Fußball

Tour: Hühner auf der Stange

Endlich raus aus der Stube: 13 Abende lang las sich 11 FREUNDE kreuz und quer durch die Republik. Ein Tour-Tagebuch von Jens Kirschneck, mit Dank an den unvergleichlichen Ischi, die Agentur Proton, alle lokalen Veranstalter und ungefähr 1500 Gäste. A
Heft #50 12 / 2005
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50
19.9. Hamburg – Knust
Eine Phrase zu Beginn: Aller Anfang ist schwer. Da geht es uns nicht anders als den Fußballern vor dem Saisonstart: Man weiß nicht, wo man steht. Wird überhaupt jemand kommen? Funktioniert das Programm? Und kriegen wir die blöde Technik in den Griff? Immerhin wird Köster angesichts unserer multimedialen Pläne (filmische und musikalische Einspieler, ein einigermaßen komplexes Ratespiel) auf der Bühne mit dem Laptop jonglieren müssen wie ein Kleinkünstler auf dem Provinzrummel mit seinen Bällen. An diesem Abend bleibt ihm das erspart, weil: Das Notebook hat keinen Draht zum Beamer. Warum? Keine Ahnung. Es wird viel telefoniert, doch die Leinwand bleibt schwarz. Oder blau. Wie auch immer. „Kann es sein“, sagt ein Techniker aus dem Knust, „das wir die ganze übliche Tourauftaktscheiße abkriegen?“ Ja. So ungefähr sieht es aus. Es ist dann aber doch ein schöner Abend geworden, der Hamburger goutiert eben auch das gesprochene Wort. Knapp 150 Leute sind gekommen, angeblich wären noch 50 mehr da gewesen, wenn 11-Freunde-Kolumnist und HSV-Fan (und -Aufsichtsrat) Axel Formeseyn nicht mitgemacht hätte. Dies ist St.-Pauli-Land. Als wir am Hotel eintreffen, ist von einer Reservierung auf unseren Namen nichts bekannt. Zwei Zimmer haben sie aber trotzdem noch frei.

20.9. Oldenburg – Kulturetage
An diesem Morgen lernen wir ein neues Wort: VGA-Kabel. Ein VGA-Kabel ist essentiell, damit das Notebook seinen Draht zum Beamer findet. Sagt der Mann vom Hamburger Apple-Shop. Warum wusste das eigentlich keiner von den kontaktierten Experten am Vorabend? Als wir zurück auf der Straße sind, ruft der „Artist Travel Service“ an und erkundigt sich besorgt nach unserem Befinden. Das Hamburger Golden Tulip Hotel hätte angerufen und gesagt, wir wären am Vorabend nicht erschienen. Golden Tulip? Wir waren im Pacific. Dabei hatte ich Köster noch in Berlin das Fax mit der Reservierung gegeben, doch das hatten wir gestern nicht finden können. Später telefoniert Köster mit seiner Freundin. „Er hat DIR das Fax mit der Reservierung gegeben?“, fragt sie. Und lacht Tränen. In Oldenburg kommen ein paar Leute weniger als in Hamburg, aber es ist ja auch eine kleinere Stadt. Der Saal hat den Charme eines VHS-Seminarraums, dementsprechend ist auch das Publikum: Studienräte und solche, die es werden wollen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: alles ganz reizende Menschen. Trotzdem fahren wir gleich nach dem Auftritt nach Bremen. Im Hotel Krone bewohnen wir mit unserem Tourbegleiter Ischi ein eigenes Appartement. Freundlicherweise hat das Personal, der guten Luft wegen, die Terrassentür offen stehen lassen, was Hunderte Mücken von der nahen Weser hereingelockt hat. Gottlob sind die aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit ziemlich schwach und stehen einer Massenexekution teilnahmslos gegenüber.

21.9. Bremen – Modernes
Bremen ist unsere letzte Chance. Die letzte Chance, eine vernünftige Aufnahme hinzubekommen. Von der Lesereise soll ein Hörbuch erscheinen, weshalb wir die ersten drei Tage von der Produktionsfirma Wortart begleitet werden, in Person der Chefin Anke und ihres Toningenieurs Martin. Martin, den wir intern Elvis nennen, weil er, nun ja, wie Elvis aussieht (mittlere Phase), neigt zu einem Gesichtsausdruck von der Sorte, was er denn nur verbrochen hat, dass er sich von solchen Leuten die Zeit stehlen lassen muss. Zumal wir wohl alles falsch machen: Fresse zu nah am Mikro, sich ständig gegenseitig ins Wort fallen, zu wenig neutrale Anmoderationen. Wir sind also nervös und damit nicht allein, denn auch Veranstalter Olli ist eifrig am Nägelkauen. Er hat Angst, dass zu wenig Leute kommen und er seine Eigentumswohnung verliert. Dann aber wird alles gut: Bremen erscheint so zahlreich, dass Olli sein Obdach behält, ist überdies sehr freundlich zu uns, und wir, diesmal verstärkt durch Lokalmatador Arnd Zeigler, sind, mit Verlaub, richtig gut. So gut, dass nach der Show etwas Unfassbares passiert. Elvis ringt sich ein Lächeln ab, reckt den Daumen nach oben und sagt: „Na, das wird dann wohl der Basisabend!“ Euphorisiert starten wir durch nach Berlin, wo wir den Wagen wechseln und unseren schnieken Renault-Transporter mit Navigationssystem gegen einen ollen Sprinter eintauschen müssen, weil: ach, egal.

22.9. Dresden – Groove Station
Wir begrüßen Dresden mit einem schmissigen „Hallo Leipzig!“, das kommt richtig gut an. Im Publikum sitzt Dynamos Verteidiger Volker Oppitz, muss aber zur Pause gehen. Zapfenstreich. Der Rest reizt die Sache aus, knapp drei Stunden sind ein neuer Rekord. Köster wird anschließend von eine attraktiven Dame belagert, das riecht erstmals nach Rock‘n‘Roll. Nachher stellt sich heraus, dass sie ihn lediglich für ein Charity-Projekt gewinnen will. Ich lasse mir derweil von einem Typen ausführlich seine Erlebnisse als Auswärtsfan von Chemie Leipzig berichten. Auch schön. Auf dem Weg zur Unterkunft treten Ischi und Kirschneck zu einem Straßenfußballmatch gegen Köster und Formeseyn an und unterliegen mit 2:3. So ist der Fußball, nicht immer gewinnt die bessere Mannschaft. Apropos Unterkunft: In Dresden schlafen wir nicht im Hotel, sondern in einer Künstlerwohnung in der Nähe des Clubs. „Die kenne ich“, hatte der routinierte Tourbegleiter Ischi gesagt, „die wird euch gefallen.“ Die Wohnung ist mit Second-Hand-Trash möbliert, die beiden Schlafräume sind mit durchgelegenen Etagenbetten versehen. Danke, Ischi. Aber andererseits kann uns auch das den Osten nicht mehr madig machen. Danke, Dresden.
23.9. Dortmund – FZW
Dass wir Formeseyn immer noch an der Backe haben, war eigentlich gar nicht vorgesehen. Ursprünglich sollte der Kollege nur in Hamburg und Oldenburg dabei sein, doch nun ist er angefixt. Der Applaus ist das Brot des Künstlers und Formeseyn ist richtig hungrig. Also war er in Dresden, also wird er auch in Dortmund dabei sein. Zu viert im Sprinter die knapp 500 Kilometer von Dresden nach Dortmund zu fahren, kommt nicht in Frage. Schließlich sitzt man in dem Gefährt ausschließlich in der ersten Reihe und wähnt sich selbst zu dritt als Käfighuhn auf der Stange. Also reisen Köster und Formeseyn mit dem Zug, während Ischi und ich lange Stunden auf der Autobahn verbringen. Ischi erzählt, dass er einen Teil seiner Brötchen damit verdient, indem er jedes Frühjahr quer durch die Republik fährt und Tennisplätze repariert, beziehungsweise: mit einem neuen Belag versieht. Gibt es eigentlich „Was bin ich“ noch? Das FZW in Dortmund ist ein sozialdemokratisches Jugendzentrum mit dem Charme eines... äh, sozialdemokratischen Jugendzentrums. Ausverkauft. Wieder annähernd drei Stunden Programm. Allmählich geht es an die Substanz.
24.9. Kassel – Caricatura
Ein Schlenker über Bielefeld ist für die DSC-Fans Köster und Kirschneck obligatorisch, um dabei zu sein, wie Arminia gegen Mönchengladbach drei Punkte holt. Doch Arminia holt keine drei Punkte. Arminia holt gar keinen. Arminia hat nicht einmal eine Torchance. Nachdenklich fahren wir nach Kassel, so wird das nichts mit dem Klassenerhalt. Der letzte Halbsatz ist übrigens ein Zitat aus einem Text über Auswärtsfahrten, den wir Abend für Abend vortragen und weist auf ein bestürzendes Phänomen hin. Die immer wiedergekäuten Geschichten verselbständigen sich allmählich und verfolgen einen als Fragmente bei Tag und bei Nacht. Bald wird es soweit sein, dass wir nur noch in Zitaten aus eigenen Texten reden. Dann wird es Zeit für den Zauberberg. In Kassel empfängt man uns tief deprimiert. Nicht etwa, weil man Arminia Bielefeld sonderlich nahe steht, sondern weil Hessen Kassel am Nachmittag das Oberligaderby gegen Baunatel 0:1 verloren hat. Da wissen wir: Alles im Leben ist relativ. Ungefähr 100 Kasseler wollen uns trotzdem sehen.
25.9. Bielefeld – Forum
Das VGA-Kabel ist weg. Und es ist Sonntag. Das ist keine gute Kombination, schon gar nicht beim Heimspiel. Während Köster den Soundcheck macht, jage ich mit einer Freundin quer durch die Stadt, auf der Suche nach solch einem verdammten Kabel. Ich erfahre, dass VGA nicht gleich VGA ist, es gibt alte und neue, für Mac und PC, mit Klinke und ohne, wahrscheinlich auch freundliche und schroffe. Bei der Mutter des Ex-Freundes der Freundin haben wir endlich Erfolg. Wir treffen zehn Minuten vor der Lesung wieder im Forum ein. Der Laden ist proppevoll, etwa 200 Leute. Da lassen wir uns auch nicht lumpen und sitzen fast dreieinhalb Stunden auf der Bühne. Nachdem er sich Kassel gespart hat, ist Formeseyn wieder dabei. Als er eine Anekdote über den berühmten Bielefelder Althauer Onkel Heini erzählt, wird es im Saal totenstill. Die Angst in den Köpfen.
26.9. Saarbrücken – Hellmut
Formeseyn macht Pause, der Mann ist schließlich Lehrer. Ich fahre trotzdem Zug, 450 Kilometer mit zwei anderen Hühnern auf der Stange sind einfach zuviel. Das „Hellmut“ ist Teil eines großen Veranstaltungskomplexes an einer hässlichen Ausfallstraße. Köster und ich gestehen es ungern ein, zum ersten Mal haben wir keine Lust. Den Saarbrückern scheint es ähnlich zu gehen, gerade mal 40 Leute (inklusive Gäste und Personal) sind da, so wenig wie nie. Man kann es ihnen nicht verdenken, trägt doch der örtliche 1. FC mit dem sagenhaften Torverhältnis von 2:21 die Rote Laterne der 2. Liga. „In Saarbrücken“, sagt die Frau an der Bar, „warten alle nur noch auf den Messias.“ Das sind wir nicht. Faszinierend ist aber, wie selbst solch ein Abend noch eine glückliche Wendung nehmen kann.
27.9. Köln – Subway
Das Subway ist ein kleiner Keller am Rande der Kölner Innenstadt. Der Betreiber hat für höchstens 50 bestuhlt, worum sich später 150 Besucher balgen werden. Der Rest steht, drei Stunden, kein Sauerstoff, auch beim Lesen droht Ohnmacht. Aber irgendwie ist es geil, vom Katzentisch, an den sie uns gesetzt haben, dieser menschlichen Mauer entgegen zu blicken.
28.9. Mannheim – Alte Feuerwache
Formeseyn muss früh raus. Nachdem er gestern zum Auftritt nach Köln gereist ist, fährt er nun zurück nach Hamburg, um abends wieder nach Mannheim zu kommen. Übermorgen wird er den HSV nach Kopenhagen begleiten. Danach wollte er eigentlich wieder zu uns stoßen, doch da hat seine Frau gedroht, die Scheidung einzureichen. Deshalb wird Mannheim seine Abschiedsvorstellung, was ein bisschen schade ist, weil der beachtlich dimensionierte Saal zwar gut gefüllt, doch der badische Mob nur schwer aus der Reserve zu locken ist. Tröstlich immerhin, wenn auch ein wenig gespenstisch, dass manche Gags unter jeden Umständen funktionieren. So hat Christian Wörns‘ angebliche E-Mail-Adresse maedchen@nationalelf noch immer für einen brüllenden Lacher gesorgt, ebenso Formeseyns präadoleszente Begegnung mit Manfred Kaltz („Hau ab, du Klotz!“) oder Kösters Beschreibung der „Legende“ in seiner Fan-Soziologie: „Er kann sich übergeben und gleichzeitig Bier trinken.“ Haa, haa, haa, haa, haa... Wir können nicht mehr.
29.9. Augsburg – Kerosin
Die Stimme funtioniert nur noch dank des massenhaften Konsums von Salbei-Bonbons. Weniger Alkohol und Zigaretten wären auch eine Lösung, aber in Augsburg wird daraus nichts. Einer der Gäste ist Markus Krapf, Manager des Regionalligisten FC Augsburg. Er erzählt von seinen Erlebnissen mit Arminias Ex-Coach Ernst Middendorp, als der noch Trainer in Augsburg war. Krapf zecht beachtlich, wir stehen nicht nach. Die halbe Nacht versuchen wir Middendorp in Südafrika anzurufen, wo er jetzt die Kaizer Chiefs Johannisburg trainiert, erreichen aber nur seine Mailbox: „Helo, sis is Ernst Middendorp.“ Schade.
30.9. München – Feierwerk
Nachmittags sind wir beim Radio. Der Wahnsinn ist mittlerweile unser Begleiter, und so schließen wir eine Wette ab, wonach jeder einen Satz aus dem Programm im Interview unterbringen muss. Köster: „Und wer ist der Mann in Schwarz?“ Ich: „Ja, gute Güte, das ist ja nun auch kein Wunder.“ Ich habe das Projekt aus den Augen verloren, als Köster am Schluss auf die Frage nach dem idealen Stadion antwortet: „Vor allem eng, nicht dass man rätselt, wo sind die Spieler und wer ist der Mann in Schwarz?“ Mein Herzschlag setzt aus. Der Radiomann moderiert ab, wünscht alles Gute, Köster muss einfach die Schnauze halten, doch er kann sich nicht beherrschen und faselt etwas von Cheerleadern, die er sich wünscht, darauf ich: „Ja, gute Güte, das ist ja nun auch kein Wunder, die haben wir uns auch verdient.“ So also hat sich ManU 1999 gegen die Bayern gefühlt. Nach dem Auftritt im Feierwerk feiern wir in unserer Künstlerwohnung, die diesmal piccobello ist, mit den reizenden Mitarbeiterinnen eine Party, die Köster mit dem Satz beendet: „Jetzt rauchen wir noch auf und dann gehen wir alle nach Hause.“ Wenn einer den Rock‘n‘Roll mit der Muttermilch aufgesogen hat, dann dieser Mann.
1.10. Stuttgart – Landespavillion
Stuttgart mag uns. Wir erwidern das. Das war‘s. Amen.


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