Fußball

Krautzun: Ab durch die Mitte

In einem Alter, in dem sich andere Trainer allmählich zur Ruhe setzen, hat Eckhard Krautzun noch ein ganz großes Ziel vor Augen: Er will China zur Olympiamedaille bei den Spielen 2008 in Peking führen. Dazu beitragen soll ein neuer Stützpunkt im fränkischen Kurort Bad Kissingen. Reiner Pfisterer
Heft #49 11 / 2005
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Neulich hat sich Eckhard Krautzun auf unbekanntes Terrain begeben und den Beachvolleyballern während der Deutschen Meisterschaften in Timmendorfer Strand zugeschaut, anstatt Fußballer über den Rasen zu scheuchen. Natürlich ist der 63-Jährige im VIP-Pavillon als artfremd identifiziert worden, und deshalb hat er schnell klar gestellt, dass er nicht hier sei, um das süßliche Modebier aus schlanken Flaschen oder die leckeren Kanapees zu konsumieren. „Als Trainer“, dozierte Krautzun, „bist du immer auch Schüler“, und deshalb lerne er von allen Sportarten. Bei den Beachvolleyballern haben ihn „die Körperstabilität auf diesem wackligen Untergrund, die taktische Abstimmung und vor allem die soziale Kompetenz“ begeistert: „Die klatschen beim Seitenwechsel ja sogar ihre Gegner ab.“
Ob Krautzun auch seinen Schützlingen von der Weiterbildung an der Ostsee berichtet hat, ist nicht überliefert. Im Alltag beschäftigt sich der Weitgereiste seit einem dreiviertel Jahr mit jungen Fußballern aus China. „Chang hui“, schreit er bei den Übungseinheiten über den Platz, was so viel heißt wie „über die Flügel spielen“. Oder auch „na chu quin“ (den Ball halten) und „Quai dian“ (schneller spielen). 20 bis 30 der wichtigsten Fachtermini habe er sich angeeignet, erzählt Krautzun, was ihm nicht schwer gefallen sei, „weil ich ein Talent für Sprachen habe“. Eckhard Krautzun gehört zu der Spezies Trainer, die gerne mit dem Begriff Wandervogel beschrieben wird. Er selbst charakterisiert sich als „überzeugter Kosmopolit. Wenn du nicht abenteuerlustig bist und offen für alle Kulturen, kannst du einen Job, wie ich ihn mache, sowieso vergessen.“
Als Spieler war Krautzuns Karriere übersichtlich, in Kaiserslautern brachte er es auf drei Erstligaspiele. Als Trainer hat er jede Menge erlebt: Fünf Nationalteams, darunter die von Südkorea, Kenia und Kanada, sowie zahlreiche Klubs in aller Herren Länder hat der knorrige Mann betreut. Ob es nun 40 oder 50 Engagements gewesen sind, kann der gebürtige Essener nicht genau sagen, wohl aber, „dass der Rudi Gutendorf noch ein paar Stationen mehr hat“. Jetzt also China und mithin der Markt, der weltweit am schnellsten expandiert. „Wahnsinnige Objekte und wahnsinnige Investitionen laufen da“, hat der deutsche Trainer erkannt: „Versuchen Sie mal, einen Flieger nach da unten zu buchen. Sie kriegen keinen, weil alles voll mit Geschäftsleuten ist.“ Auch der Fußball soll im Reich der Mitte wachsen. 2008 finden die Olympischen Spiele in Peking statt, da erwartet das Land auch von den Kickern Edelmetall. Krautzun haben die chinesischen Funktionsträger geholt, „weil sie dachten, ich sei aufgrund meiner langjährigen Asienkontakte prädestiniert“. Wobei das Tätigkeitsgebiet nicht exakt definiert ist. Cheftrainer, Koordinator, Berater und Manager – das alles schließt sein Engagement ein.

Das Sportministerium bestimmt alles von oben

Dabei bewegt sich Krautzun in einem schwierigen Umfeld, weil sich das kommunistische China dem Westen nur langsam öffnet und weiterhin von einem rigiden Funktionärswesen bestimmt wird: „Das Sportministerium bestimmt alles von oben“, sagt Krautzun, „da wirst du schneller wegdelegiert, als du gucken kannst.“ Er selbst darf indes weitermachen, nachdem er sich mit dem von ihm betreuten chinesischen Team bei der U-20-WM in Holland wacker geschlagen hat. Nach Platz eins in der Vorrunde kam das Aus im Achtelfinale gegen Deutschland erst in der letzten Minute. Der „stets braun gebrannte Fahrensmann“ (taz) hat die Gunst der Stunde genutzt, um seinen Job mit gekonntem Eigenmarketing zu festigen. In einem „hervorragenden Spiel voller Dramatik und Klasse“ habe sich seine Mannschaft „viele Freunde in der Heimat und der Welt gemacht“. Überhaupt scheint der Junge aus dem Pott ganz und gar nicht an mangelndem Selbstvertrauen zu leiden. „Ich soll die Chinesen zu den Olympischen Spielen in Peking führen“, sagt Krautzun, „das Volk fordert mich.“ Womit der deutsche Trainer schlappe 1,3 Milliarden Menschen, ein Sechstel der Weltbevölkerung, hinter sich hätte. Hut ab, wer kann das schon von sich behaupten?

Vielleicht startet ein chinesisches Team in der Bayernliga

Bevor die Goldträume reifen, muss Krautzun jedoch schnöde Aufbauarbeit verrichten. Das tut er im nordfränkischen Kurort Bad Kissingen, wo im vergangenen Jahr die Deutsch-Chinesische-Fußball-Akademie (DCFA) gegründet worden ist, der Eckhard Krautzun als Leiter vorsteht. Hier sollen die chinesischen U-17-, U-19- und U-20-Kicker trainiert werden, um aus den Besten den Kader zu formen, der in drei Jahren beim Festakt unter den fünf Ringen in der Heimat durchstarten soll. Weil der Begriff Olympiateam geschützt ist, firmiert das Projekt unter dem Namen „08 Star Team“. Dass die DCFA im Süden der Republik ihre Zelte aufgeschlagen hat, empfindet Krautzun als „riesiges Privileg für Bad Kissingen“. Frankreich, England, Holland – „alle haben sich um dieses Ding gerissen, um bei den Chinesen den Fuß in die Tür zu bekommen“. Vielleicht haben die gestrengen Funktionäre den jetzigen Stützpunkt ja aus Gründen der Fürsorge gewählt. Schließlich müssen sie im beschaulichen Bad Kissingen kaum befürchten, dass die Talente den Verlockungen der westlichen Welt erliegen und fern der Heimat versacken.
Immerhin geht es um die Ehre der Republik: Um Chinas Fußballer auf Medaillenkurs zu trimmen, wird derzeit darüber nachgedacht, ein Auswahlteam in der Bayernliga starten zu lassen. „Die Verhandlungen mit dem DFB und dem bayrischen Verband laufen“, berichtet Krautzun. Wird das Vorhaben umgesetzt, eine ausländische Nationalmannschaft am deutschen Spielbetrieb teilnehmen zu lassen, käme dies im Fußball hierzulande einer Revolution gleich. Für den Trainer wäre es ein wichtiger Mosaikstein beim Bestreben, den chinesischen Nachwuchs an das internationale Niveau heranzuführen. Wenn die Mannschaft in drei Jahren in Peking vor der Weltöffentlichkeit bestehen muss, sieht sich der Chef selbst nicht unbedingt an vorderster Front: „Ich muss nicht mehr auf der Bank sitzen“, sagt Krautzun, „die U-20-WM in Holland war stressig genug.“ Doch wehe dem, der in solche Aussagen einen Tribut an das Alters hineininterpretiert. Der bekommt es mit dem nimmermüden Geist des Eckhard Krautzun zu tun, der das Ende seiner Trainerlaufbahn noch lange nicht gekommen sieht. Erst wenn er sich zur Ruhe gesetzt hat, will er seine in einem Tagebuch festgehaltenen Erlebnisse auf den Fußballplätzen dieser Welt sichten und veröffentlichen. Doch so weit sei es „frühestens in zwei bis drei Jahren“, versichert Krautzun, der sein Alter gerne relativiert. 63, das sei doch lediglich eine Zahl: „Biologisch fühle ich mich wie 40.“

Aus Heft 48, jetzt am Kiosk!

Text: Felix Meininghaus
Foto: Reiner Pfisterer

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