Fußball

Lu, die Präsidentin

Lass den Verein nicht im Stich, bittet sie ihr todkranker Mann. Also wird Lu Pfannenschmidt mit 73 Jahren Präsidentin des Berliner Amateurklubs BFC Viktoria. Mit resolutem Charme und damenhafter Anmut führt sie den Klub bis zu ihrem 80. Geburtstag.
Heft #49 11 / 2005
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Als Luise Pfannenschmidt 20 Jahre alt ist, weiß sie nicht mehr weiter. Sie sitzt in der Wohnung in Berlin-Tempelhof und packt ihre Koffer. „Ich lass mich scheiden“, sagt sie sich und später der Mutter. Doch die ist wenig begeistert von der Abenteuerlust ihrer Tochter. Im Jahre 1947 lässt man sich nicht so schnell scheiden. „Du wolltest ihn und nun hast du ihn. Jetzt komm mit ihm zurecht“, bescheidet sie Luise. Die fährt zurück nach Berlin, packt die Koffer wieder aus, sitzt auf der Bettkante und weint.
So hat sie sich das nicht vorgestellt. Im Krieg wurde geheiratet, mit dem Ehemann ging es nach Berlin, das erste Kind ist da. Und nun sieht sie ihn kaum, das Bett bleibt bis spät in die Nacht unberührt. „Irgendwann habe ich ihm einen Zettel über das Bett gehängt, auf dem stand: „Hier schläft mein Mann, wenn er da ist. Das hat er nicht einmal bemerkt.“ Denn Carl-Heinz Pfannenschmidt hat viel zu tun in diesen Tagen. Er ist kurz nach dem Krieg einer der wichtigsten Männer im Berliner Fußball. Überall in den Trümmern der Hauptstadt entstehen die alten Vereine neu, als Sportgruppen, weil es das alliierte Recht so vorsieht. Eine dieser Sportgruppen trainiert und spielt in Tempelhof und wird intern längst schon wieder „BFC Viktoria“ genannt. Jene ruhmreiche Viktoria, die 1908 und 1911 Deutscher Meister wurde und unzählige Male davor und danach Berliner Meister. Die nun aber, wie so viele Vereine, ganz neu anfangen muss.

Die Vereinsspitze trifft sich bei „Suppen-Schulze“

Carl-Heinz Pfannenschmidt widmet all seine Freizeit dem Verein, er lässt sich zum Präsidenten wählen und hat fortan für alle ein offenes Ohr. Nur nicht für Luise, die Gattin. Die hat die Gedanken an die Scheidung zwar verscheucht, glücklich ist sie jedoch nicht. Sie fasst einen Entschluss: „Wenn er nicht zu mir kommt. muss ich halt zu ihm gehen“, sagt sie sich und schaut fortan regelmäßig im „Suppen-Schulze“, einem Lokal am Tempelhofer Damm, vorbei. Dort sitzt die Führung der Viktoria allabendlich zusammen und beratschlagt und organisiert. Soviel gibt es zu tun, weil es an allem mangelt, an Trikots, Geld, Essen. Nun sitzt Luise ohnehin immer dabei, Carl-Heinz sagt schließlich: „Bevor du nur herumsitzt, kannst du ja das Protokoll schreiben!“ Und so schreibt Luise, die gelernte Sekretärin, fortan die Protokolle. Sie wäscht und bügelt die Trikots, kocht Kaffee, verkauft am Wochenende Eintrittskarten und verteilt an jeden Spieler abgezählte zehn Kartoffeln als Auflaufprämie beim Spiel gegen eine jüdische Mannschaft aus dem Lager für Displaced Persons. „Ich hatte keine offizielle Funktion“, erinnert sich Luise Pfannenschmidt. „Ich war wie viele andere Frauen auch helfender Familienanschluss.“
Das geht ein paar Jahre so, dann sind die harten Aufbaujahre vorbei und Carl-Heinz Pfannenschmidt zieht sich aus den Vereinsgremien zurück. Die Gattin Luise folgt ihm. Zwanzig Jahre lang lesen sie von der Viktoria vor allem aus der Zeitung, er schaut hin und wieder vorbei, sie ist ganz froh, wenn sie am Samstag keine Eintrittskarten verkaufen muss. Doch im Jahre 1970 denkt Carl-Heinz Pfannenschmidt immer häufiger beunruhigt an die Viktoria. Denn dem Verein geht es schlecht. Allzu lange hat er von der ruhmreichen Vergangenheit gelebt und sich auf einen Mäzen verlassen, er hat Schulden gemacht, musste den Platz verkaufen und ist schließlich bis hinunter ins Tiefparterre gefallen, Endstation Kreisliga. Das tut ihm in der Seele weh. „Wir können den Verein nicht im Stich lassen“, sagt Pfannenschmidt und meint das so, wie er es sagt. Wir, die Familie Pfannenschmidt. Carl-Heinz kümmert sich also wieder. Steht jedes Wochenende an der Seitenlinie und verhandelt unter der Woche mit Sponsoren und Gläubigern. Luise ist häufig dabei, führt wieder Protokoll, kocht Kaffee und macht sich nützlich. Zweite Reihe, wie gehabt.
Bis auf der Jahreshauptversammlung 1972 plötzlich der Geschäftsführer Knall auf Fall zurücktritt. Da stehen sie da, die Vorstandsherren, und haben keine Idee, wo sie auf die Schnelle einen Geschäftsführer hernehmen sollen. Bis Carl-Heinz Pfannenschmidt zu seiner Frau sagt: „Kannst du nicht einspringen, nur für vierzehn Tage? Dann kommt Ablösung…“ Auf die Ablösung wartet Luise Pfannenschmidt heute noch.
Wenig später wird sie zur Vizepräsidentin gewählt, weil das besser klingt, weil die Satzung es vorsieht und weil das Geld für eine Honorarkraft fehlt. Und schon bald kennt jeder im Fußballkreis Berlin Luise Pfannenschmidt, die resolute Dame vom BFC Viktoria aus Tempelhof, die alle nur „Lu“ nennen. Denn sie, die Aushilfe, wird plötzlich zur Idealbesetzung. Auch weil sie kein Anhängsel ihres Mannes sein will. „Pfannenschmidt und Co., das gab es bei uns nicht. Wir haben keine Präsidiumssitzungen am Küchentisch gemacht.“ Mit aller Kraft wirft sie sich in den Job, sitzt abends über den Büchern und rechnet, handelt mit den Spielern kleine Gagen aus, schaut wochenends den Spielen zu und lässt es sich auch nicht nehmen, persönlich beim Sportgericht vorbeizuschauen, wenn über rote Karten der Spieler verhandelt wird. „Ich hatte da einen Trick. Ich habe immer erst gesagt: „Oh ja, unser Spieler muss mit der Härte des Gesetzes bestraft werden. Eine unverzeihliche Dummheit war das von ihm. Wie konnte er nur?“ Und dann bin ich mit den entlastenden Sachen gekommen. Dass es das erste Mal war und dass er provoziert worden ist. Und dass das Gericht doch bitte Milde walden lassen möge. Das Gericht ist mir meistens entgegen gekommen.“ Die Waffen einer Frau? „Iwo“, sagt Luise Pfannenschmidt und lacht. Schöne Zeiten sind das, zumal es der Viktoria langsam besser geht, das Schlimmste hat der Verein überstanden. „Wir konnten uns wieder an den kleinen Dingen freuen.“ Die Vereinsarbeit verändert sie, Viktoria wächst ihr ans Herz. „Ich habe in der Zeit so viele Menschen kennen gelernt, die jeden Abend, jedes Wochenende für den Verein unterwegs waren. Denen hat eine Niederlage das ganze Wochenende verdorben. Und nie hat einer auch nur einen Pfennig verlangt. Da wäre ich mir ganz schön blöd vorgekommen, wenn ich nur mit halber Kraft gearbeitet hätte.“
Zwanzig Jahre lang arbeitet Lu Pfannenschmidt, die Aushilfe, so für den Verein. Irgendwann, so planen die Eheleute, wollen sie die Arbeit an jüngere Viktorianer abgeben. Die Zeit wird schon kommen. Doch dann ist plötzlich alles anders, weil Carl-Heinz lebensgefährlich erkrankt. Eine heikle Operation steht an. „Sie versprach es ihm am Sterbebett“, werden später Zeitungen schlagzeilen. „Am Sterbebett, das ist nun Quatsch“, sagt Pfannenschmidt. „Aber mein Mann hat geahnt, dass er die Operation womöglich nicht überlebt. Also haben wir uns unterhalten, wie sich Erwachsene unterhalten. Und er hat gesagt: „Lu, du darfst den Verein nicht im Stich lassen!“ Sie verspricht es ihm in die Hand, weil es ihn tröstet und beruhigt.
Carl-Heinz Pfannenschmidt stirbt an einem Donnerstagmorgen, in seinem Testament hat er verfügt, dass die Vereinskameraden erst von seinem Tod erfahren sollen, wenn er bereits beerdigt ist. Er will keine Reden am Grab, keine Blumengebinde mit Grüßen. Am Donnerstagabend ist Vorstandssitzung beim BFC Viktoria. „Wie geht es ihm?“, fragen besorgt die Kollegen. Luise antwortet ausweichend: „Er ist nicht mehr ansprechbar.“ Erst nach der Beerdigung informiert sie den Vorstand. Der ist gekränkt und begreift nicht, dass Carl-Heinz Pfannenschmidt so Abschied genommen hat, vom Leben und von der Viktoria.
Luise Pfannenschmidt sitzt nach der Beerdigung in der Wohnung und weint. Es ist die Trauer, der Verlust und die Angst. Natürlich will sie den Verein nicht im Stich lassen. Aber sie fragt sich: Kann ich das? Schaffe ich das? Ohne Carl-Heinz? Sie kann, sie schafft. Einstimmig wird sie kurze Zeit später zur Präsidentin gewählt. Da ist Lu Pfannenschmidt 73 Jahre alt.
Es beginnt eine aufregende Zeit. Mit resolutem Charme führt sie von jetzt an den Verein, sie kennt das Geschäft bereits aus dem Effeff, nun aber steht sie das erste Mal an vorderster Front. „Sie hat die Zügel straff geführt, da darf man sich nicht täuschen“, erinnert sich Präsidiumsmitglied Sven Leistikow, der ihr später als Präsident nachfolgen wird. Trotzdem, beim BFC Viktoria geht es nun noch ein wenig familiärer zu. Lu, die Mutter der Kompanie. „Ich war für die Streicheleinheiten zuständig. Den Spielern in den Hintern zu treten, das war die Aufgabe des Trainers. Das schickt sich für eine Dame nicht.“ Auch die Vertragsverhandlungen führt sie nicht, dafür gibt es den Geschäftsführer. Stattdessen kümmert sie sich um Alltägliches. Und so wundern sich nicht wenige auswärtige Spieler über die rüstige Seniorin, die sonntags die Eintrittskarten abreißt, hinter der Theke das Bier zapft und stets ein aufmunterndes Wort für die Akteure parat hat. „Das war fast am schönsten“, findet sie heute. „Mit all den Menschen zusammen zu sein, die den Fußball genauso lieben wie ich.“
Und so kann man sich umhören in Berlin und wird nur Gutes über Luise Pfannenschmidt erfahren. Und nahezu jeder hat noch eine kleine Geschichte zu erzählen. Wie die vom Tempelhofer Bezirkspokal. Die Viktoria hat gegen den SV Blau-Weiß verloren, Lu ergreift bei der Siegerehrung das Mikrofon und verkündet kokett: „Ich hätte ja schon ganz gerne den Schampus aus dem größeren Pokal getrunken, aber aus dem kleinen für Platz vier schmeckt er auch. Ich gönne dem SV den dritten Platz, den er sich redlich erspielt hat.“ Das wiederum findet der Sprecher von Blau-Weiß so rührend, dass Lu Pfannenschmidt natürlich einen großen Schluck aus dem großen Pokal nehmen darf.

„Das kann man keiner Urgroßmutter zumuten“

Doch irgendwann muss es vorbei sein. Und so hat sie eines Tages dem Vorstand eine Mitteilung zu machen. Dass nämlich mit 80 Jahren Schluss ist. „Ich kann nicht mehr Woche für Woche bei Wind und Wetter auf dem Sportplatz stehen. Ich schaue mir ja nicht nur die erste Mannschaft an. Das kann man keiner Urgroßmutter zumuten.“ Der Vorstand ist entsetzt. Die Präsidentin wird bekniet: „Lu, überleg dir das noch mal!“ Aber die denkt gar nicht dran, mit 80 will sie endlich Zeit für sich haben, basta. Will angeln, Briefmarken sammeln, in der Laube sitzen.
Und dann ist es tatsächlich vorbei. 2003 tritt sie vom Präsidentenamt zurück, der Rechtsanwalt Sven Leistikow wird ihr Nachfolger. Die Vereinsmitglieder wählen sie zur Ehrenpräsidentin. Als solche schreibt sie fortan kleine Artikel für die Vereinszeitung, herzt auf den Versammlungen rüstige Jubilare und steckt ihrem Nachfolger eines Tages einen alten Zeitungssauschnitt zu. „Schau mal, Sven, wir haben in den 60ern ein Freundschaftsspiel gegen Real Madrid gespielt.“ Und dann schreibt Leistikow an Real, dass es nun mal Zeit wäre für ein Rückspiel und bekommt tatsächlich Post von Emilio Butragueño, der die Idee gar nicht schlecht findet. „Stell dir vor, Real kommt an die Bosestraße“, sagt Lu und lacht wieder. Aber bis es soweit ist, fährt Luise Pfannenschmidt zu jedem Heimspiel ins Friedrich-Ebert-Stadion. Dort wird sie von den Kavalieren der Viktoria sogleich geherzt und in die Luft gehoben. „Komm her, Lu, lass dich drücken“, rufen sie. Dann stellt sich Lu an die Stange und schaut den Spielern auf dem Rasen zu. Dort steht sie und blinzelt zufrieden in die Herbstsonne.
Nein, sie hat den Verein nicht im Stich gelassen.


Text: Philipp Köster
Foto: Christoph Buckstegen

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