07.11.2005

Fußball

Linienrichter: Spielstand per Handy

Ob Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Zuschauer, Randalierer, Reporter und sonstige Experten – sämtliche Akteure des Fußballs sind schon unzähligen Analysen zum Opfer gefallen. Große Ausnahme sind die Klub-Linienrichter. Manfred Weise löscht einen weißen Fleck des Fußballs.

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Manfred Weise
Ohne sie stände der Fußball still. Ohne sie fiele die Mehrheit der Fußballspiele auf unserem Planeten ins Wasser. Die Rede ist von Vereins-Linienrichtern, im Englischen „club linesmen“ genannt. Ein nationales Beispiel gefällig? Egal, ob in den Kreisklassen, bei Spielen älterer Jugendmannschaften, in den Alte-Herren-Ligen oder im regionalen Frauenfußball – in all diesen Klassen bieten die 21 regionalen Fußballverbände des Deutschen Fußballbundes (DFB) nur einen Schiedsrichter auf, aber keine Linienrichter. Die müssen von der Heim- und Gastmannschaft gestellt werden.
Dies gilt schätzungsweise für die Hälfte der 85 000 Spiele, die an einem Wochenende unter dem Dach des DFB stattfinden. Bei 42 500 Spielen macht das ungefähr 85 000 Mann. Eine genaue Zahl lässt sich nicht eruieren, weil einheitliche Regelungen fehlen. „In einigen Landesverbänden werden die Spiele erst ab Landesliga mit neutralen Assistenten besetzt, während dies in anderen bereits ab der Bezirks- oder Kreisklasse geschieht“, erklärt Hellmut Krug, Leiter der Schiedsrichter-Abteilung des DFB. Zudem finden sich im Jugendfußball unterschiedliche Regeln: Während der eine Verband gar keine Linienrichter (außer in den Spitzenligen) kennt, schreiben andere von der C-Jugend an Klub-Linienrichter vor.

Stolz und Ehre an der Linie

Das mit den 85 000 Mann stimmt so nicht, weil vereinzelt eine Fußballbraut oder die Tochter des Trainers mithilft, dass sich der Amateur- und Jugendfußball über Freiwilligenarbeit selbst organisiert. In den meisten Fällen fungieren abwechselnd ältere Vereinsmitglieder, Verwandte, Bekannte oder Betreuer als Vereins-Linienrichter. Früher war das anders – wenigstens bei den Aktivmannschaften. Vor 30, 40 Jahren stand nicht wenigen Mannschaften eine Person nahe, die bei jedem Heim- und Auswärtsspiel das Linienrichteramt übernahm. „Bis in die 70er Jahre hatten 80 Prozent der Vereine der Bezirksliga und 2. Amateurliga Südbaden ihren Klub-Linienrichter. Über die Jahre kannte man sich. Sie waren fast wie Bekannte“, erinnert sich der 81-jährige Ex-Schiedsrichter Helmut Gänssle (FC Konstanz) zurück. Für viele war die Tätigkeit nicht nur ein wichtiges Hobby, es erfüllte sie mit Stolz.
Bisweilen waren echte Originale darunter, an die sich die ältesten Vereinsmitglieder heute noch vage erinnern. Wie etwa der Platzwart, der streng und mürrisch an der Außenlinie stand und jahrelang keinen anderen winken ließ, um dann nach dem Spiel seinen großen Durst zu löschen. Überhaupt scheint das Linienrichtern in den 50er und 60er Jahren zu den Aufgaben vieler Platzwarte gehört zu haben. Mittlerweile ist diese Spezies von der Bildfläche verschwunden, da städtische Mitarbeiter die Plätze in Schuss halten. Etwas flacher hält Dietrich Weise (Ex-Bundesliga- und DFB-Trainer) den Ball: „Originale, ja selbst regelmäßige Freiwillige waren schon vor 50 Jahren eher in der Minderheit. Meistens wurde jemandem, der halt gerade da war, die Fahne in die Hand gedrückt. Nicht immer zur Freude des Auserwählten.“
Vereinzelt finden sich treue Klub-Linienrichter heute noch – wie der 60-jährige Helmut Schwaier. Der Kassierer einer Autobahnraststätte amtete von 1978 bis 2004 als freiwilliger Linienrichter der ersten Mannschaft der SG Riedrode (Bezirksliga Darmstadt Süd) und versäumte in den 26 Jahren beinahe kein Spiel. „Früher waren nicht wenige Auswärtsspiele gemeinschaftliche Ausflüge, an denen Spieler, der freiwillige und ehrenamtliche Linienrichter, Frauen und Verwandte teilnahmen“, sagt Schwaier. Mittlerweile komme kaum noch jemand extra zum Winken, nicht einmal zum Heimspiel. Die Zeiten der Klubehre, der Identifikation und des Gemeinschaftserlebnisses sind Vergangenheit, genauso wie der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaften zurück gegangen ist. Damit sind die Bedingungen verloren gegangen, unter denen einst der vereinsstolze Linienrichter und das Original gedeihen konnten.
Ob der verblassenden Vereinsidentifikation hat der Schweizer Verein FC Volketswil ein interessantes Modell entwickelt: Dort werden zwei Jugendliche der C-Jugendmannschaft aufgeboten, um bei den Heimspielen der unterklassigen 1. Mannschaft als Linienrichter tätig zu sein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen wird etwas für den Zusammenhalt getan, zum anderen können die Jugendlichen von den Spielern der ersten Mannschaft lernen. Und ein Spiel aus einer anderen Perspektive zu sehen, weckt das Verständnis für schiedsrichterliche Aufgaben.
Gleichzeitig ist die Außenlinie der einzige Ort auf dem Spielfeld, der den Zigarette oder Zigarre rauchenden Akteur kennt. Eigentlich ist das Rauchen aus sportlichen Gründen verboten. Schiedsrichter Andreas Hessok aus Friedrichshafen schreitet da sofort ein: „Das kommt ab und zu mal vor. Ich gehe dann hin und sage, dass er nach dem Spiel rauchen kann.“ Andere drücken da schon mal ein Auge zu. Lieber ein qualmender Linienrichter, der seine Sache gut macht, als ein Linienrichter, der unaufmerksam ist und ununterbrochen mit den Zuschauern quatscht. Kein Novum mehr ist auch der telefonierende Linienrichter, der per Handy Daheimgebliebenen den Spielstand übermittelt.

Eigentümliche Rekrutierungsprozesse

Im Vergleich zu neutralen treten die vereinsgebundenen Linienmänner – weltweit dürfte ihre Zahl an Spielwochenenden bei 1,5 Millionen liegen – in Straßenkleidung an. Die eigentümlichen Rekrutierungsprozesse schließen ein Umziehen aus. Vielfach weist der Schiedsrichter Sekunden vor dem Einlaufen der Mannschaften die Spielführer darauf hin, dass noch Linienrichter fehlen. Dann geht alles ruckzuck. Wer? Ein Blick. Widerrede hat keine Chance. Wenn keine Zuschauer oder Bekannte da sind, müssen sogar Ersatzspieler ran. Pech, wenn ein eisiger Wind über den Sportplatz fegt oder es aus Kübeln regnet.
Was viele nicht wissen: Die Aufgaben der vereinsgebundenen Linienrichter sind stark eingeschränkt. Sie zeigen dem Schiedsrichter mit dem Heben der Fahne und der Richtungsanzeige nur an, ob ein Ball die Außenlinie überschritten oder wer Einwurf hat. Über Fouls, Abseits und Tätlichkeiten entscheidet allein der Schiedsrichter. Im Gegensatz zum Klub-Linienrichter ist der neutrale, vom Verband gestellte Linienrichter auch für Abseitsstellungen und regelwidriges Verhalten fern des Blickfeldes des Schiedsrichters zuständig. Nichtsdestotrotz diskutieren viele Zuschauer gerne über Fehlentscheidungen der Freiwilligen an der Außenlinie.

Seltene Bevorteilung

Dass Klub-Linienrichter die eigene Mannschaft bevorteilen, ist selten. „Zu 97 Prozent verhalten sich die Vereins-Linienrichter korrekt“, erklärt Andreas Hessok. Er hat in seiner langjährigen Schiedsrichterlaufbahn nie Schwierigkeiten mit freiwilligen Linienrichtern gehabt. Für Helmut Schwaier „war es immer Ehrensache, das Aus richtig anzuzeigen.“ Häufiger kommt es vor, dass Spieler mit der Entscheidung des „eigenen“ Linienrichters unzufrieden sind. Nicht ungewöhnlich sind auch Vorwürfe der Balltreter an die Klub-Linienrichter wegen nicht gegebenem Abseits, obwohl die gar nicht zuständig sind.
Auf jeden Fall kann jeder Klub-Linienrichter auf eine jahrhundertealte Tradition seiner Zunft zurückblicken. Die ersten Linienrichter – eingeführt wurden die Linesmen 1891 – der britischen Football League (heute: Premier League) und der Konkurrenzliga Southern League waren Klub-Linienrichter. Die Southern League ersetzte die Vereins-Linienrichter erst 1899 durch neutrale Linienmänner.


Text: Manfred Weise


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