser Bus endlich. Steinbeißer wankte heraus und hielt sich erst gar nicht damit auf, einen Baum zu suchen. Kaum hatte er den Gürtel gelockert, stöhnte er noch einmal: „Mann“. Es klang sehr erleichtert.



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