Fußball

Mit Erfolg auseinanderbrechen

Ein Kleinverein in der Champions League: Der FC Thun schaltete in der Qualifikation zur Königsklasse zahlreiche Hochkaräter aus und fordert nun Ajax und Arsenal. Doch im Berner Oberland gibt man sich gelassen, man hat sich in den vergangenen Jahren schon an Wunder gewöhnt. Imago
Heft #49 11 / 2005
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Am Abend des großen Triumphes lagen Freud und Leid nahe beieinander. Im ausverkauften Stade de Suisse blieben bei der Partie FC Thun gegen Malmö FF viele Sitze leer. Ticket-Inhaber mussten aufgrund des Hochwassers in der Region Bern von einem Besuch absehen. Auch die Mannschaft war in der Vorbereitung auf das letzte Champions-League-Qualifikationsspiel durch die Flut empfindlich gestört worden. Das heimische Lachen-Stadion stand unter Wasser, die Spieler konnten ihr Hotel nur mit Hilfe von Militärfahrzeugen verlassen. Vielleicht waren es gerade die betrüblichen Umstände, die dafür sorgten, dass unter den Spielern keine Nervosität aufkam. Auf dem Platz erweckte der FC Thun jedenfalls nie den Anschein, als ob er das Spiel gegen den schwedischen Meister verlieren könnte. Die Thuner fanden die Balance zwischen Offensive und Defensive und machten das, was die Fans auf einem Transparent gefordert hatten: „Z’Unmüglächä mügläch“ – das Unmögliche möglich machen. 66 Minuten waren gespielt, als Thun-Stürmer Mauro Lustrinelli mit einem Kunstschuss aus 35 Metern das 3:0 erzielte. Der kleine FC Thun war angekommen – in der Champions League.
Der Aufstieg des FC Thun in die europäische Königsklasse mutet surreal an. Ein beschaulicher Klub aus der elftgrößten Stadt der Schweiz, Jahresbudget 5,1 Millionen Franken, schaltet der Reihe nach Dynamo Kiew und Malmö FF aus und spielt sich in den Kreis der 32 besten Mannschaften Europas. Doch wie konnte dieser Verein, der vor nicht so langer Zeit noch gegen Bümpliz und Le Locle um Punkte kämpfte, für eine der größten Sensationen des europäischen Klubfußballs sorgen? Die Erfolgsgeschichte des FC Thun ist keine Chronik der Unlogik. Sie ist vielmehr ein Beispiel, wie auch ein kleiner Klub mit Realismus und einer bodenständigen Strategie das Glück auf seine Seite zwingen kann. Ein wichtiger Faktor des Thuner Erfolgs ist die Kontinuität. In vielen Vereinen beginnt der Abschied des Trainers in jenem Moment, in dem er ankommt. Nicht so in Thun. Lediglich vier Coaches waren in den letzten zehn Jahren im Berner Oberland tätig. In diesem Zeitraum stieß der Verein aus der dritthöchsten Spielklasse an die Schweizer Spitze vor. Der ehemalige Dortmunder Andy Egli führte den Klub 1997 nach 27 Jahren zurück in die Nationalliga B. Mit dem Ex-Internationalen Georges Bregy gelangte der Verein an die Schwelle zur Nationalliga A. Und unter der Ägide Hanspeter Latours stieß Thun 2002 die Tür zur Beletage des Schweizer Fußballs auf.

Ex-Trainer Latour: „Wir trainieren so hart wie Real Madrid“

Der gebürtige Thuner war der richtige Mann am rechten Platz. Latour, ein fordernder Coach mit einem Flair für schlichte Symbolik, übertrug nicht nur seine Leidenschaft auf die Spieler, sondern lehrte sie auch, für den Erfolg zu leben. „Wir können vielleicht nicht so gut Fußball spielen wie Real Madrid. Aber mindestens so hart trainieren, das können wir“, sagte Latour damals. Seine Philosophie zeigte überraschenden Erfolg: Die erste Saison in der Nationalliga A beendete Thun auf dem siebten Rang. Dank seines Beziehungsnetzes, das er als Assistent bei den Grasshoppers und in Basel geknüpft hatte, verstärkte Latour das Team in der Folge gezielt mit Spielern, die bei den Großklubs aussortiert wurden, wie dem jetzigen Kapitän Andres Gerber. Nationale Berühmtheit erlangte Latour, als ihn das Fernsehen anlässlich eines Spiels portraitierte. Seine Schimpftiraden in burschikosem Berndeutsch („Das isch ä Gränni, hochdeutsch: eine Heulsuse, das isch nid normau, Herr Meier“) erlangten in der Schweiz ähnlichen Kultstatus wie Giovanni Trapattonis „Flasche-leer“-Brandrede. Um die Person Latour entstand ein medialer Hype. Selten bestand eine Schweizer Mannschaft in der öffentlichen Wahrnehmung so sehr aus ihrem Trainer wie der FC Thun. Auch die Stadtregierung erkannte, wie stark der Verein und das Berner Oberland von der Popularität des zum „Kulttrainer“ erhobenen Sympathieträgers profitierten. Als Latour Ende 2004 vor einem Wechsel zum kriselnden Nobelklub Grasshoppers Zürich stand, setzte sie einen Brief auf und bat ihn, in Thun zu bleiben. Latour ließ sich nicht umstimmen. Den Fans blieb wie oft nach einer leidenschaftlichen Beziehung nur die Ernüchterung sowie die bange Frage: „War das der Endpunkt eines langen Aufstiegs?“

Mit Schönenberger wurde ein streitbarer Coach verpflichtet

Er war es nicht – und dies, obschon der Klub bei der Trainernachfolge das Risiko nicht scheute. Mit Urs „Longo“ Schönenberger holte Thuns Sportchef Werner Gerber einen streitbaren Coach, der zuvor nur unterklassige Vereine trainiert hatte. Schönenberger, als Spieler ein Verfechter der groben Verteidigungskunst, war bei seinen Stationen in Winterthur, Kriens und Luzern entlassen worden. Nicht weil er keine Erfolge vorzuweisen hatte, sondern weil er mit seiner fordernden und zuweilen selbstherrlichen Art aneckte. „Es kann nicht sein, dass der Trainer und sein Assistent hundert- oder zweihundertprozentiges Engagement vorleben und die Spieler nur mit 70 oder 80 Prozent Einsatz zur Sache gehen“, sagt Schönenberger mit Nachdruck. In Thun übernahm er von seinem Vorgänger eine intakte Mannschaft auf Rang fünf. Zum allgemeinen Erstaunen ging alles noch erfolgreicher weiter. Thun legte eine Siegesserie hin und beendete die Saison 2004/2005 hinter dem FC Basel auf dem zweiten Platz.
Schönenberger ist ein schönes Beispiel für die Schnelllebigkeit des Geschäfts: Vor neun Monaten noch arbeitslos, steht er nun mit Thun in der Champions League. Doch Schönenberger, mit einem unschweizerisch großen Selbstbewusstsein gesegnet, wäre nicht Schönenberger, wenn er sich mit dem bisher Erreichten zufrieden gäbe. „Wir wollen mehr als einfach nur dabei sein. Der dritte Gruppenplatz ist unser Ziel. Arsenal spielt in einer anderen Stärkeklasse, aber Ajax ist nicht mehr das große Ajax und Sparta Prag liegt in unserer Reichweite.“ Um auf europäischem Spitzenniveau zu bestehen, hat der Klub investiert, wenn auch nur sehr vorsichtig: Er ergänzte seinen dünnen Kader für die Champions-League-Gruppenspiele mit dem Brasilianer Adriano Spadoto, dem ehemaligen Basler Grégory Duruz und dem Hibernians-Reservisten Alen Orman. Bekanntere Spieler wie Mario Jardel, Paulo Rink oder Reto Ziegler waren im Gespräch, allerdings will Thun finanziell weiterhin nicht mit anderen Vereinen mithalten. Das Beispiel des norwegischen Kleinklubs Molde, der nach der Champions-League-Qualifikation 1999 die Bodenhaftung verlor und heute mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, dient Präsident Kurt Weder als abschreckendes Beispiel. Der Doktor der Ökonomie führt den FC Thun streng nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten; in dieser Branche kein leichtes Unterfangen. Besonders in der Schweiz, wo mit dem Fußball nur in Ausnahmefällen Geld zu verdienen ist: Lediglich 6,6 Millionen Franken – und damit nicht viel mehr, als jedem deutschen Zweitligisten zusteht – generiert die Swiss Football League jährlich an Fernsehgeldern. Die einzelnen Klubs sehen davon nur einen Bruchteil. Fehlen dann noch großzügige Mäzene wie in Basel und Zürich, laufen die Finanzen schnell aus dem Ruder.

Nur 750 Sitzplätze im Stadion Lachen sind überdacht

Umso mehr Respekt verdienen die Verantwortlichen des FC Thun. Sie haben es verstanden, mit bescheidenen Möglichkeiten einen modernen Fußballklub zu etablieren, und das, obwohl nach jeder Saison wichtige Spieler den Verein verlassen, weil anderswo mehr zu verdienen ist. „Wir brechen seit drei Jahren erfolgreich auseinander“, bringt es Weder mit einem Augenzwinkern auf den Punkt.
Die Einnahmen aus der Champions League sollen dem Verein nun helfen, den einen oder anderen Leistungsträger zu halten und sich mittelfristig einen Platz in der höchsten Schweizer Spielklasse zu sichern. Nachhaltigen Aufwind verspricht sich die Klubführung durch den Stadionneubau Thun Süd, über den im kommenden Februar abgestimmt wird. „Von der Stadionfrage hängt die Zukunft des Vereins ab“, betont Trainer Schönenberger. Derzeit bestreitet der FC Thun seine Heimspiele im baufälligen Stadion Lachen, einem Ort, der in Zeiten moderner Event-Arenen wie ein Anachronismus anmutet. Zwar ist allein die Aussicht auf die majestätischen Berner Alpen das Eintrittsgeld wert, überdacht sind aber nur die 750 Sitzplätze im weiten Betonstufen-Rund. „Wenn es regnet, kommen gleich 2000 Zuschauer weniger“, weiß Michael Pulfer, Präsident des Thuner Fanprojekts. Wettereinfluss hin oder her: Die Entwicklung im Zuschauerbereich hat mit der sportlichen nur bedingt Schritt gehalten. Im Schnitt 5258 Zuschauer besuchten während der letzten Saison die Heimspiele, auswärts begleiten selten mehr als 200 Fans den Verein. „Eine Fanbewegung ist in Thun erst in den letzten Jahren entstanden“, begründet Pulfer. Zu lange stand der Klub im Schatten des Berner Kantonsrivalen BSC Young Boys und der beiden Eishockeyvereine SC Bern und SCL Tigers. Die ersten Klub-Schals gab es zum Beispiel erst in der Aufstiegssaison 2001/02 zu kaufen. Dafür seien nun bereits die Jüngsten mit dem zur Zeit im Städtchen grassierenden Thun-Virus infiziert, konstatiert Pulfer. Eine neue Fangeneration wachse heran, im Stadion und außerhalb. „Kürzlich habe ich gesehen, wie zwei Kinder mit Ölkreide ‚Hopp Thun‘ auf den Asphalt geschrieben haben. Früher sah man das hier nicht.“ Der FC Thun ist angekommen – auch in Thun selbst.

Text: Nikolaus Luetjens

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