16.11.2005

Fußball

Historie: Oldenburger Luftschlösser

Schlag nach bei Hardy (5): Fußball-Historiker Hardy Grüne erzählt von einem Provinzklub, der einmal in seiner Historie die Chance hatte, es nach ganz oben zu schaffen. Mit dabei: ein bekannter Zigarrenraucher und der spätere Nationalcoach von Bahrain.

Text:
Bild:
Archiv
Kürzlich trat der VfB Oldenburg in der Niedersachsenliga Staffel West beim TuS Pewsum an. Pewsum liegt nicht weit von Emden entfernt und kommt auf wohlwollend 3400 Einwohner. Früher wäre man da bestenfalls zu einem Freundschaftsspiel hingefahren. Vor dreizehn Jahren stand der VfB Oldenburg nämlich noch kurz vor der Bundesliga. Der 1. Bundesliga! Es war diese eigentümliche Saison 1991/92, als die Vereinigung von West und Ost in der 2. Liga zu einer Spaltung in Nord und Süd geführt hatte. Oldenburg gehörte der Nordstaffel an und tummelte sich etwas überraschend in der Spitzengruppe. Das war neben Trainer Wolfgang Sidka vor allem Manager Rudi Assauer zu verdanken, der hochbegabte Fußballprofis wie den tschechischen Sturmführer Radek Drulak sowie Ex-DDR-Nationalspieler Wolfgang „Matze“ Steinbach in die verschlafene Provinzstadt gelockt hatte. Dass man schließlich sogar um den Aufstieg mitspielen würde, war allerdings lange Zeit nicht abzusehen gewesen. Gemeinsam mit ein paar anderen Teams hatten sich die Oldenburger zwar unter die Verfolger von Spitzenreiter Uerdingen gemischt, rückten aber erst in dem Moment ins Blickfeld, als sie Hannover 96 mit 5:0 vom Platz fegten. Damit schüttelte man nicht nur einen Verfolger ab, sondern tankte gehörig Selbstvertrauen und gewann die Erkenntnis, dass in dieser Saison „alles“ möglich war. Das Saisonfinale hatte es in sich. Während der VfB am vorletzten Spieltag mit einem 1:0 über Hertha BSC auf Kurs blieb, machte ausgerechnet der in Oldenburg nicht sonderlich beliebte Nachbar SV Meppen die Titelfrage wieder spannend, als er mit 1:0 in Uerdingen gewann. Dass der VfB zu seinem Schlussspiel just nach Meppen musste, erleichterte lediglich die Anreise. Über 6000 Oldenburger Anhänger überbrückten die rund 100 Kilometer voller Hoffnung, in der Heimstatt des Rivalen den größten Triumph der Vereinsgeschichte feiern zu können. „Eine solche Chance kommt vielleicht nie mehr wieder“, konstatierte VfB-Libero Jörg „Waffel“ Wawrzyniak derweil und stellte kurzerhand fest: „Wir wollen den Aufstieg.“ Den wollte auch Vizepräsident Klaus Baumgart, Schlagerfreunden bekannt als der etwas fülligere Part des Gesangsduos „Klaus & Klaus“ („An der Nordseeküste“), sowie VfB-Präsident Klaus Berster, ein pikanterweise aus Krefeld stammender Ex-Eishockeyspieler. Die Hoffnungen ruhten aber nicht nur auf der eigenen Mannschaft, sondern auch auf der des FC St. Pauli. Die nämlich würde Uerdingen schlagen müssen, sollten die Oldenburger Erstligaträume wahr werden können. Wie heute bekannt ist, klappte es nicht. Oldenburg gewann zwar mit 2:0 in Meppen, doch Uerdingen schnürte den Aufstiegssack mit einem torlosen Remis in Hamburg zu und kehrte zum vierten Mal ins Oberhaus zurück. Der Beinahe-Überraschungsaufsteiger VfB Oldenburg hingegen stieg in der nächsten Saison in Liga drei ab und geriet bedrohlich nahe an einen Besuch beim Konkursrichter. Es dürfte die VfB-Fans nicht trösten, dass es den Uerdingern heute kaum besser geht...


Weitere interessante Texte in Heft 49, jetzt am Kiosk!

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden