Fußball

Meyer als Verkehrspolizist

Archiv
Heft #49 11 / 2005
Heft: #
49
Am 7. Mai 1986 wurde ich von der Bezirksleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands für das Amt des Vorsitzenden des Fußballklubs Rot-Weiß Erfurt vorgeschlagen. Unser Auftrag – ausgegeben von der obersten Parteibehörde des Bezirkes – lautete, attraktiven Fußball spielen, höchste Anstrengungen, um Heim- und Auswärtsspiele siegreich zu gestalten… und bei Westreisen alle Spieler wieder nach Hause zu bringen.

Hans Meyer und die Doppelgängerin der Großmutter

Ich habe Hans Meyer viel zu verdanken: Er hat mich in das Prämiensystem der DDR-Oberliga eingeführt, das wir in mehreren Anläufen revolutionieren wollten. Mit den Erfurter Spielern war das allerdings nicht zu machen. Es trat sogar der Umstand ein, dass wir dann das meiste Geld für Prämien ausgeben mussten, wenn wir schlecht dastanden. Diese Logik stammte natürlich nicht von Hans Meyer, sondern von den Spielern, die in Geldsachen wesentlich beweglicher waren als auf dem Fußballplatz. Der Trainer hat mir auch wichtige Fußballregeln eingetrichtert und mich nach jedem Spiel einer Prüfung unterzogen, die so aussah, dass ich ihm die besten Spieler und die Versager nennen musste. Woran erinnere ich mich noch in der Zusammenarbeit mit Hans Meyer? Wenn er gute Laune hatte, konnte man mit dem gelernten Sport- und Geschichtslehrer gut politisieren und philosophieren, wobei die bevorzugten Themen die allgemeine Politik, Buddhismus, Zinnkrüge und die vegetarische Bewegung waren. Manchmal hat er es mit der guten Laune allerdings auch übertrieben. Ob wir in einer dunklen Gasse in Sofia saßen oder durch die winkligen Straßen von Kalmar schlenderten, stets mussten wir raten, wem dieser oder jener ähnlich sah. Er konnte sich diebisch freuen, wenn nur er wusste, dass da eben eine Doppelgängerin der Großmutter unseres Docs oder der Ehefrau unseres Kraftfahrers an uns vorüber gegangen war. Ungemütliches haben wir auch zusammen erlebt, einmal wären wir fast gemeinsam im Winterlager bei Temperaturen um minus 30 Grad erfroren, und in Oslo waren wir in einen schweren Unfall verwickelt. Hans Meyer hatte auf unserem Ausflug zum Holmenkollen für einen Moment die Aufgabe der norwegischen Verkehrspolizei übernommen, indem er einen Verkehrskegel wegräumen wollte, der unsere Weiterfahrt auf der Stadtautobahn behinderte. In diesem Augenblick stießen drei von sturzbetrunkenen Jugendlichen gelenkte Autos miteinander und mit dem Bus zusammen, und der Trainer rettete sich mit einem kühnen Sprung über die Leitplanke. Er hat das später viel dramatischer geschildert und immer behauptet, er wäre nur um Haaresbreite dem Tod entgangen.

Nur noch mit der Pike schießen

Die den Punktspielen folgenden Montage liefen immer nach dem gleichen Ritual ab. Gegen 6:30 Uhr nahm ich hinter meinem Schreibtisch Platz, ohne eine Arbeit in Angriff zu nehmen. In der folgenden halben Stunde wartete ich nur auf einen Anruf. Das Telefon würde sich mit einem krächzenden Ton, dem Geräusch einer defekten Schiffssirene nicht unähnlich, bemerkbar machen. Immer wieder wurde mir das Gleiche mitgeteilt: „Finden Sie sich bitte unverzüglich in der Bezirksleitung ein. Sie werden erwartet.“ Jetzt hieß es, dieses „unverzüglich“ möglichst großzügig auszulegen. Der Fahrer musste gesucht werden, Papiere mussten unterzeichnet werden. Und durch die Stadt durften wir nicht rasen. Für unsere „Eile“ gab es einen Grund: Je mehr Zeit verstrich, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Wut des Anrufers gelegt hatte und lähmendem Entsetzen gewichen war. Im Hohen Haus angekommen, betrat ich das Zimmer des Zweiten Sekretärs. Der Raum war so groß, dass ich manchmal Mühe hatte, festzustellen, ob sich außer mir noch jemand im Zimmer befand. Aber es war immer noch jemand im Zimmer. Ich nahm an der langen Tafel Platz. Allein das rasche Umblättern von Zeitungsseiten störte die andächtige Stille im Raum. Die nächste halbe Stunde wurde ich mit Zeitungsausschnitten traktiert. Die Verfasser der Artikel, die mir nun vorgelesen wurden, beschrieben unsere Spielweise meist als dilettantisch. Zum Abschluss der Lesestunde kam dann immer die gleiche Frage: „Was ist zu ändern, um positive Ergebnisse zu erzielen?“ Meist wurde zuerst über den Trainer diskutiert und schnell war mein Gesprächspartner mit Namen zur Hand. Die wurden ihm von einem alten Arbeitersportler, der zu allem Unglück zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg selbst einmal an den Ball getreten hatte, geflüstert. Einige dieser Wundertrainer lebten jedoch schon lange nicht mehr, andere hatten sich dem Suff ergeben. Glücklicherweise waren sie selten einsatzbereit. Schließlich schoben wir die Schuld dem Umstand zu, dass nicht alle Spieler des Oberligakollektivs Mitglied der Partei waren. Bei einem dieser montagmorgendlichen Treffen wurde ich dringendst gebeten, den Spielern zu sagen, sie sollten nicht immer auf den Tormann schießen, sondern auch mal in die Ecken. Wie ich später vom ehemaligen Nationalspieler und langjährigen Erfurter Co-Trainer erfuhr, muss es damals im Rahmen der Bemühungen um einen besseren Fußball in der DDR auch eine interne Parteiinformation gegeben haben, denn bei einem Empfang für die Mannschaft von Carl Zeiss Jena empfahl der Erste Sekretär der Bezirksleitung Gera den Spielern allen Ernstes: „Ab 16 Meter vor dem gegnerischen Tor wird nur noch mit der Pike geschossen.“

Gesucht: Erzgebirgsstadt mit drei Buchstaben

Wenn wir mit unserem Mannschaftsbus unterwegs waren, galten ungeschriebene, aber eherne Gesetze. Jeder Spieler, der Trainer, der Doktor und der Mannschaftsleiter hatten im Fahrzeug ihre festen Plätze. Die neuen Spieler wurden auf der Rückbank platziert oder gleich zum Kartenspiel eingeladen. Sie fühlten sich natürlich geschmeichelt und merkten nicht, wie sie schon vor dem Spiel um die noch zu verdienende Prämie gebracht wurden. Im Bus wurden ganz selten fremde Leute mitgenommen, Wenn das dennoch einmal vorkam, dann wurde mit konstanter Boshaftigkeit immer ein und dieselbe Nummer abgezogen, über die sich die Kicker bei Gelingen wie die Kinder freuen konnten. Ein Spieler mimte das Lösen eines Kreuzworträtsels und fragte recht laut in die Runde „Erzgebirgsstadt mit drei Buchstaben, vorn ein großes Ahh und hinten ein Ehh?“ Da niemand antwortete, fühlte sich meist der Gast aufgefordert, dem Wissbegierigen aus der Klemme zu helfen. Kaum hatte der Gast jedoch das Wort „Aue“ über seine Lippen gebracht, begann sich der ganze Bus über diese Einfältigkeit lautstark zu amüsieren.

Schutzschild für Erich Mielke

Im Sommer 1989 fand in Cottbus erstmalig das Spiel um den Supercup statt. Wir hatten uns ob der Hitze ein schattiges Plätzchen unter dem Tribünendach gesucht, als uns der stellvertretende Generalsekretär bat, in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Als er uns Minuten später mit weinerlicher Stimme fast anflehte, kamen wir seinem Wunsch nach. Wir fühlten uns fast ein wenig geschmeichelt. Scheinbar waren außer uns alle wichtigen Leute im Ausland oder sonstwie verhindert. Wir gingen nach vorn und wunderten uns nur kurz, dass in den Reihen hinter der ersten, uns zugewiesenen Reihe gähnende Leere herrschte. Als wir uns zur Nationalhymne erhoben, hatten sich jedoch plötzlich auch die Plätze hinter uns mit Zuschauern gefüllt. Als im Stadion vereinzelt „Deutschland, Deutschland“-Rufe erschallten, ereiferte sich mein Hintermann fürchterlich über „die Organisation in dem Laden“. Ich drehte mich um und wusste plötzlich, warum man uns in die erste Reihe gebeten hatte. Wir waren nicht als Gesichter fürs Fernsehen auserkoren, sondern als Schutz und Schild gegen Tomaten, Bomben und böse Sprüche. Hinter mir saß der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke.

MPA Algier zu Gast in der Blumenstadt

Zweimal, 1987 und 1988, weilten wir in der Winterpause in Algerien. Natürlich kamen die Kicker aus Nordafrika auch zum Gegenbesuch nach Erfurt. Es war ein wenig kompliziert mit ihnen. Sie meldeten sich nicht an, sondern schickten ein Telegramm, als sie in Berlin das Flugzeug verlassen hatten. Zum Glück waren fast alle, auf deren gute Beziehungen wir jetzt angewiesen waren, Fußballfans und uns wohlgesonnen. Kurzfristig konnten wir so für unsere Gäste im Interhotel „Kosmos“ Zimmer reservieren. Nachdem wir uns begrüßt und einige Artigkeiten ausgetauscht hatten, äußerten die Gäste noch einen Wunsch. Sie wollten einen Markt besuchen und dort einen Hammel kaufen. Diesen wollten sie im Hotel schächten. Ich sagte ihnen darauf, dass es einen solchen Tiermarkt bei uns nicht gebe. Und Schlachtungen auf Hotelzimmern seinen nicht nur ungewöhnlich, sondern wohl auch verboten. Uns blieb gar nichts anderes übrig, als die Hotelküche in ein Schlachthaus zu verwandeln. Wir besorgten einen Hammel und eine Tierärztin, die mit den Gesetzen unkonventionell umging. Schließlich wurde das Tier im Beisein der Moslems auf deren Weise vom Leben zum Tod befördert. Nachdem wir das hinter uns gebracht hatten, habe ich das Schächten der Hühner und eines zweiten Hammels abgelehnt.
Als nach einer Woche die Abreise unser Gäste näher rückte, erboten wir uns, ihnen beim Einkaufen behilflich zu sein. Das Problem hierbei war, dass jeder Spieler einen Kanarienvogel kaufen wollte. Die Planwirtschaft war auf so einen Ansturm auf die gefiederten Sänger eigentlich nicht eingerichtet. Bei der Abreise hatte schließlich jeder der Spieler einen Vogelkäfig. Und in den meisten der Käfige saßen auch Kanarienvögel. Es war ein wunderbares Gezwitscher, als sich der Bus in Richtung Berlin in Bewegung setzte.

Rainer Döhlings höchst lesenswerte Erinnerungen an die Zeit als Präsident bei Rot-Weiß Erfurt „Fußball ist auch nur ein Spiel“ sind im Buchhandel erhältlich. Die ISBN-Nummer lautet: 3-9808816-4-4



Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!