Fußball

Historie: Ausgemerzte Erinnerungen

Eine Studie seziert das Zusammenspiel zwischen NS-Regime und Fußballfunktionären. Nicht allein ideologische Nähe, sondern gezielte Begünstigungen des Verbandes und seiner Funktionsträger waren die Schmiermittel der unheiligen Allianz. Mittendrin Sepp Herberger, ein „Karrierist" Archiv
Heft #50 12 / 2005
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Im Jahre 1939 erschien das „Kicker-Bilderwerk“, ein Sammelbilder-Album als Ahnengalerie der bis dato eingesetzten Fußball-Nationalspieler. „Die deutsche Fußballgemeinde“, hieß es im pathetischen Vorwort der beiden „Kicker“-Chefredakteure Hanns J. Müllenbach und Dr. Friedebert Becker, „bleibt jenen Männern zu allen Zeiten dankbar, die einst das Trikot der deutschen Nationalmannschaft in Ehren getragen haben.“ Versehen waren die Viten der rund 400 abgebildeten Nationalspieler mit detaillierten Angaben – Ergebnis eines „nicht selten tage-, ja wochenlangen Forschens“, wie die Redaktion sich lobte. Zwei berühmte Namen allerdings fehlten. Der eine, Gottfried Fuchs (Jahrgang 1889), hält mit seinen zehn Toren beim 16:0 gegen Russland anno 1912 einen nationalen Rekord. Der zweite, Julius Hirsch (1892), zählte ebenfalls zu den Heroen der Kaiserzeit. Sie fehlten nicht zufällig. Sondern weil sie Juden waren.
Der Fußball war also keineswegs ausgespart von der Goebbelschen Order, nach der alles Jüdische aus den Annalen „auszumerzen“ war. Überliefert ist diese perfide „Austilgung der Erinnerung“ erstmals aus dem antiken Rom. Einige damalige Kaiser beließen es nicht bei der Hinrichtung eines Staatsverbrechers, sie ließen auch deren Namen aus allen Dokumenten löschen. Seit 1938 machten es ihnen die Nazis nach, gedanklich den Völkermord vorwegnehmend. Auch den von Julius Hirsch: „Juller“ wurde 1943 in Auschwitz umgebracht. Fuchs, 1937 nach Kanada ausgewandert, konnte sich retten.
Diese radikale NS-Geschichtspolitik wird in dem neuen Buch „Fußball unterm Hakenkreuz“ nur marginal verhandelt. Der Autor Nils Havemann konzentriert sich auf die Rolle des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) während des Nationalsozialismus. Der Dachverband hatte diese Studie im Jahre 2001 veranlasst, als er wegen seiner geschichtsvergessenen Festschrift zum 100. Geburtstag eine gehörige Tracht Prügel hatte einstecken müssen. Nicht wenige Kritiker hatten indes geunkt, dass der DFB als alleiniger Finanzier für den Inhalt der Studie großen Einfluss auf den Mainzer Historiker nehmen würde. Dies vorweg: Diese Befürchtungen haben sich als grundlos erwiesen. Im Gegenteil: Havemann hat, auch wenn über einige Dinge noch streiten wird, ein beinahe unangreifbares Standardwerk vorgelegt. Dieses Buch ist so unabhängig, wie es ein wissenschaftliches Werk nur sein kann. Der Autor ist nicht nur ein glänzender Stilist, der die teils komplexen Sachverhalte verständlich beschreiben kann. Er fasst nicht nur souverän den Forschungsstand zusammen. Er hat nicht nur soviel Archivmaterial wie bisher niemand zusammengetragen. Sondern er seziert die historischen Vorgänge auch mit einer Schonungslosigkeit, die einem manchmal den Atem raubt.

Die alten Funktionäre fühlten sich aufgewertet

Nehmen wir, um diese Strenge zu illustrieren, nur ein paar Zitate. Der DFB sei, so stellt Havemann fest, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise und im Nationalsozialismus „empfänglich“ gewesen für das Bild vom „geldversessenen“ Juden. Gemeinsame Wurzeln vergessen zu haben (Juden hatten den Verband 1900 mitgegründet), „in der Zeit der Krise statt nach Auswegen Zuflucht in den verbreiteten ‚Konkurrenzantisemitismus’ gesucht und mit der Pflege des Mythos vom immateriellen Sport die hochmoderne Ausrichtung des Verbandes verleugnet und verraten zu haben – darin bestand das Versagen.“ Einige Funktionäre identifizierten sich derart stark mit der NS-Herrschaft, „dass sie über Denunziantentum oder Hetze gegen Andersdenkende in ihrem Lebensbereich die Niedertracht des Systems mitverkörperten.“ Da werden einige Herren vom DFB ziemlich geschluckt haben, als sie das lasen.
Bisher ist das systemkonforme Wirken der DFB-Funktionäre im Dritten Reich mit ihrer ideologischen Nähe zu den Nazis begründet worden. Havemann bestreitet das und gewichtet wirtschaftliche Argumente stärker; den Kampf um Geld und Einfluss in der Frage der einzuführenden Profiliga; persönliche Motive wie Ehrgeiz. Der DFB und seine Funktionäre seien „aus der nationalsozialistischen Machtübernahme als Gewinner“ hervorgegangen. In der Tat ging der jahrelange Wunsch des seit 1925 amtierenden DFB-Präsidenten Felix Linnemann, die Konkurrenz aus dem Arbeitersport und den konfessionellen Fußballverbänden auszuschalten und eine Verbandseinheit herzustellen, 1933 in Erfüllung. Die alten Funktionäre um Linnemann fühlten sich aufgewertet. Und während der DFB früher oft vor der Pleite gestanden hatte, zählte die Fußball-Zentrale bald 140 Mitarbeiter. Die Nazis hätten sich die Zustimmung der Sportverbände letztlich erkauft, meint Havemann. Eine Argumentation, die stark an den Historiker Götz Aly erinnert. Der hat jüngst, in seinem kontrovers diskutierten Buch „Hitlers Volksstaat“, die These aufgestellt, das deutsche Volk habe sich nach 1933 gezielt mit den sozialen Wohltaten der Nazis korrumpieren lassen – und dabei die „Endlösung“ in der Judenfrage billigend in Kauf genommen.
Havemann nähert sich den Fußball-Funktionären unter anderem  biografisch. Nicht nur die Vita des DFB-Chefs Linnemann wird ausführlich verhandelt; wie unlängst nachgewiesen, war Linnemann seit 1939 als Chef der Kripoleitstelle Hannover und SS-Standartenführer direkt an der Verfolgung der Sinti und Roma beteiligt. Selbst mit „heiligen Kühen“ wie Sepp Herberger, der 1937 Nachfolger von Reichstrainer Otto Nerz wurde, geht Havemann hart ins Gericht. Er zeichnet den späteren Weltmeister-Trainer als „kühl kalkulierenden Karrieristen, der alle Entwicklungen in erster Linie danach beurteilte, welche Folgen sie für die eigene Laufbahn haben würden.“ Als Opportunisten.
Auch damit wird Havemann neue Diskussionen heraufbeschwören. Wenn der DFB nun, wie Präsident Theo Zwanziger angekündigt hat, „erst an einem Anfang steht und nicht am Ende“ und weitere Tagungen und Projekte anregt, dann ist das lobenswert. In mancherlei Hinsicht kommt diese Einsicht aber zu spät, wie der Fall Hirsch zeigt. Denn als 1988 ein Reprint des „Kicker“-Bilderwerks erschien, wurde zwar auf zwei Seiten aus dem Original verzichtet, die den „Führer“ und „Reichssportführer“ verherrlichten. Aber die niederträchtige Geschichtspolitik der Nazis wurde, wenn auch sicher unbeabsichtigt, fortgesetzt – die Namen der beiden jüdischen Nationalspieler wurden erneut ausgeblendet. Wenn man so will, starb Hirsch also im Jahre 1988 seinen drittem Tod: Nach 1939, als der „Kicker“ seinen Namen aus der Geschichte tilgte, und nach 1943, als er in Auschwitz ermordet wurde. Jetzt endlich, mit der Publikation der Studie, hat der DFB einen Julius-Hirsch-Preis ausgelobt. Das war aber auch wirklich an der Zeit.

Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Campus-Verlag, 473 Seiten, Frankfurt/New York 2005, 19,90 Euro



Text: Erik Eggers


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