31.10.2005

Fußball

Interview: Hans Leyendecker

Hans Leyendecker ist Leitender politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung und einer der berühmtesten Rechercheure Deutschlands. Dem Fußball hat sich der investigative Journalist und bekennende BVB-Anhänger bislang allerdings nur sporadisch gewidmet.

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Frank Crosby
11 Freunde: Hans Leyendecker, Ihre Neigung zum investigativen Journalismus haben Sie schon früh ausgelebt, auch im Fußball. Bei der WM 1974 haben Sie sich als „McDiarmid“ ausgegeben und sind bei Schottland-Zaire in den schottischen Fanblock untergetaucht. Warum?
Hans Leyendecker: Die Idee war, die Gastfreundschaft der Deutschen auszuloten. Ich hatte lange Haare, ich war blond, trug einen Schnurrbart – kurz: Ich sah ein bisschen wie der typische Schotte aus. Kilt, karierte Jacke und Mütze holte ich mir aus einem Theaterfundus. Die Deutschen haben mich als angeblichen Gast sehr freundlich behandelt, und ich lernte einen neuen Song: „Scotland will win the cup.“ War eine schöne Geschichte.
11 Freunde: Fußballfan waren Sie aber vorher schon?
Leyendecker: Mein Verein ist Borussia Dortmund, seit der ersten Deutschen Meisterschaft 1956. Ich habe als Kind bei meinem Großvater immer die Rundfunkübertragungen gehört...
11 Freunde: ...Kurt Brumme, die Stimme des Westens...
Leyendecker: ...genau. Jeder hat ja so seinen Punkt, wie er zu seinem Verein findet. Bei mir war das die Saison 1954/1955,  ein Spiel mit Kwiatkowski, Preißler, Sandmann, Bracht. Ich kriege die Namen fast alle noch hin. Danach fand ich Dortmund toll. Und als ich in Dortmund arbeitete, bei der Westfälischen Rundschau, da ging man auf die Stehtribüne, auch in der Zeit der beiden bösen Jahre in der Zweiten Liga in den 70er Jahren. So habe ich mich immer als Borusse gefühlt und mich gefreut, wenn Schalke verlor – nur nicht, wenn die auch noch gegen Bayern München verloren.
11 Freunde: War diese Fangeschichte der Grund, warum Sie beim großen BVB-Finanzskandal nicht in die Berichterstattung eingestiegen sind?
Leyendecker: Nee. Das lief doch sehr gut bei den Kollegen. Der Dortmunder SZ-Korrespondent Freddie Röckenhaus rief mich mal an und fragte irgendwas. Da habe ich dem gesagt: Ihr müsst so gute Informanten haben, dass es Quatsch wäre, wenn ich dazu käme. Und das Erstaunliche in diesem Fall war: Er hat mit einem Kollegen von einem anderen Blatt zusammengearbeitet...
11 Freunde: …Thomas Hennecke vom Kicker…
Leyendecker: …und die beiden waren ja keine Spezialisten für investigativen Journalismus. Die haben zu Recht für ihre Arbeit den Henri-Nannen-Preis bekommen.   
11 Freunde: Röckenhaus ist ebenfalls BVB-Fan.
Leyendecker: Ja. Ich glaube, er hat auch so heftig an dieser Geschichte gearbeitet, weil er fand: Die machen meinen Verein kaputt. Zugegeben, das ist eines der ungewöhnlichsten Motive, sich in ein Thema zu verbeißen. Aber das haben die beiden wirklich großartig gemacht, gerade vor dem Hintergrund der schwierigen Nachrichtenlage und den Anfeindungen im Stadion. So muss Journalismus sein. Ich zum Beispiel bin SPD-Wähler und habe schon viele Geschichten gegen die SPD gemacht. Das muss man trennen als Journalist.
11 Freunde: Aber erstaunlich ist doch, dass Skandale zumeist nicht von Sportjournalisten aufgedeckt werden. Die Affäre um Hoyzer kam aus der Schiedsrichter-Ecke und die „Daum-Affäre“ hat Uli Hoeneß angestoßen.
Leyendecker: Ich möchte daran erinnern, dass die Süddeutsche Zeitung schon im Dezember 2004, also vor den Hinweisen der Schiedsrichter auf Unregelmäßigkeiten, über mögliche Manipulationen bei Spielen der Zweiten Bundesliga berichtet hatte. Zu Daum: Dem ist viel Unrecht widerfahren. Wenn man erlebt, dass einer wegen ein paar Gramm Kokain dreißig Verhandlungstage durch die Hauptverhandlung geschleppt wird, ist das schon abenteuerlich. Da ist in Koblenz fast ein mittelalterliches Strafgericht abgehalten worden. Aber egal, wie bekloppt der Daum war, diese Haarprobe abzugeben, wie mit ihm umgegangen wurde - und dazu hat Uli Hoeneß mit all seiner Emotionalität auch ein Stück beigetragen - das war nicht in Ordnung. Dazu kam die reine Mediengeilheit der Staatsanwälte. Daum ist wirklich kein Unschuldslamm, aber in dieser Affäre war er mehr Opfer als Täter.
11 Freunde: Nochmal zurück zur Frage: Warum existiert in Deutschland so gut wie kein investigativer Fußballjournalismus?
Leyendecker: Es gibt im recherchierenden Genre des Sportjournalismus in Deutschland vielleicht nur fünf Leute, die solche Scoops ans Licht fördern. Ganz vorne sind die Kollegen Thomas Kistner von der SZ und Jens Weinreich von der Berliner Zeitung.
11 Freunde: Die konzentrieren sich auf das Internationale Olympische Komitee (IOC) und andere Sportarten. Die machen kaum Fußball.
Leyendecker: Stimmt, Fußball ist auch ein spezieller Fall. Es ist hier einfach so: Mancher möchte nicht offensiv sein, nicht enthüllen, sondern nur früher  als die Konkurrenz die Mannschaftsaufstellung erfahren.
11 Freunde: Woran liegt das?
Leyendecker: Das liegt einerseits daran, dass viele Sportreporter Fans sind und sich dann auch so verstehen: Wenn Schlechtes über einen Verein  in der Zeitung steht, dann schadet das meiner Mannschaft. Das Zweite ist: Der Sportjournalismus hat eine andere Berufsgrundlage. Es kommen viele aus dem Sportbereich da rein. Und sie machen nicht, was im normalen Journalismus mittlerweile durchaus gängig ist – Kurse übers Recherchieren, investigativen Journalismus. Deswegen haben es Sportressorts nicht leicht, wirklich recherchierende Sport-reporter zu finden. Und das Dritte, was ich falsch finde: Bei den großen Magazinen und Tageszeitungen sind die Sportjournalisten oft nicht so wichtig wie ihre Kollegen in der Politik oder im Feuilletonressort. Gerade beim Spiegel, der immer über herausragende Sportreporter verfügt hat, ist auffällig, dass viele aus dem Sport in andere Ressorts gedrängt sind. Klaus Brinkbäumer, Udo Ludwig, Mathias Geyer zum Beispiel. Irgendwann genügte der Sport ihnen nicht mehr und sie wollten etwas anderes machen.
11 Freunde: Beim Boulevard bleiben die Fußballjournalisten ewig.
Leyendecker: Aber wenn sie, wie oft bei der Bild-Zeitung, nur über einen Verein berichten müssen, dann entstehen komische Situationen. Diese Journalisten müssen, das ist der Ansatz von Bild, mehr erfahren als alle anderen Kollegen, sie müssen früher dran sein. Und sie versuchen auch häufig, selbst eine Machtposition aufzubauen. Das ist gerade bei Schalke 04 wieder zu beobachten, mit diesen Geschichten über Rangnick und Assauer. Dagegen meutern aber auch Leute, ich denke an Mönchengladbach, wo der Trainer Hans Meyer dagegen revoltiert hat. Und es gibt noch einen anderen Grund, dass die Bild-Leute nicht wirklich ernsthaft recherchieren können. Denn wenn sie mit dem Verein überhaupt nicht mehr zurecht kommen, müssen sie gehen, so wie damals in Mönchengladbach. Deswegen hat der Sportjournalismus andere Gesetzmäßigkeiten als der Parlamentsjournalismus.
11 Freunde: In den USA wird konsequent reagiert. Im Balco-Dopingskandal etwa zogen die Zeitungen ihre Sportreporter ab und schickten politische Enthüllungskommandos nach San Francisco.
Leyendecker: Der Fall Dortmund zeigt ja, dass es auch anders geht. Aber in der Tat: Der Sportjournalismus ist eben nicht so geübt in diesen Dingen. Hier gibt es noch die Attitüde: Ich beschmutze nicht das Nest. Aber ich finde diese Sportjournalisten abenteuerlich, die sich als Claqueure des jeweiligen Vereins oder Trainer empfinden. Natürlich, man geht ins Stadion, man leidet mit, man ist traurig. Aber so wie ein politischer Journalist wissen muss, dass er nicht gewählt ist, muss ein Sportjournalist erkennen, dass er nicht Teil des Vereins ist.
11 Freunde: In der Politik ist das normal, da werden Enthüllungsgeschichten und kritische Leitartikel sogar erwartet.
Leyendecker: Na ja, da bin ich mir auch nicht so sicher. Aber im Sport gibt es schon ein paar Besonderheiten:  Die Pressekarten für die Bundesligaspiele sind jahrelang von beauftragten Lokaljournalisten verteilt worden, die dann auch so ein bisschen Macht haben. Da kommt dann der Chefredakteur und sagt: „Hast du nicht mal zwei Karten für mich, ich hab’ da einen guten Freund.“ Innerhalb der Hierarchie der Blätter, wo die Sportjournalisten nicht ganz vorne sind, ist das gewissermaßen eine korruptive Aufwertung. Es gibt also Faktoren, warum sich Sportjournalisten manchmal von anderen Journalisten unterscheiden. Andererseits gibt es im Arbeitsgebiet Sportjournalismus sehr unterschiedliche Aufgaben. Die Lokaljournalisten haben andere Probleme als die Kollegen der großen Blätter. Beim Hörfunk geht es anders zu als beim Fernsehen. In Ihrem Blatt wird anders gefragt als beim Kicker. Es gibt alle Spielarten – es gibt Kumpanei, aber auch hervorragenden Journalismus. Ich finde beispielsweise, dass viel mehr als früher gut erzählte Geschichten geschrieben und gedruckt werden. Alles in allem aber gilt: Man ist mehr darauf aus, mit den Leuten weiter zurecht zu kommen. Und das Fan-Sein bestimmt das Sein.


Interview: Erik Eggers


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