Fußball

Biermann: Die richtige Temperatur

Unser Briefkastenonkel Christoph Biermann über den Pilotenschein von Thomas Doll, über Jürgen Klinsmanns Konsequenz und die Phantomschmerzen der Fans von Bayer Leverkusen. Imago
Heft #50 12 / 2005
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1. Ist der HSV nur eine Schwalbe für einen Sommer oder dauert der Höhenflug an?Sven Prudenz, Berlin

Eigentlich würde ich mich gerne in dieser Frage für nicht zuständig erklären, weil ich den HSV in dieser Saison bislang im Stadion noch nicht gesehen habe. Allerdings ist auch aus der Ferne deutlich erkennbar, dass Thomas Doll ein sensationeller Umbau des Teams gelungen ist. Wirkte der HSV in der Vergangenheit oft wie eine launische Söldnertruppe, ist davon nichts mehr zu spüren. So scheint dieser Trainer auf jeden Fall schon einmal der richtige Pilot für einen Höhenflug zu sein, zumal jeder Satz, den er sagt, passt. Für einen Immer-Noch-Neuling als Bundesligatrainer wirkt Doll erstaunlich klug und abgeklärt. Jetzt muss er sich bei Gelegenheit nur noch beim Marsch durch eine Talsohle bewähren, dann könnte das in Hamburg mittelfristig wirklich etwas mit der Rückkehr zu alter Größe werden.

2. Erst sagt Bundestrainer Klinsmann, es sollen keine Bankdrücker in der Nationalelf auflaufen, nun will er davon scheinbar nichts mehr wissen. Ist er noch glaubwürdig?
Anja Bäumer, Herford
Ja, denn es war von vornherein klar, dass es auf einigen Positionen knapp werden würde mit der Stammplatzforderung. Außerdem ist der Kreis der betroffenen Spieler mit Huth, Schweinsteiger, Deisler und Hitzlsperger ziemlich übersichtlich und deren Situation im Klub nun wirklich noch nicht abschließend geklärt. Klinsmanns Beharren auf Robert Huth etwa könnte man auch als unausgesprochene Verlängerung der Stammplatzfrist verstehen, denn vielleicht lässt sich der Reservist von Chelsea demnächst zum FC Schalke 04 oder anderswohin ausleihen. Spannend wird es zudem sowieso erst in den letzten Wochen vor der WM. Dann erst wird sich zeigen, ob Klinsmann bei der Auswahl seiner ersten Elf wirklich auf Reservisten im Verein zurückgreift oder doch eher auf jene Jungs setzt, die mit Spielpraxis zum Nationalteam kommen.

3. Holzhäuser flüchtet aus dem Stadion, Nowotny darf kein Spiel mehr für Bayer bestreiten. Hängt der Schatten von „Calli“ immer noch über der BayArena?
Christoph Hambach, Dorsten

Ja, und das in gleich mehrfacher Hinsicht. Einerseits hatte Reiner Calmund den byzantinischen Stil der Vereinsführung mit zu verantworten, wie etwa die atemberaubenden Konditionen des umstrittenen Vertrags von Jens Nowotny gezeigt haben. Doch sein Abgang hat bei den Fans in Leverkusen noch immer spürbaren Phantomschmerz hinterlassen. Erstaunlicherweise wirkt der Klub trotz Rudi Völler wieder so kalt und kalkuliert wie einst. Aber der nun erste Mann der Bayer Leverkusen Fußball GmbH, Wolfgang Holzhäuser, findet einfach nicht die richtige Temperatur fürs Fußballgeschäft, das eben auch immer eine emotionale Komponente hat. Außerdem ist er nicht der Protagonist des Neuanfangs, als der er sich stets präsentiert, sondern für vergangene Überschuldungen mitverantwortlich. Kurzprognose: Das wird noch schwierig werden.

Auch eine knifflige Fußballfrage? Christoph Biermann ist bemüht zu helfen, unter christoph@11freunde.de

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