29.09.2005

Fußball

Senfpfeile Richtung Zelle

Axel Formeseyn schreibt in seinem jüngst erschienenen Besinnungsroman „Voll die Latte“ nicht nur über Hooligans beim TSV Nordstrand und den rüpelhaften Manni Kaltz, sondern auch über einen alkoholträchtigen Besuch beim Derby HSV gegen St.Pauli.

Text:
Wir versuchen uns auf das Spiel zu konzentrieren, aber ich kann es mir kaum erklären: Ich finde den Ball auf dem Spielfeld nicht mehr. Trotz größter Anstrengung können auch Barny und Maik, bei aller Hingabe, dem Kick nicht so ganz folgen. „Erst mal eine Wurst, Leute“, beschließt Barny, der, kaum an der Frittenbude angekommen, mit der Senftube rumsaut. Ich will mich nicht lange bitten lassen und wie wir so gerade eine Schnitzeljagd machen wollen, so mit Senfpfeilen auf dem Boden, da kommt ein Polizist und Barny kriegt erst mal eine schöne Reise verpasst: „Ey, du! Was soll der Scheiß hier, häh!?“ Und der Polizist kommt zu mir und meint: „Pass mal ein bisschen auf deinen Kollegen auf, der sitzt sonst bald mal in der Ausnüchterungszelle, klar?“ „Klar wie Kloßbrühe, Chef! Klar wie Kloßbrühe!“ Na klar pass ich auf Barny auf.
Vor allem aber passt das gut, dass endlich mal die Senftube frei wird. Jetzt bin ich dran und schon geht das los mit dem Rumgespritze und ich rufe laut: „Ich verstecke mich jetzt und ihr müsst mich suchen!“ und mache Senfpfeile und renne Richtung Gästeblock. Ich mache unterwegs mindestens dreißig Senfpfeile, aber Barny und Maik finden mich irgendwie nicht. Vielleicht weil ich mitten im tiefsten Schlägerblock gelandet bin. Alle kurzgeschoren, alle Stiernacken, und da denke ich, dass jetzt auf jeden Fall hier mal was passieren sollte und schmeiße die Senftube Richtung Spielfeld. Gibt leider gerade Ecke vor dem HSV-Block und ich verfehle den Schiri nur knapp. Ich will mich gerade umdrehen, um zu überprüfen, ob auch alle geguckt haben, da drückt mich schon jemand zu Boden. Ich bin auf Schlag stocknüchtern und weiß genau, ich krieg lebenslänglich und fange vor Schreck an zu weinen.
Zuerst will ich alles abstreiten und der Glatze von nebenan in die Schuhe schieben. Da fangen die Glatze und der Ordner gemeinsam ganz herzlich an zu lachen: „Digger, du has ja wohl wat am Kopp“, grölt die Glatze, „Kuck dich mal an, du Spacko.“ Und da hat er ja nun mal Recht, muss ich sagen, wie ich mich so angucke; Recht hat er: Das mit dem halben Kilo Senf auf der Jeans spricht nicht gerade für mich.
Wenig später sitze ich im Polizeitransporter, gemeinsam mit anderen – oder sagen wir: richtigen Hooligans. Die sind heiß wie Frittenfett und können gar nicht schnell genug wieder raus, um Randale zu machen. Einer sieht aus wie der Chef und ruft laut: „Wer ist nachher dabei, wenn’s auf dem Kiez weitergeht?“ Und alle um mich herum heben ihren Arm und rufen irgendwelchen Kram, und ich melde mich lieber auch. Eine Stunde später, das Spiel ist längst vorbei. Der Wagen ist jetzt rappelvoll mit zwanzig HSV-Schlägern. Als er sich in Bewegung setzt, kommt lautes Gejohle auf. Ich johle auch ein bisschen mit. Das kommt wohl besser an, als zu weinen und zu rufen: „Lasst mich raus, ihr Schweine! Ich bin doch gar kein Schläger!“ Ich bin total nüchtern, als wir auf dem Revier ankommen und meine Personalien kann ich auch fast auswendig aufsagen. Trotzdem lande ich in der Ausnüchterungszelle.
Um ungefähr 3 Uhr in der Früh werde ich rausgelassen. Ich bin mir nicht so sicher, was jetzt mit mir passiert: Jugendstrafe, Einzelhaft oder Militärakademie, wichtig ist mir nur eins: ein Döner. Ein paar Kröten hab ich noch über, die reichen zwar nicht für die Bahnfahrt nach Husum aber für einen Döner reicht das. Ich irre herum, weil, ich weiß nicht einmal in welchem Stadtteil ich bin. Ich laufe also und laufe und laufe. Und, tatsächlich: Ich finde eine Dönerbude und bestelle eine grundanständige Fleischtasche, wie immer: „Bitte keinen Salat. Nur Fleisch!“ In der schmierigen Auslage des Ladens steht so ein altes Transistorradio und das dudelt die ganze Zeit vor sich rum und dann gibt das Nachrichten und da wird erzählt, dass HSV gegen St. Pauli mit 2:1 gewonnen hat, was ich super finde und ich freue mich und mache die Boris-Becker-Faust. Zumindest heimlich, denn: Die anderen in dem Imbiss haben braun-weiße Pauli-Schals um. Als das Radio dann auch noch erzählt, dass um und bei dreißig „HSV-Hooligans“ festgenommen wurden, da ergreift einer der anderen Gäste, Typ grundehrlicher Hafenarbeiter mit ’ner Schwäche für „immer rein in die Fresse!“, das Wort: „Wenn ich auch nur einen von diesen Hooligans in die Finger krieg, dann gibt das aber richtig Fratzengeballer. Richtig Fratzengeballer, sag ich euch!“ Wann ist denn endlich dieser verdammte Döner fertig! Das kann doch nicht so lange dauern, Fleisch in Brot reinzutun! Der Typ kommt langsam auf mich zu und der Dönermann fragt: „Wirklich kein Salat?“ „Nein, nur Fleisch, nur Fleisch!“, kreisch ich ihn an. „O.K.“, sagt der und beginnt erstmal kommodig das Fleisch zu salzen. Der Hafenarbeiter ist mir inzwischen deutlich näher als mein Döner und sieht gar nicht so unmotiviert aus, gleich mal mit dem Fratzengeballer loszulegen, als mir der Dönermeister die Fleischtasche vors Gesicht hält. Ich reiß das Ding an mich, schrei noch mal mutig „Scheiß St. Pauli“ in den Laden und schaue, dass ich schneller an der Tür bin als der ehrliche Hafenarbeiter.
An der dritten Ecke höre ich auf zu laufen und wie ich da so rumpuste, fang ich mir doch langsam auch mal an, mir Gedanken um meinen Heimweg zu machen. Ich glaube, dass Paul und Konsorten schon langsam mal losgefahren sind und wohl nicht noch auf mich gewartet haben. Ein bisschen enttäuschend finde ich das ja doch. Auf der anderen Seite ist es allerdings schon 5 Uhr morgens und da kann man das wohl durchgehen lassen, dass die so mir nichts dir nichts zurück nach Husum gefahren sind. Also mach ich mich dann auch langsam mal auf, Richtung Bahnhof Altona.
In Husum ist das früh am Morgen und ein Glück, dass Papa gleich beim Bahnhof wohnt. Ich lauf da hin und wie ich so gerade denke, dass ich doch einen Schlüssel dabei habe, da klingel ich auch schon bei Papa an der Tür. Oh Mist, denke ich. Der ist doch die ganze Nacht Taxi gefahren und hat sicher keinen Bock, von mir aus der Falle geklingelt zu werden. Aber nix da. Papa steht in der Tür und ist zwar völlig verpennt, aber lächelt und sagt: „Ein Glück, dass du da bist. Ein paar Freunde von dir haben hier schon angerufen. Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Ich erzähle ihm nur kurz, das ich im Knast gesessen hab und alles halb so wild und jetzt muss ich ja auch erst mal ’ne Runde schlafen. Papa auch und darum sagt er: „Morgen sieht die Welt ja auch gleich ganz anders aus.“

Papa tobt: „Mein Sohn ist ein Knacki“

Ein paar Stunden später werde ich durch ein Poltern geweckt. Papa knallt mit den Türen und schimpft in der Küche wie ein Rohrspatz. Ich stehe auf, weil, ich will ja doch mal wissen, was da los ist: „Guten Morgen. Was ist denn hier los?“ „Was hier los ist? Mein Sohn ist ein Knacki und will dann auch noch wissen, was hier los ist?“ Uiuiui. Da hatte Papa also doch Recht, von wegen: „Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus.“
Papa fährt mich nach Nordstrand, wo Mama schon wartet und gleich tagt mal der Elternrat, der sonst überhaupt gar nicht mehr miteinander spricht, aber jetzt macht man da mal eine Ausnahme, weil, es geht um den verkorksten Sohn und die Frage: „Was haben wir bloß falsch gemacht?“ Mama beschließt, dass ich so schnell wie möglich die Sache klären und gleich mal zu unserem Inselpolizisten fahren und mit dem erst mal reden soll. „Der weiß genau, was Sache und zu tun ist. Der kennt sich aus!“
Ich fahr da also hin, schließlich muss ich ja auch sehen, dass ich jetzt nicht noch eine dicke Anzeige bekomme und eine Jugendstrafe oder weiß der Teufel, was. Ich will ja schließlich irgendwann, wenn ich mal dazu komme, noch verweigern und raus aus der Bundeswehr. Aber jetzt als Hooligan wird das wohl schwer, da anzukommen, von wegen: „Ich bin gegen Gewalt und so…“ Und ich da also rein und der Inselpolizist sitzt hinter seinem Schreibtisch und ich davor und wir reden so ein bisschen und er guckt die ganze Zeit so, als will er sagen: „Och Mensch, Acki. Du machst Sachen…!“ Und ich fange an zu erzählen und palaver so rum, wie das nun war, mit den Hooligans und wie die... Und dann unterbricht er mich und fragt: „Huliwas?“ Das wird hier noch eine zähe Angelegenheit, denke ich so bei mir und fange einfach mal damit an, wie ich mit Mama und Papa und Ute zum allerersten Male im Fußballstadion war ...
Und während ich so erzähle, komme ich mir doch ein bisschen komisch vor und denke darüber nach, wie das nun alles weitergehen und ich erwachsen werden soll, zumindest ein bisschen.

Axel Formeseyns „Voll die Latte“ ist in der „Edition 11 Freunde“ im Europaverlag erschienen, zusammen mit den Anthologien „Fußballwunder“ und „Jahrhunderttore“. Wir verlosen fünf Acki-Tagebücher, Postkarte mit dem Stichwort „Fratzengeballer“ an die 11 FREUNDE-Redaktion, Raabestraße 2, 10405 Berlin, genügt.

Foto: Suse Walczak
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