Fußball

Zwischen den Fronten

Auch zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs ist die Lage im bosnischen Mostar weiterhin angespannt. Das tragische Schicksal der Stadt spiegelt sich in der Geschichte der beiden lokalen Fußballklubs Velez und Zrinjski wider. Längst sind die Vereine Teil des Konfliktes geworden. Simon Riesche
Heft #49 11 / 2005
Heft: #
49
Almir sitzt in einem kleinen Café in der Altstadt von Mostar und redet über Fußball. Es ist ein milder Abend, ruhig fließt das glitzernde Wasser der Neretva unter der hell erleuchteten Brücke hindurch. In den kleinen Gassen tummeln sich die Menschen, während sich der Ruf des Muezzins mit dem Glockengeläut der nahen Kirche vermischt. Doch die Idylle trügt. Nur wenige hundert Meter weiter zeugen Straßenzüge mit zerschossenen Ruinen von einem anderen Mostar – einem Mostar, das Almir am liebsten vergessen würde. Der knapp 30-Jährige ist ein leidenschaftlicher Fußballfan. Sein Verein ist der FK Velez, der Traditionsklub der Stadt. Wenn Almir über die großen Jahre von Velez spricht, hört er sich trotz seines Alters an wie ein Großvater, der von früher erzählt.
„Früher“ – das war die Zeit vor 1992, dem Jahr, in dem der Krieg begann und in Mostar nicht nur der Fußball seine Seele verlor. In der starken jugoslawischen Liga spielte Almirs Lieblingsverein einst eine wichtige Rolle. Velez konnte durchaus mit den großen Teams aus Belgrad oder Split mithalten, zwei Mal gewann man gar den nationalen Pokal. Der Fußball, der damals in Mostar gespielt wurde, sei zudem immer etwas Besonderes gewesen, schwärmen viele Fans noch heute: trickreicher, attraktiver und irgendwie „charmanter“ als beim Rest der Liga. Velez habe den jugoslawischen Fußball verzaubert, wie auch die Stadt Mostar ihre Gäste zu verzaubern vermochte. Hier zeigte sich das jugoslawische Modell eines multi-ethnischen Staates von seiner besten Seite. In keiner anderen Stadt des Landes gab es so viele „gemischte Ehen“ wie in Mostar. Mostarer zu sein, galt als ein besonderes Lebensgefühl. Die Menschen waren stolz auf ihre Stadt – und deren Aushängeschild, den FK Velez.
Viele berühmte Stars begannen einst bei Velez mit dem Fußballspielen, so auch Sergej Barbarez, mittlerweile in Diensten des Hamburger SV. Barbarez erinnert sich gern an jene Tage in Mostar, er hat Velez viel zu verdanken. Die großartige Jugendschule des Vereins habe den Grundstein für seine Karriere gelegt, meint der heute 34-jährige Bundesliga-Profi. Seine letzten Spiele für Velez machte Barbarez 1991, kurz bevor Mostar endgültig im Chaos der Balkan-Kriege versank. In letzter Minute wechselte er zu Hannover 96. „Ohne den Krieg wäre ich wohl nie nach Deutschland gekommen“, sagt er heute nachdenklich. Während Barbarez in der Fremde sein Glück versuchte, erlebte seine Heimat eine unfassbare Welle der Gewalt. Muslimische Bosniaken und bosnische Kroaten kämpften zunächst ­gemeinsam gegen bosnische Serben, später dann gegeneinander. Viele tausend Einwohner auf beiden Seiten der Stadt verloren ihr Leben.

Unzählige Häuser in Mostar sind noch immer zerstört

Bis heute ist Mostar de facto geteilt – in einen kroatischen Teil im Westen und einen muslimischen Teil im Osten. Dazwischen liegen die einstige Frontlinie und jede Menge Hass und Misstrauen. Unzählige Häuser sind in Mostar noch heute zerstört, in den umliegenden Bergen liegen zahlreiche Minen. Die im Krieg zerbombte Brücke, einst Wahrzeichen des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen, wurde mit großer internationaler Finanzhilfe wieder aufgebaut, doch ob subventionierte Symbolik die radikale Realität zu ändern vermag, bleibt fraglich. Für immer vergangen scheint in jedem Fall Mostars Unbeschwertheit, sein Zusammenhalt, seine Freude. All das, wofür auch einmal der Fußball von Velez stand.
Velez ist heute nicht mehr der „Verein aller Mostarer“. Noch während des Krieges erlebte der längst vergessen geglaubte Lokalrivale HSK Zrinjski Mostar seine spektakuläre Wiedergeburt. Dass der „Hrvatski Sportski Klub“ das Kroatische fest im Namen verankert hat, kommt nicht von ungefähr – es ist der Klub von „West-Mostar“, dem Teil der Stadt, in dem die bosnischen Kroaten leben. Angeblich sei der Verein bereits 1905 gegründet worden, heißt es, was jedoch reichlich umstritten ist. Fakt ist, dass Zrinjski nie auch nur ein Spiel in irgendeiner jugoslawischen Liga bestritt. In den Augen der Ost-Mostarer ist der Klub nicht mehr als ein Propagandainstrument der kroatischen Seite, eine Art nationalistisches Projekt – aber kein ernst zu nehmender Fußballverein. Umgekehrt lässt man auf der Westseite keine Gelegenheit aus, um zu erklären, dass Velez heute nur mehr der Verein für „die Muselmänner aus dem Ost-Teil“ sei. „Die Zeiten in Mostar haben sich eben geändert“, erklärt Ivan, ein 30-jähriger Zrinjski-Fan.
Wie fast alles in Mostar, so ist auch der Fußball heute in erster Linie ein Politikum. War von Anfang an klar, dass Zrinjski der „Verein der Kroaten“ ist, so tut sich Velez bis jetzt schwer damit, eine ethnische Gruppe zu vertreten. Viele Velez-Anhänger wehren sich dagegen, als Verein der bosnischen Muslime angesehen zu werden und verweisen auf die kommunistische Vergangenheit des Klubs. Seit neuestem trägt man gar wieder den roten Stern im Wappen, der größte Fanklub nennt sich bezeichnenderweise „Red Army“. Dennoch gilt Velez heute als Verein der Menschen aus dem Osten der Stadt – und das ist er wohl auch. Ob gewollt oder nicht, ist der jugoslawische Traditionsklub in den Strudel des ethnischen Konfliktes hineingeraten, ein Ausweg schwer vorstellbar.
Besonders vergiftet wurde das Verhältnis der beiden Vereine dadurch, dass Zrinjski seine Spiele mittlerweile im großen städtischen Stadion, dem ehemaligen „Wohnzimmer“ von Velez, austrägt. Zufällig befindet sich das Stadion auf der Westseite der geteilten Stadt. Die bosnisch-kroatische Administration von „West-Mostar“ sprach nach dem Ende des Krieges Zrinjski das Stadion zu. Velez, einst die stolze Nummer eins der Stadt, kickt seitdem auf einer besseren Wiese in einem kleinen Dorf vor den Toren Mostars. Vom Glanz vergangener Tage ist kaum etwas übrig geblieben.

Unter Polizeischutz zum Auswärtsspiel ins eigene Stadion

Gerade die ersten Derbys nach dem Krieg sind den Velez-Fans in schlimmer Erinnerung. Unter stärksten Sicherheitsvorkehrungen wurde man zum „Auswärtsspiel“ ins frühere Heimstadion geleitet. Auf dem Weg durch die vertrauten Straßen hagelte es Steine und Flaschen. Das sei ein „unglaublich erniedrigendes Gefühl“ gewesen, verrät Emir, ein alteingesessener Velez-Anhänger. „In unserer eigenen Stadt sind wir wie Vieh behandelt worden.“ Das Geschehen auf dem Rasen interessiert längst keinen Mostarer mehr. „Immer, wenn Velez und Zrinjski aufeinander treffen, befindet sich Mostar schlagartig wieder im Kriegszustand“, beschreibt Davor, ein bulliger Barkeeper aus dem West-Teil, die Lage.
Während Velez sich im Sommer 2003 gar in die 2. Liga Bosnien-Herzegowinas verabschieden musste und dort bis heute sein Dasein fristet, beschenkte sich Zrinjski zuletzt mit der Meisterschaft. Schließlich galt es, das vermeintlich hundertjährige Vereinsjubiläum zu feiern. Finanzkräftige Sponsoren hatten Zrinjski eine ganze Palette talentierter Spieler – und zur Sicherheit wohl auch ein paar Siege – gekauft. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Fußballspiele in Bosnien-Herzegowina vor allem mit Geld gewonnen werden.

Zweimal auf mysteriöse Weise um den Aufstieg gebracht

Hier liegt auch das Hauptproblem von Velez. „Der Verein ist derart am Boden, dass er nicht einmal mehr die Kohle hat, um sich den Wiederaufstieg zu kaufen“, sagt ein alter Velez-Fan beim Smalltalk am Zeitungskiosk. In den vergangenen beiden Spielzeiten wurde man jeweils am letzten Spieltag auf mysteriöse Weise um den verdienten Aufstieg gebracht. Zuletzt soll der ebenso reiche wie zwielichtige Kriegsveteran Hamdija „Tiger“ Abdic seine schmutzigen Finger im Spiel gehabt haben. Ausgerechnet Abdics Verein Jedinstvo Bihac überholte Velez noch auf der Zielgeraden.
Mittlerweile versuchen ehemalige Profis, ihrem gedemütigten Verein wieder auf die Beine zu helfen. In der mit Einschusslöchern übersäten Geschäftsstelle findet man Sead Kajtaz, einen flüchtigen Bekannten aus der Bundesliga. Kajtaz spielte einst in Nürnberg unter Arie Haan und galt dort als ziemlicher Flop. Heute ist er Sportdirektor bei Velez. Er sitzt auf einem ramponierten Ledersessel, an den Wänden zeigen vergilbte Mannschaftsposter den Verein in besseren, längst vergangenen Tagen. Nur über Sport wolle er reden, nicht mehr über Krieg oder Politik, sagt Kajtaz. Es gelingt nicht so recht, zu sehr scheinen diese Dinge in Mostar zusammenzuhängen. „Hätten wir doch wenigstens unser Stadion behalten können“, seufzt Sead Kajtaz resigniert. Ob der Fußball jemals zur Versöhnung zwischen den Menschen der Stadt beitragen werde? Er weiß es nicht.
Im fernen Hamburg sitzt Sergej Barbarez. Auch er tut sich schwer mit einer klaren Antwort auf diese Frage. „In naher Zukunft jedenfalls nicht“, sagt Barbarez.


Text: Simon Riesche

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!